SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

Moderator: Elfa

f.j.neffe
Inventar
Inventar
Beiträge: 253
Registriert: 17.05.2010, 23:02
Wohnort: Pfaffenhofen
Kontaktdaten:

Täter tabu ?

Beitragvon f.j.neffe » 27.06.2013, 11:56

Sorry, aber ich finde das einfach haarsträubend, dass ein Schulleiter einem Kind solche Lasten und Schuldgefühle auflädt - die doch nicht das Kind verursacht hat sondern die Schule durch ihren verkehrten Umgang mit seinen Talenten.
Die Schule hat den Auftrag, PRÄDAGOGIK = Kinderführung zu machen.
Es ist nicht die Aufgabe des Kindes oder der Eltern, der Schule alle Probleme aus dem Weg zu räumen und Kinder "beschulbar" zur Verfügung zu stellen.
Wenn die Schule das nicht kann, muss SIE es lernen oder den Offenbarungseid leisten.
Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass Schule a) Probleme verursacht, sie b) immer größer macht, sie c) nicht lösen kann und dass man dann d) das totale Unvermögen der Pädagogik durch einen "Nachteilsausgleich" für das schlecht behandelte Kind auch noch verschleiert.
Es muss aufgehört werden, ihm ständig Nachteile zu machen.
Tat und Täter müssen beim Namen genannt werden; sie müssen ihre Fehler wiedergutmachen und dazulernen.
Die Opfer zu pathologisieren und dann noch mit konstruierten "Nachteilsausgleichen" zu korrumpieren, löst keine Probleme. Die geschaffen Nachteile müssen von denen auch konkret ausgeglichen werden, die sie geschaffen haben.
Es ist doch sehr auffällig, dass in der Diskussion um Schulprobleme, um Pädagogik und Therapie nie über Täter gesprochen wird.
Dabei geht es keineswegs darum, Täter zu verurteilen, wie sie einen verurteilt haben, sondern vielmehr gemeinsam sich die tatsächlichen Probleme bewusst zu machen und zu lösen.
Nur immer die nächste Therapiemaßnahme am Kind zu vollziehen, ist das Gegenteil von Problemlösung.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

Hoffnung
Inventar
Inventar
Beiträge: 945
Registriert: 26.01.2012, 19:59

SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlung zur Mutismustherapie

Beitragvon Hoffnung » 27.06.2013, 18:05

Ich bin aus folgenden Gründen FÜR eine mutismusspezifische Therapie durchgeführt von einem zertifizierten Mutismustherapeuten so früh wie möglich (also schon im Kindergartenalter).

1. ein fähiger Therapeut, der etwas von Mutismus versteht, kann auch einem 4Jährigen Kind in kindgerechter Weise die Vorteilhaftigkeit und Nützlichkeit des Redens nahebringen und so einen Änderungswillen herbeiführen.

2. bei einem kleinen Kind ist noch nicht alles so verfestigt und es hat noch nicht so viele negative Erfahrungen (auf Grund des Schweigens) mit Mitmenschen gemacht, so dass es leichter ins Reden hineinfinden kann

3. dem Kind wird dadurch jahrelanges Leiden erspart

4. ich glaube nicht, dass es selbstverständlich ist,dass Betroffene, die den Mutismus in voller Ausprägung ins spätere Jugendlichenalter und Erwachsenenalter mitschleppen, den Mutismus so vollständig überwinden, wie es bei mir und Exauster der Fall war

Wir hatten enormes Glück, dass wir einen so großen Leistungswillen und so großen Willen, in ein selbständiges Leben ohne Hilfsbedürftigkeit und Betreuungsbedürftigkeit im Erwachsenenalter hineinzufinden, hatten. Wir MUSSTEN aus dem Mutismus raus, weil es für uns ABSOLUT UNTERTRÄGLICH gewesen wäre, so weiterzuleben. Leider gibt es erwachsene Betroffene, die dann völlig resignieren und sich damit abfinden, in diesem furchtbaren Zustand zu leben, weil sie ihn "gerade noch ertragen können". Da vor allem im Jugendlichenalter oft eine massive Sozialphobie dazukommt, ist es da sehr schwer, einen Änderungswillen aufzubringen. Bei einem 4Jährigen Kind ist noch ALLES offen, das kann sich noch in jede Richtung entwickeln - und je rascher es in ein normales Kommunikationsverhalten hineinfindet, umso besser. Daher kann ich allen Eltern nur raten, da nicht zu experimentieren, sondern sich einen Therapeuten zu suchen, der nachweislich eine Ausbildung in Mutismustherapie und auch Erfahrung darin hat - da lohnt sich auch ein sehr weiter Anfahrtsweg. Betroffene, die im Jugendlichenalter noch mutistisch sind, obwohl sie schon viele Jahre Therapien hatten - hatten nicht die RICHTIGE Therapie.

Einem Erwachsenen, der zu keiner Änderung und keiner Therapie bereit ist, kann man leider nicht mehr helfen. Aber ich möchte alle Erwachsenen ermutigen - ZU SPÄT ist es für euch auch noch nicht. Es liegt jetzt an EUCH selbst, den ersten Schritt zu wagen und euch mit einer richtigen Mutismustherapie dabei helfen zu lassen. Ich weiß, wie schwer der erste Schritt ist - aber ihr könnt ihn wagen. Ihr habt nichts zu verlieren - ihr könnt nur gewinnen. Es ist einfach herrlich, wenn man uneingeschränkt reden kann!!! - Ihr könnt das auch schaffen!

Sonnenblume
Inventar
Inventar
Beiträge: 453
Registriert: 14.04.2005, 20:57
Wohnort: Leipziger Land

Beitragvon Sonnenblume » 27.06.2013, 18:19

Ein gut geschriebener Beitrag, Herr Neffe!

Aber auch die Erfahrungen von Flohmaus regen zum Nachdenken an.
Irgendwie zeigt es doch -auch in vielen anderen Berichten- einschließlich mir, dass es doch aufs Verhalten von Lehrern ankommt wie lang ein Mutismus erhalten bleibt und wie fest er wird.
Wenn alle Bedingungen stimmen, braucht es auch nicht unbedingt Therapeuten zur Beseitigung, bzw.
"Therapeut"= Behandelnder können viele (Lehrer, Erzieher, Eltern, Personen im Umfeld...) sein.
Zum Nachteilsausgleich wurde hier schon viel geschrieben,u.a. meine Meinung:

http://www.mutismus.de/forum/viewtopic. ... 2&start=15

Zum "Krankheitsgewinn"-da frag ich mich wer auf sowas kam. Ich für mich sah nie einen Gewinn in dem Schweigen, habe stets gelitten, wenn es nicht klappte, so wie ich mir vorgenommen hab.
Geholfen haben mir auch immer einfühlsame Lehrer, die ihren Beruf noch als Berufung sahen.
Daher sehe ich es als nur gerecht an, wenn von Seiten der Schule auf ein sel. mut. Kind entgegengegangen wird mit einem Nachteilausgleich (zeitlich begrenzt und je nach Fortschritten verringert ).

Mag sein, dass es einige gibt, die das Schweigen bequem finden, da muss dann aber ganz anders angesetzt werden, zuallererst am Willen zur Veränderung.

Am Günstigsten ist es natürlich, wenn der Mutismus noch im Vorschulalter überwunden wird, da fallen schon mal eine ganze Reihe Schulprobleme weg und der Nachteilsausgleich. Das muss aber auch nicht heißen, dass das mutistische Problem nicht irgendwann mal wieder auftauchen kann.

Wir hatten enormes Glück, dass wir einen so großen Leistungswillen und so großen Willen, in ein selbständiges Leben ohne Hilfsbedürftigkeit und Betreuungsbedürftigkeit im Erwachsenenalter hineinzufinden, hatten. Wir MUSSTEN aus dem Mutismus raus, weil es für uns ABSOLUT UNTERTRÄGLICH gewesen wäre, so weiterzuleben.



Damit sind wir schon 3 :wink:

Liebe Grüße, Heike
Unterschätze mich nicht. Nur weil ich still bin.
Ich weiß mehr als ich erzähle,
denke mehr als ich spreche und bekomme mehr mit, als du denkst!

_._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._
Facebook-Gruppe: "selektiver Mutismus- soziale Ängste"

Exauster
Inventar
Inventar
Beiträge: 340
Registriert: 24.10.2012, 21:50

Beitragvon Exauster » 27.06.2013, 18:23

Werter Franz Josef Neffe,
ich muss gestehen, dass ich total verwirrt bin, was Deine Ansichten über das Wesen und die Aufgabe der Schule betrifft.
Und wenn Du schreibst:
Tat und Täter müssen beim Namen genannt werden; sie müssen ihre Fehler wiedergutmachen und dazulernen.


Von welcher Tat, von welchem Täter sprichst Du da?

f.j.neffe
Inventar
Inventar
Beiträge: 253
Registriert: 17.05.2010, 23:02
Wohnort: Pfaffenhofen
Kontaktdaten:

Nach oben blockiert

Beitragvon f.j.neffe » 27.06.2013, 18:33

Exauster hat geschrieben:Werter Franz Josef Neffe,
ich muss gestehen, dass ich total verwirrt bin, was Deine Ansichten über das Wesen und die Aufgabe der Schule betrifft.
Und wenn Du schreibst:
Tat und Täter müssen beim Namen genannt werden; sie müssen ihre Fehler wiedergutmachen und dazulernen.


Von welcher Tat, von welchem Täter sprichst Du da?



Das habe ich in meinem Text doch ganz klar benannt.
Erkennst Du, wie wir programmiert sind, in der Hierarchie nach oben nichts zu sehen?
Sehen kann man aber wieder lernen.
Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

Hoffnung
Inventar
Inventar
Beiträge: 945
Registriert: 26.01.2012, 19:59

SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlung zur Mutismustherapie

Beitragvon Hoffnung » 27.06.2013, 18:53

Ich finde auch, dass "Krankheitsgewinn" ein etwas eigenartiger Ausdruck ist. Es ist natürlich damit nicht gemeint, dass es so toll ist, krank zu sein oder dass man sich dabei gut fühlt - sondern dass man Vorteile daraus zieht, dass man wegen seiner Krankheit bestimmte Dinge nicht machen kann und daher mit Selbstverständlichkeit verlangt, dass andere das für einen machen.

Bei mir war es in der Grundschulzeit so, dass NIEMAND ernsthaft von mir erwartet hat, dass ich rede. Es wurde als selbstverständlich hingenommen, dass ich nicht rede. Die Situation in der Schule war ja nicht kritisch, weil ich lehrstoffbezogen gesprochen habe - und sonstiges Sprechen ist nicht nur von mir sondern auch von meiner Familie nicht wirklich als notwendig angesehen worden. Es war mir in dem Alter auch nicht peinlich, nichts zu sagen, wenn mich jemand angesprochen hat - es war einfach normal - und es war normal, zu verlangen, dass alles für mich erledigt wird - und auch das wurde von meiner Familie bereitwilligst gemacht. Insofern habe ich also das Nichtreden schon ausgenützt, um mir Vorteile zu verschaffen. Ich habe nie den geringsten Versuch gemacht, zu reden - und ich habe es auch nicht vermisst, dass ich mit den anderen Kindern nicht spielen und nichts unternehmen konnte - ich war mit meinem Leben, mit Allein-Spielen, Lesen usw. zufrieden.

Erst mit 13 hat die Schule darauf gedrängt, dass jetzt doch etwas unternommen werden muss und so wurde ein mehrmonatiger ambulanter Therapieversuch unternommen, wo ich total verweigert habe, weil ich das Reden zu dem Zeitpunkt auch noch nicht als notwendig empfunden habe. Über die Zeit nach der Schule habe ich mir da noch nicht so viele Gedanken gemacht - da hatte ich ja noch 5 Jahre Zeit. Auch zu der Zeit, ist alles noch so gelaufen, wie es angenehm für mich war.

Unter dem Mutismus gelitten habe ich erst ca. ab dem Alter von 15, wo es dann schon peinlich geworden ist, wenn ich überall mit meinen Eltern hingehen musste und niemandem Antwort gegeben habe - und so oft sehr deutlich gespürt habe, dass ich für geistig behindert gehalten werde. Das Schrecklichste war, dass ich mir in dem Alter schon Gedanken über die spätere Zukunft gemacht habe und mir absolut nicht vorstellen konnte, dass ich jemals mit dem Reden anfangen könnte und mir dadurch überhaupt keine Zukunft vorstellen konnte. Trotzdem konnte ich mit keiner Änderung anfangen - die "Zukunft" war ja noch 3 Jahre entfernt - noch ist es ja ohne Reden gegangen - noch konnte ich meine Familie herumhetzen, was sie alles für mich machen müssen - und mit Selbstverständlichkeit gemacht haben. Ich musste also erst an dem Punkt ankommen, wo ich als Erwachsene als arbeitsunfähig und betreuungsbedürftig dagestanden wäre - das war bei mir der Umkehrpunkt - der Weg raus aus dem Mutismus musste JETZT in Angriff genommen werden und es hat dann auch in dem Bereich, wo das Reden wirklich notwendig war, relativ schnell gut funktioniert. Nur auf Dinge, die mir nicht "wichtig genug" waren, habe ich lange Zeit noch lieber verzichtet, als mich der Redesituation zu stellen.

Exauster
Inventar
Inventar
Beiträge: 340
Registriert: 24.10.2012, 21:50

Beitragvon Exauster » 27.06.2013, 19:24

"Krankheitsgewinn" ist wirklich kein glücklicher Ausdruck. Ich hatte nie das Gefühl, wirklich etwas zu gewinnen - nur immer ganz kurzfristig, wenn mir jemand etwas abnahm, was ich nicht selbst leisten konnte. Aber mir war immer bewußt, dass ich es EINES TAGES selbst machen würde müssen und mir graute lange vor diesem Tag.

Mir fällt da eine Anekdote der unschönen Art ein, die ich jetzt einfach erzähle. Ich muss 12 oder 13 gewesen sein, als ich mit meiner Mutter bei entfernten Verwandten im Ausland zu Besuch war, wo es ein großes Abendessen mit vielen Gästen gab. Meine Mutter war mein stilles Verhalten gewöhnt und benahm sich völlig normal und plauderte mit allen. Ich fühlte mich total unbehaglich unter den vielen Menschen und in der fremden Umgebung, schwieg vor mich hin und verdrückte mich sobald ich konnte in eine stille Ecke im Garten, wo mich niemand finden konnte.
Unter den Leuten waren einige Jugendliche, die sich nach dem Essen auch in den Garten verzogen, ohne mich zu bemerken. Und da hörte ich, wie sie über mich herzogen, dass ich wohl "behindert" sei, und wie sie sich über meine Mutter lustig machten, die wohl von mir erzählt hatte, dass ich gute Noten in der Schule hätte oder was weiß ich... Sie glaubten, meine Mutter hätte bloß Lügen über mich erzählt... Ich weiß noch, dass ich nach diesem Erlebnis stundenlang geheult habe, voller Selbsthass, weil ich so war wie ich war... Bis ich mir die Frage stellte: Muss das denn so sein? Habe ich es nicht selbst in der Hand das zu ändern?

Ja, und dann habe ich es eben geändert - weil so etwas zu erleben, das ist grausam, und davor kann einen niemand beschützen. Nur man selbst kann das.

Benutzeravatar
Schlusi
Urgestein
Beiträge: 2285
Registriert: 17.03.2005, 16:56
Wohnort: Niedersachsen

Beitragvon Schlusi » 28.06.2013, 06:37

Ich muss sagen, dass ich Herrn Neffe ganz eindeutig verstehe, ich genau weiß, was er meint. Und ich finde es gut, dass Herr Neffe sich endlich mal vorgewagt hat und sich gezeigt hat, offenbart hat, dass er einst selbst ein schüchterner Junge mit einer ansatzweisen mutistischen Problematik war und somit wirklich hierher gehört und zu uns gehört. Ganz egal, was er propagiert. Man kann und darf ihm folgen, man muss es nicht. So sehe ich das.

Wenn alle Bedingungen stimmen, braucht es auch nicht unbedingt Therapeuten zur Beseitigung, bzw.
"Therapeut"= Behandelnder können viele (Lehrer, Erzieher, Eltern, Personen im Umfeld...) sein.

Ganz genau, Therapeuten können nicht nur viele sein, sondern müssen viele sein. Was nützt mir ein Therapeut, der sagt, dass ich toll bin, wie ich bin und ein Umfeld, was genau das Gegenteil vermittelt. Genau an diesem Zwiespalt sind wir hier teil- und zeitweise auch gescheitert.

Und zum Thema "Krankheitsgewinn"... ich kann damit auch nichts anfangen. Wo soll Krankheitsgewinn sein, wenn eigentlich Leid da ist, wenn das Kind darunter leidet, dass es nicht so sein kann, wie andere, dass es nicht sprechen kann, wo es doch gerne möchte.

Für mich ist das genau die gleiche Kiste, wie immer behauptet wird, dass Autisten keine Gefühle haben.

Das sind alles Eindrücke von außen, von Menschen, die es nicht besser wissen, meiner Meinung nach.

Schlusi :)
Tochter *99, mutistisch+Asperger Syndrom

Exauster
Inventar
Inventar
Beiträge: 340
Registriert: 24.10.2012, 21:50

Beitragvon Exauster » 28.06.2013, 06:54

Ich habe das Gefühl, den Eindruck - und vielleicht täusche ich mich ja - dass Franz Josef Neffe eine Art "idealer Welt" propagiert, die wir uns natürlich alle wünschen würden, die es aber nicht gibt.
Die Welt in der wir leben ist nicht ideal, aber wir können das (jetzt, sofort) nicht ändern (wir können und sollen es natürlich immer versuchen). Aber (jetzt, sofort) müssen einfach versuchen, so gut wie möglich in der bestehenden Welt zurecht zu kommen.

Koalabär
Forums-Profi
Forums-Profi
Beiträge: 84
Registriert: 24.01.2013, 15:33

Beitragvon Koalabär » 28.06.2013, 08:43

zu den empfehlungen habe auch ich ganz viele z.t. kritische gedanken, kann sie aber leider noch nicht so richtig in worte fassen. speziell punkt 8 finde ich sehr heikel und hoffe, bald meine Ideen ordnen und hier einbringen zu können.
und dir, lieber fjn, möchte ich gratulieren. du weisst ja, dass ich deine beiträge oft nicht verstehe und ziemlich verwirrend finde (ich habe mühe mit so esoterischen sprachgebilden...), aber in dieser diskussion, seit du den sehr persönlichen beitrag über dich geschrieben hast, verstehe ich alles und es ist klar und deutlich! super!
"Man kann von einem Mutisten ruhig 200% verlangen, damit er 100% schafft."

Hoffnung
Inventar
Inventar
Beiträge: 945
Registriert: 26.01.2012, 19:59

SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlung zur Mutismustherapie

Beitragvon Hoffnung » 28.06.2013, 16:47

Ich möchte anmerken, dass es durchaus nicht so sein muss, dass mutistische Kinder generell in jeder Phase des Mutismus darunter leiden, eigentlich sprechen wollen und verzweifelt darüber sind, dass sie es nicht schaffen. Ich habe über einen sehr langen Zeitraum meiner Mutismuszeit Tagebuch geführt und kann daher meine damaligen Gedanken, Gefühle, Einstellung zum Reden genau nachvollziehen. Für mich war Reden über viele Jahre hindurch einfach nicht notwendig, wurde von mir nicht erwartet und ich hatte auch kein Bedürfnis danach, z.B. mit anderen Kindern reden zu können, um mit ihnen spielen zu können. Es war selbstverständlich, dass für mich geredet wurde und ich alles bekommen habe, was ich wollte - wozu hätte ich da also reden sollen? Es war da überhaupt keine Einsicht gegeben.

Auch mit 13, wie es den Therapieversuch gab, war noch keine Einsicht da - und es wurde bei der Therapie nicht der geringste Versuch unternommen, mich zur Einsicht zu bringen! Ich habe die Therapie als interessante Abwechslung im Alltag betrachtet - ich bin sogar gern hingegangen, habe interessiert beobachtet, wie sich die Psychologin bemüht und alles im Tagebuch genau analysiert und kommentiert. Allerdings bin ich völlig versteinert und mit starrer Mimik dortgesessen. Ich musste mich ja wappnen, damit die Psychologin nicht womöglich mit irgendeinem Trick mich zu der "völlig unnötigen Sache REDEN" verleitet. Die Psychologin hat meine Einstellung sehr gut erkannt "Wir werden schon sehen, wer stärker ist" - und hat - LEIDER - nicht gewusst, was sie dieser Abwehr entgegensetzen soll. Wäre man damals richtig vorgegangen, wären mir 6 Jahre extremer Verzweiflung erspart geblieben - nämlich ab dem Zeitpunkt, wo die Einsicht zwar da war, ich aber nichts ändern konnte. Ich glaube aber, dass man auch in dieser Zeit mit den damaligen Therapiemethoden nichts erreicht hätte und ich bei einem späteren Therapieversuch wieder verweigert hätte. Heute gibt es wirklich tolle Therapiemethoden - besonders begeistert bin ich vom Konzept der Symuttherapie - aber leider wissen auch heute viele Psychologen nicht, wie sie mit einem mutistischen Kind umgehen müssen.

Ich möchte allen Eltern davor abraten, zuzuwarten, wie die Entwicklung des Kindes weitergeht, ob nicht von selbst der Wunsch zu sprechen, kommt, ob nicht von selbst die "Einsicht" kommt oder sich mit geringen Fortschritten zufrieden zu geben. Letztlich ist ja bei mir "von selbst" die Einsicht gekommen und ich habe es sogar "von selbst" vollständig aus dem Mutismus rausgeschafft - es war aber mit extremem Leiden davor verknüpft. Dieses Leiden kann man den Kindern heute ersparen. Eltern sollten sich nicht darauf einstellen, das Mutismusbewältigung etwas Langwieriges ist, das sich die ganze Kindheit und Jugend durch zieht und vielleicht nie ganz geschafft wird. Ein wirklich fähiger in Mutismustherapie erfahrener Therapeut kann die Einsicht und den Willen des Kindes in der dem jeweiligen Alter entsprechenden richtigen Art wecken - und wenn Einsicht und wirklicher Wille da ist - geht es auch, und je jünger das Kind ist, umso leichter geht es. Es geht da nicht darum, das Kind "möglichst rasch zum Funktionieren zu bringen", weil man in der heutigen Zeit eben "funktionieren" muss. Sondern es geht darum, dass das Kind glücklich wird - schon in der Kindheit und vor allem im späteren Leben, weil gute Kommunikationsfähigkeit einfach ein Schlüssel zu einem glücklichen Leben ist. Ich glaube, dass Mutismus grundsätzlich und immer vollständig heilbar ist, wenn früh genug begonnen wird und durch den frühen Beginn noch keine Folgeschäden eingetreten sind.

Sonnenblume
Inventar
Inventar
Beiträge: 453
Registriert: 14.04.2005, 20:57
Wohnort: Leipziger Land

Beitragvon Sonnenblume » 30.06.2013, 10:22

Hallo,

wenn der Nachteilsausgleich vermieden werden soll und als "mutismusfestigend" bezeichnet wird
sollte man aber auch die anderen Kommunikationsmöglichkeiten, wie Internet, kritisch betrachten.
So nach dem Motto:"warum soll ich telefonieren, wenn ich auch mailen kann?"
Im Zuge der immer mehr zunehmenden Elektronisierung greift die "Maulfaulheit" auch immer mehr um sich.
Das sollte auch in einer guten Mutismustherapie bedacht werden, handelt es sich um einen angstbedingten Mutismus, sollte auch genauso an den Ursachen/ Auslöser mitgearbeitet werden.
Eine symptomorientierte Therapie reicht hier nicht aus um völlig normalredend zu leben.
Es sollte also nach den Hintergründen des Schweigens entschieden werden, was/wielange einem
Betreffenden gewährt wird.
Grundsätzlich finde ich auch, dass ein Mutismus so früh wie möglich ERKANNT, die besten Chancen hat völlig beseitigt zu werden. Das ERKENNEN des Problems und rechtzeitige GEGENSTEUERN ist hierbei entscheidend. Es gibt nicht nur EINE Mutismustherapie und auch nicht die BESTE.
Für jeden Fall kann eine andere Möglichkeit die BESTE sein.
WICHTIG ist nur, dass das Kind von Anfang an unterstützende, helfende, liebende Eltern hat, denen es voll vertrauen kann. Sie dürfen dem Kind nicht das Reden abnehmen, aber sollten mithelfen die Blockaden zu beseitigen, die das Sprechen des Kindes verhindern.

Schönen Sonntag!
Heike :wink:
Unterschätze mich nicht. Nur weil ich still bin.
Ich weiß mehr als ich erzähle,
denke mehr als ich spreche und bekomme mehr mit, als du denkst!

_._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._
Facebook-Gruppe: "selektiver Mutismus- soziale Ängste"

Hoffnung
Inventar
Inventar
Beiträge: 945
Registriert: 26.01.2012, 19:59

SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlung zur Mutismustherapie

Beitragvon Hoffnung » 30.06.2013, 11:39

Ich persönlich glaube, dass MIR die Symuttherapie am ehesten hätte helfen können - aber ich will damit keineswegs sagen, dass es nicht andere Therapien gibt, die auch gut helfen. Es ist auch der Hintergrund jedes mutistischen Kindes ein anderer. In meinem Fall war es so, dass sich viele Jahre lang überhaupt niemand darum gekümmert hat. Ich glaube, dass das heute eher weniger der Fall ist, weil da Kindergarten, Schule, Jugendamt die Eltern von Anfang an sehr - in vielen Fällen zu sehr - bedrängen. Bedrängen, ohne Mutismus richtig zu verstehen. Ich finde die systemische Mutismustherapie auch deswegen so toll, da bei dieser Therapie das ganze Umfeld des Kindes mit einbezogen wird, Verständnis für diese Blockade geschaffen wird, aber auch konkrete Tipps gegeben werden, wie die mit dem Kind in Kontakt stehenden Personen konkret mit dieser Blockade umgehen sollen.

Natürlich ist Mutismustherapie nicht ein rein mechanisches "Reden lernen" sondern es müssen auch die dahinter steckenden Ängste bearbeitet werden. Trotzdem gaube ich, dass das Reden bei allen Therapiemaßnahmen immer im Vordergrund stehen muss, dass also Therapien, die sich nur auf Angstbewältigung konzentrieren, Spieltherapien, die nicht direktiv auf das Reden gerichtet sind, nicht den richtigen Erfolg bringen können. Es sollte also auch bei Erlernen von Angstbewältigungsstrategien immer der Blick auf das Ziel "Reden" gerichtet sein, sonst schweigt das Kind eben mit weniger Angst weiter.

Hyazinthe
Urgestein
Beiträge: 1807
Registriert: 29.03.2004, 20:24
Wohnort: Hamburg

Beitragvon Hyazinthe » 30.06.2013, 16:09

Hallo Hoffnung,

ich möchte Dir voll zustimmen! Auch ich habe mich alleine aus dem Mutismus herausgekämpft und hätte mir im Nachhinein Hilfe in Form einer Symut-Therapie erhofft.

Hallo Sonnenblume,

wovor ich eindringlich aber warnen möchte, ist den Begriff 'subjektiver Krankheitsgewinn', der von manchen Psychologen oder auch Sprachheiltherapeuten gebraucht wird, allzu ernst zu nehmen. Auch wenn bei einem Kind noch nicht die volle Einsicht in sein Leiden vorhanden ist - damit (mit dem Störungsbewusstsein) geht man ohnehin als Sprachtherapeut/in sensiblel um und nicht wie die Axt im Wald - so bin ich nicht sicher, ob man hier etwas bescheunigen soll oder das Kind einfach erstmal zum Reden ermuntern. Das Schlimmste wäre ein'Machtkampf' zwischen Kind und Therapeutin. Es ist schon so, dass das Kind - auf der Grundlage seiner Störung - sich weniger Spannung aussetzt, wenn es aktuell z.B. in einer außerfamiliären Situation schweigt. Das tut es aber nicht, um sich einen Vorteil gegenüber den Sprechenden zu verschaffen. In diesem Sinne möchte ich ganz mit Hoffnung sagen: Sprechen können ist etwas sehr wichtiges und Positives. Die Freude am Sprechen (am Kommunizieren) wird nicht dadurch verstärkt, dass man dem Kind andere Kommunikationsmöglichkeiten verbietet. Das sage ich als Sprachtherapeutin und als ehemalige Betroffene. Natürlich darf der Medienkonsum nicht überhand nehmen,ist aber grundsätzlich eine weitere Möglichkeit, zu kommunizieren. Den 'Nachteilsausgleich' sehe ich aus ganz anderen Gründen als falsch an: beim Kind soll nicht der Eindruck enstehen, dass es etwas nicht kann - nämlich reden. Es entwickelt dann über ein angemessenes Problembewusstsein hinausgehend vielleicht ein Krankheitsbewusstsein. Dabei ist auch dem Kind klar, dass es eigentlich (situationsbedingt) ja reden kann. Viele Grüße!

Exauster
Inventar
Inventar
Beiträge: 340
Registriert: 24.10.2012, 21:50

Beitragvon Exauster » 30.06.2013, 16:24

[/quote]Den 'Nachteilsausgleich' sehe ich aus ganz anderen Gründen als falsch an: beim Kind soll nicht der Eindruck enstehen, dass es etwas nicht kann - nämlich reden. Es entwickelt dann über ein angemessenes Problembewusstsein hinausgehend vielleicht ein Krankheitsbewusstsein. Dabei ist auch dem Kind klar, dass es eigentlich (situationsbedingt) ja reden kann.[quote]

Genau das meine ich! Danke Hyazinthe.


Zurück zu „Mutismus-Forum“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste