SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

Moderator: Elfa

Hoffnung
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SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlung zur Mutismustherapie

Beitragvon Hoffnung » 30.06.2013, 18:59

Ich finde auch, dass die Aufmerksamkeit des Kindes nicht auf das gelenkt werden soll, was es nicht kann - sondern auf das, was es kann - was es SEHR GUT kann. Freude am Erwerb von Wissen, Fähigkeiten, Kenntnissen soll geweckt werden - und dazu gehört dann auch, dieses Wissen entsprechend zeigen zu können - durch REDEN zeigen zu können. Wenn einem mutistischen Kind auf POSITIVE Art vermittelt wird, wie toll das ist - und dass es das SELBSTVERSTÄNDLICH kann, wenn ihm die wirkliche Notwendigkeit bewusst wird - dann wird es innerhalb eines Zeitraums in das Reden hineinfinden, in dem die Noten noch nicht so maßgeblich sind - daher bin ich bei einem Schulanfänger ganz strikt gegen Nachteilsausgleich.

Vielleicht muss man das bei einem Jugendlichen ein bisschen differenzierter sehen - wenn dieser Jugendliche bisher keine geeignete Therapie bekommen hat, voll im Mutismus drinsteckt und das weitere Verbleiben an der Schule davon abhängt, ob er mit schriftlichen Arbeiten so gute Leistungen erbringen kann, dass er die Schule schafft. Da würde ich für einen begrenzten Zeitraum einem Nachteilsausgleich zustimmen. Aber auch da müsste man das Bewusstsein schaffen, was Reden für eine Bedeutung hat - dass auch ein Abschlusszeugnis mit lauter Sehr Gut überhaupt keinen Wert hat, wenn er nicht in eine normale Kommunikation hineinfindet, weil es KEINEN anspruchsvollen Beruf gibt, in dem sehr gut reden können nicht von immenser Bedeutung ist. Und gleichzeitig muss das Bewusstsein geschaffen werden, dass der Jugendliche das KANN, dass er es wirklich schaffen kann. Es gibt ja hier im Forum ein paar sehr positive Beispiele. Das Hauptproblem ist, wenn man voll im Mutismus drinsteckt, dass man es sich ÜBERHAUPT nicht vorstellen kann, wie das ist, wenn man völlig frei reden kann. Ich konnte es mir auch nicht vorstellen. Aber ich kann allen Mutisten sagen : Es ist SUPER - und ich kann jetzt nicht mehr verstehen, warum ich das einmal als so unmöglich angesehen habe. Wenn man es aus dem Mutismus rausgeschafft hat, ist es ganz leicht, selbstverständlich - und man kann mit ALLEN Redesituationen zurechtkommen. Keine Redesituation kann so furchtbar sein, wie die Situation im Mutismus, wenn man starr dasteht und von den Leuten für blöd oder behindert angesehen wird und nichts dagegen tun kann.

julia28
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Beitragvon julia28 » 30.06.2013, 19:15

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Beitragvon Hoffnung » 30.06.2013, 19:44

Der Unterschied zwischen schlecht sehen und Mutismus ist - dass jemand, der schlecht sieht, tatsächlich eine Brille braucht, weil er ohne Brille wirklich nicht gut sehen kann. An dem Schlechtsehen wird sich mit Garantie nichts ändern, wenn man den Betroffenen zu überzeugen versucht, dass er sehr gut sehen kann!

Jemand, der Mutismus hat, kann aber grundsätzlich reden - und gerade diese Überzeugung, dass das Kind reden KANN, muss im Kind bestärkt werden. Durch solche Hilfsmaßnahmen, die dem Kind von Erwachsenen praktisch "aufgezwungen" werden, wird es darin bestärkt, dass es NICHT reden kann. Ein sechsjähriges Kind sagt nicht: "Bitte ich will einen Nachteilsausgleich, weil ich nicht reden kann". Ein sechsjähriges Kind weiß ja gar nicht, dass es einen Nachteilsausgleich gibt! Daher finde ich, dass es durchaus möglich ist, ein mutistisches Kind, das mit der Schule anfängt - unterstützt durch eine geeignete Mutismustherapie!- ohne Nachteilsausgleich mit der Schule beginnen zu lassen. Im ersten Schuljahr gibt es ja noch keine Noten - und bis zum zweiten Schuljahr kann ein mutistisches Kind mit den richtigen therapeutischen Hilfen seine Ängste so weit bewältigen, dass es in dem Bereich, der ihm als wirklich wichtig und notwendig bewusst ist, das Reden schaffen kann.

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Beitragvon julia28 » 30.06.2013, 20:16

liebe grüße julia :) :oops: :oops:
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Beitragvon Hoffnung » 30.06.2013, 20:25

Die Anerkennung der Störung kann auch in der Art erfolgen, dass die Lehrer so darüber informiert werden, dass sie das Kind nicht in einer Art bedrängen, was das Reden betrifft, die kontrapoduktiv ist. Aber es muss auch in den Lehrern das Bewusstsein geschaffen werden, dass Mutismus etwas Vorübergehendes,vollständig Bewältigbares ist - dass das mutische Kind ein "normales" Kind ist, das vorübergehend ein Redeproblem hat.

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Beitragvon julia28 » 30.06.2013, 20:32

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Beitragvon Hoffnung » 30.06.2013, 20:45

Meine Ansicht ist, dass keine Therapie (im psychischen Bereich) dem Betroffenen irgendetwas von der Arbeit und der Verantwortung abnehmen kann. Der Therapeut kann dem Betroffenen nur zeigen "wie die Arbeit geht" und ihn darin bestärken, dass er die Arbeit schaffen kann.

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Beitragvon julia28 » 01.07.2013, 04:37

liebe grüße julia :) :oops: :oops:
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Beitragvon Hyazinthe » 01.07.2013, 09:37

Hallo,

ich habe noch einen guten Text zum Thema 'Nachteilsausgleich' gefunden:

"Die Anerkennung des Faktums, dass sich Kinder unterschiedlich entwickeln, darf zu keinem Verlust einer exzentrischen Position führen. Eine mangels externe Kriterien kritiklose Identifizierung mit den jeweiligen kindlichen Entwicklungsverläufen, der Normalität des Andersseins verpflichtet, übersieht bestehende Entwicklungsnotwendigkeiten - zum Schaden der Kinder. 'Bezogen auf Kinder mit Entwicklungsproblemen bzw. Lernbehinderungen heißt das, dass wir, selbst wenn wir die Lernbehinderung nicht nur als Defizit, sondern auch als subjektiv sinnvolle Raktion auf einschränkende Lebensverhältnisse begreifen, dennoch sehen müssen, dass diese zu gravierenden Einschränkungen der Lebenschancen von Kindern und Heranwachsenden führen. Dies anzuerkennen kann aber doch nicht heißen, die Lernbehinderung, quasi als gleichberechtigte Lebensform einfach hinzunehmen, sondern muss doch die Anstrengung motivieren, dem Kind genau die Unterstützung zu gewähren, die es ihm erlaubt, das Risiko neuer Entwicklungsschritte zu wagen. Eine solche Unterstützung, und das ist der springende Punkt, lässt sich aus der Position egalitärer Differenz"(oder auch Inklusionsgeschwafel) "nicht begründen. Sie ergibt sich nur aus der Position der Fürsorge, die der Verantwortung des Erwachsenen für das Kindbzw. der Gesellschaft für die nachwachsene Generation inhärent ist' (Katzenbach 2000, 42). Was hier fü Kinder mit Lernbeeinträchtigungen ausgeführt wurde, gilt ebenso für Kinder mit anderen Behinderungen und psychosozialen Beeinträchtigungen" ´(aus: Ahrbeck: Der Umgang mit Behinderung, 2011). Schönen Tag!

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Beitragvon julia28 » 01.07.2013, 14:32

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Michael
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Beitragvon Michael » 01.07.2013, 15:31

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Ich war über 30 Jahre lang totaler Mutist!

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Beitragvon Hoffnung » 01.07.2013, 16:43

Ich möchte noch ein paar Gedanken zur Unterstützung Erwachsener, die sich entschlossen haben, aus dem Mutismus rauszuwollen, anführen. Julia schreibt da, dass man z.B. Unterstützung bei Amtswegen usw. braucht. Ich stimme da zu, dass ein Erwachsener, der noch voll im Mutismus drinsteckt, auch wenn er mit festem Willen daran arbeitet, am Anfang etwas Unterstützung bei schwierigen Situationen braucht.... Aber die Unterstützung sollte minimal sein - da ist die geringste Hilfe die beste Hilfe, weil sie dem Betroffenen aus dem Mutismus raushilft.
Ich kann da nur aus eigener Erfahrung sagen, dass ich es in dem Bereich, der wirklich notwendig war, rasch geschafft habe. Aber ich habe noch lang, wenn sich irgendwie eine Möglichkeit ergeben hat, jemanden aus meiner Familie mit irgendwelchen Erledigungen zu beauftragen, diese Möglichkeit genutzt. Wenn sich meine Mutter konsequent geweigert hätte, hätte ich es selbst machen können - es hätte mich Überwindung gekostet, aber ich hätte es gekonnt. Im Nachhinein weiß ich natürlich, wie dumm das von mir war. Wenn ich dieses blöde Vermeidungsverhalten gelassen hätte, hätte ich es viel schneller in ein völlig freies Leben hineingeschafft - und auch wenn ich nicht so sehr unterstützt worden wäre. Ein wesentlicher Punkt ist die wirkliche und unmittelbare Notwendigkeit. Nur diese Notwendigkeit bringt einen Mutisten dazu, sich auch wirklich zu überwinden. Ich betrachte dieses Stadium des Vermeidens nicht mehr als "richtigen Mutismus" sondern als Übergang zu extremer Schüchternheit. Es geht - wenn es wirklich sein muss! Gerade ein Erwachsener, der intellektuell ja voll versteht, wie sehr er durch den Mutismus beeinträchtigt ist - und den Willen gefasst hat, aus diesem grauslichen Zustand rauszukommen, kann es mit dem Einsehen der tatsächlichen Notwendigkeit und mit der objektiv gegebenen tatsächlichen Notwendigkeit am besten schaffen.

Irgendwann hat man es dann nämlich wirklich richtig geschafft - dann denkt man bei einer Erledigung gar nicht mehr daran, dass man da reden muss. Reden ist da zu so einer Nebensächlichkeit geworden, dass man gar keinen Gedanken mehr daran verschwendet, sondern es einfach tut. Dieser Zustand ist HERRLICH - und ich wünsche allen Mutisten, dass sie diesen Zustand erreichen.

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Beitragvon Exauster » 01.07.2013, 18:57

Ich MUSSTE mit 15 Jahren zum ersten Mal einen Amtsweg erledigen - es war wichtig, und niemand sonst hatte Zeit. Ich hatte Angst davor, und wie! Tagelang bereitet ich mich mental darauf vor. Und dann stellte sich heraus, dass man mir noch dazu eine falsche Adresse gesagt hatte - und ich musste mich durchfragen! Ihr könnt Euch sicher vorstellen, was das für ein Horror für mich war. Aber mit unerledigten Auftrag zurückzukommen - das wäre ausgeschlossen gewesen, das hätte man mir nicht verziehen und ich mir selbt auch nicht.

Und als ich es geschafft hatte... ich fühlte mich toll. Und beim nächsten Mal ging es schon viel besser, und dann immer besser und besser. Bis ich - wie Hoffnung schreibt - gar nicht mehr darüber nachdachte. Irgendwann geht man dann einfach in die Situation hinein und vertraut daruaf, dass man schon irgendwie klarkommt, indem man sich eben einfach durchfragt. Die meisten Leute sind nämlich sehr hilfsbereit, wenn man fragt. Aber fragen muss man - das muss man lernen.

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Beitragvon Rosa » 01.07.2013, 22:37

MMh,schwieriges Thema.
Sicher lernt man am besten,indem man einfach in die Welt geschmissen wird und durch Erfolge lernt Mut zu haben.
Aber wenn der Karren schon so tief gesunken ist...kann das auch nach Hinten los gehen.Ist es nicht möglich,das mancher sich dann ganz vergräbt und sich zurück zieht ?
wer aus dem mutimus raus will, für den ist die Konfrontation sicher das beste "Heilmittel"...aber wer dermaßen Angst hat,wer gelähmt ist....der schafft den ersten schritt nicht.Vorallem muß er erst lernen wie das alles geht, wie man sich verhält,wie man fragt usw.
So lange man positive Rückmeldungen bekommt,solange alle nett antworten mag es ja eine positive Wirkung haben.Aber was ist ,wenn man diesen Erfolg nicht spürt ? was wäre gewesen,wenn du Exauster , die Adresse nie gefunden hättest ?
Liebe Grüße
Rosa

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Beitragvon julia28 » 01.07.2013, 22:40

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