SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

Moderator: Elfa

Exauster
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Beitragvon Exauster » 02.07.2013, 05:40

Das ist ein wichtiger Punkt... was tun, wenn jemand NICHT nett und hilfsbereit ist?
Das passiert natürlich. Immer wieder. Man gerät an grantige, unfreundliche, unangenehme Leute. Ist mir auch passiert. Und ich war dann immer tagelang fertig, konnte diese Situationen wochenlang nicht vergessen, konnte aber auch nicht daran denken, weil das zu weh getan hat.
Da hat sich bei mir dann allmählich eine "dicke Haut" gebildet, und das kam so: Ganz wichtig war, dass ich für mich selbst überzeugt sein musste, alles richtig gemacht zu haben. Darum habe ich auch ständig geübt, mir Phrasen eingelernt, die ich immer wieder benutzen konnte. Wenn ich höflich eine Frage stelle und das Gegenüber reagiert pampig oder frech - dann ist es nicht meine Schuld , liegt es nicht daran, dass ich ein Handicap habe, sondern daran, dass der andere fies ist. Auf diese Art wuchs auch mein Selbstbewußtsein. ICH habe es gut gemacht - DER ANDERE hat den Fehler gemacht. So habe ich mit der Zeit auch realisiert, dass ich oft keinen Grund habe mich zu schämen - sondern der andere.
Irgendwo hat mal wer geschrieben, dass eine verzerrte Wahrnehmung besteht - der eigenen Person und der anderen. Dadurch dass ich immer öfter wusste "ich hab es richtig gemacht - der Fehler liegt beim anderen" hat sich dieser Wahrnehmungsfehler bei mir irgendwie ausgebügelt, bis zu dem Punkt, wo ich Toleranz entwickeln konnte: "Ich mache Fehler, die anderen auch. Na und?" Aber durch diese strenge Phase der Selbstdisziplin musste ich am Anfang erstmal durch.

Ob man Hilfe braucht dabei? Hmja. Ich habe mir "Hilfe" insofern geholt, als ich mir die Phrasen, die ich benutzte, von anderen abgeschaut habe. Natürlich würde das genauso funktionieren, wenn man da jemanden hat, der einen da gezielt "trainiert". Ich kenne mich mit Therapien nicht aus - vielleicht wird ja genau das dort gemacht?

Exauster
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Beitragvon Exauster » 02.07.2013, 06:08

Da fällt mir noch etwas dazu ein.
Gerade bei unangenehmen Begegnungen war es auch sehr wichtig, dass ich mit der Zeit lernte, mich darüber mit anderen auszutauschen. Das ging am Anfang überhaupt nicht, da habe ich solche Dinge in mich hineingefressen, mich viel zu sehr geschämt um davon zu sprechen. Das führte auch zu einer ständigen depressiven Verstimmung mit Selbsthass usw.
Langsam habe ich dann gemerkt, dass "fiese Leute" nicht nur zu mir fies sind - sie sind es generell, zu allen. Wenn man dann mit jemandem reden kann, der auch fies behandelt wurde - ohne Mutist zu sein - das bringt einen auch weiter, bestärkt einem in dem Gefühl, nicht schuld zu sein und sich nicht schämen zu müssen.
Das war für mich eigentlich auch ein ganz wichtiger Wendepunkt, als ich realisierte: "Ich muss nicht immer mich selbst niedermachen. Ich darf (!) auch über andere negativ urteilen." Manchmal ist der andere eben das Monster, und das darf man dann auch denken und sagen.

Hyazinthe
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Beitragvon Hyazinthe » 02.07.2013, 08:54

Hallo Julia..
ich bin etwas verwirrt, denn ich teile total Deine Meinung:
"ich finde unterstützende hilfeleistungen grundsätzlich gut.wenn kinder keine angst haben und sich ihrer fähigkeiten zu sprechen und kontakte zu knüpfen bewusst sind,gibt es doch eigentlich gar keinen grund,warum bei ihnen das bedürfnis nach einem schützenden mantel der verantwortungsminderung vorhanden ist,in diesem fall sollte es doch gar nicht nötig sein,sich auf seiner störung"auszuruhen",wenn das nicht der fall ist,dann scheint das kind wohl doch probleme und ängste,die einer unterstützung bedürfen zu besitzen,sonst hätte es gar keinen wunsch nach hilfestellungen,es würde wahrscheinlich jegliche notwendigkeit negieren.d.h wenn ich gut sehen kann,werde ich mir nicht freiwillig eine brille aufsetzen.nur mal so nachgedacht." :?

Schade, dass das mit dem Einfügen des Artikels nicht rüberkam, es ging mir damit (mit dem Einfügen desselben) auch nicht darum, eine bestimmte Meinung kundzutun (das kann ich auf direkte Art besser), sondern zu weiterem Nachdenken über dieses schwierige Thema anzuregen. Im Einzelfall muss man immer genau gucken, welche Hilfen das mutistische Kind braucht, um seine Stärken zu entwickeln, jedoch ohne die massiven Probleme, die es hat, zu negieren. Um es (meine Meinung) doch etwas klarer zu formulieren: ich bin (wie in dem Artikel von Michael über den Nachteilsausgleich bereits angesprochen), dafür, dass die Problematik des Kindes ernst genommen wird, dass man sich im Klaren darüber ist, dass das Kind sich durch sein Verhalten keinen subjektiven 'Krankheitsgewinn' verschaffen will (eine absurde Vorstellung), aber dass man es möglichst nicht auf die 'Behindertenschiene' bringen soll, damit es sich möglichst für normal hält und diese Entwicklungsschritte bald auch (in einem möglichst regelbeschulten Umfeld, in dem man ihm Zeit für seine Entwicklungs lässt) evtl. mit Unterstützung, schafft. Viele Grüße :)

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Beitragvon Hyazinthe » 02.07.2013, 09:15

Hallo nochmal,

ich habe mir den Artikel, den Michael zum Nachteilsausgleich eingeschoben hat, angeguckt und finde ihn doch etwas pauschalierend. Wie ich schon sagte, muss im Einzelfall entschieden werden (wenn das Kind zum Beispiel eine total unfähige Lehrerin hat, im Unterricht gemobbt wird aufgrund seines Schweigens usw., macht auch eine Schulassistenz Sinn). Grundsätzlich kann bei einem verfestigten Mutismus im Jugendalter auch ein Nachteilsausgleich im Sinne es teilweisen Erlasses der mündlichen Note Sinn machen. Der angesprochene Beitrag stellt Mutismus nicht in den Schutz eines Nachteilsausgleichs, wie er etwa (bei Legasthenie in manchen Bundesländern) bei einigen Teilleistungsstörungen als richtig angesehen wird. Warum eigentlich nicht? Bei Teilleistungsstörungen (welcher Art auch immer) gibt es auch keinen 'biologischen Nachweis', der hier eine andere Behandlung oder 'Besserstellung' rechtfertigen würde. Insofern finde ich den Artikel, auch wenn ich grundsätzlich derselben Meinung bin, doch etwas pauschalierend. Wohlmöglich wird selektiven Mutisten durchaus hier ein 'Bärendienst' erwiesen, wenn es darum geht, die Ernsthaftigkeit dieser Störung anzunehmen (auch wenn sie für einige Betroffene, vielleicht sogar für die Mehrzahl) überwindbar zu sein scheint. Ich habe auch schon Kindern selbst geholfen, deren Lese-Rechtschreib oder Mathematik-Schwäche als unüberwindbar galt! Viele Grüße

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Beitragvon julia28 » 02.07.2013, 15:51

...
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Hoffnung
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SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlung zur Mutismustherapie

Beitragvon Hoffnung » 02.07.2013, 19:20

Ich bin ja nicht dafür, dass jemand ohne Therapie und ohne Nachteilsausgleich sozusagen "ins kalte Wasser geworfen wird". Aber bei einer richtigen Mutismustherapie geht es ja vor allem darum an der Ichstärkung und Stärkung des Selbstwertgefühls zu arbeiten, so dass man es dann auch aushalten kann, wenn man mit unerfreulichen Reaktionen konfrontiert wird. Und vor allem geht es darum, ein Ziel zu finden, für das es sich zu reden lohnt. Eine wirkliche Notwendigkeit in der praktischen Umsetzung ist aber erforderlich, damit wirklich etwas weiter gehen kann - und gestärkt durch die Therapie kann man sich dann auch an die Redesituationen wagen, die einem als wichtig und notwendig bewusst werden - das gilt für ein kleines Kind genau so wie für einen Jugendlichen oder Erwachsenen.

Die Angst und der Rückzug vieler Mutisten vor allem im Jugendlichenalter ist ja verständlich, weil man als Mutist wirklich mit sehr viel Negativem konfrontiert wird. Ich bin in meiner Mutismuszeit zu der Überzeugung gekommen, dass das einzige Positive auf der Welt die Natur ist und die Menschen insgesamt zu vergessen sind. Aber ich habe MICH nicht aufgegeben. Ich WOLLTE EIN NORMALES LEBEN - und nachdem ich es geschafft hatte, mich in ein normales Leben durchzukämpfen, habe ich gemerkt, dass meine Erkenntis aus der Mutismuszeit total falsch ist. Ich habe seither nur wenige wirklich negative Erfahrungen mit Menschen gemacht- mit den meisten komme ich total gut aus. Ich glaube, dass die furchtbare Behandlung von Mutisten daher kommt, weil diese Störung einfach von niemandem verstanden wird - und auch mit Sicherheit ein Großteil der Bevölkerung noch nie das Wort "Mutismus" gehört hat und deshalb für normal sprechende Menschen einfach völlig unverständlich ist, warum jemand, der sehr gut sprechen kann, in gewissen Situationen konsequent schweigt.

Was Menschen betrifft, die wirklich ständig ekelhaft sind, habe ich gelernt, diese von einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten - nämlich aus der Sicht, dass diese Menschen selbst ein ganz gewaltiges psychisches Problem haben, unter Umständen eine Persönlichkeitsstörung, wie die antisoziale Störung oder narzistische Störung. Wenn solche Menschen zu keiner Einsicht kommen und keine Hilfe anzunehmen bereit sind, sind sie eigentlich zu bedauern, denn glücklich ist ihr Leben auf Grund ihres Verhaltens sicher nicht. Aber das hat absolut nichts mit MIR zu tun. Wenn ich mich normal verhalte und der andere nicht, ist das nicht MEIN Problem. Ich kann solche Menschen ja meiden und mit "normalen" Menschen viel Positives erleben.

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Re: SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Beitragvon martina_m_b » 10.11.2015, 10:58

Hallo zusammen,

ich habe als Mutter zwei Fragen bzgl. SRMT. Die Rahmenempfehlung dient soweit ich verstanden habe als Hilfe um bestehende/zukünftige Therapien als erfolgversprechend oder nicht zu beurteilen.
Meine Tochter ist sein 1 Jahr in logopädischer Behandlung (spez. für sel. Mutismus). Die Therapie läuft lt. Logopädin gut, nun habe ich mich an zwei Punkte der Rahmenempfehlung aufgehangen.

Meine Fragen:

Punkt 4: In unserem Fall Kindergarten. Wie ist die "enge Kooperation" zu beurteilen. Bei uns war es so: Erste Halbjahr -keine Kita-Besuche, ab das zweite Halbjahr 3-4 KiTa-Besuche. Ist das genug oder zu wenig? Wie oft wäre ein Besuch nach 1 Jahr Therapie sinnvoll 1xMonat, 2xMonat, öfter?

Punkt 7: erste lautsprachliche Äußerung innerhalb 20 Therapieeinheiten. Muss es wirklich "laut" sein? Meine Tochter flüstert nur in den Therapiesitzungen. Bis jetzt hat sie glaube ich nicht ein Wort laut gesagt. Dafür spricht sie flüsternd sehr viel, so wie zuhause nur eben flüsternd. Wie wichtig ist das laute Sprechen? Wenn sie mit Flüstern besser zurecht kommt, also sich öfter traut auch nach außen einzelne Worte zu sagen.

Oder ist diese Rahmenempfehlung nur grob und nicht wortwörtlich zu nehmen?

Vielen Dank im Voraus!

Hoffnung
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Re: SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Beitragvon Hoffnung » 10.11.2015, 17:47

Hallo,

sicher sind die Rahmenempfehlungen nicht ganz starr zu sehen was den Zeitrahmen betrifft. Aber mir erscheint es zu wenig, wenn nach 1 Jahr Therapie erst geflüstert wird. Außerdem erscheinen mir die Kindergartenbesuche als zu wenig. In welchen Situationen spricht deine Tochter außerhalb der Therapie? - nach 1 Jahr Therapie sollte sie da auch schon beträchtliche Fortschritte gemacht haben. Die Logopädin wendet eine mutismusspezifische Therapie an - weißt du, ob es Symut oder Komut ist? Ich bin von Symut mehr überzeugt - glaube, dass man mir damit eher hätte helfen können. Also wenn die Logopädin Komut anwendet und nach 1 Jahr immer noch nur geflüstert wird, würde ich einen Symut-Therapeuten suchen. Bei Symut wird das Umfeld des Kindes mehr einbezogen, also Kindergarten, Schule und es wird systematisch vorgegangen - mit einem Plan, welche Ziele zu erreichen sind. Das braucht ein mutistisches Kind - bei Komut ist meiner Ansicht nach zu viel abwarten, Sicherheit bieten, im geschützten Rahmen sprechen.

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Re: SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Beitragvon martina_m_b » 11.11.2015, 15:17

Danke für deine Antwort Hoffnung,

ich habe mich vielleicht falsch ausgedrückt. Meine Tochter hat schon nach 4-5 Therapie-Stunden angefangen mit der Therapeutin zu flüstern nicht erst nach dem einen Jahr. Nur die Therapeutin hat es nicht geschafft innerhalb dieses Jahres sie zum lauten Sprechen zu bewegen. Vor der Therapie hat die Kleine bei Besuch zuhause nach 2 Stunden spontan laut gesprochen mit unseren Freunden /Nachbarn oder wenn ein Kind allein zu Besuch war. Beim nächsten Treffen schwieg sie wieder. Seit Beginn der Therapie allerdings ist sie nur am Flüstern außerhalb der Familie. Sie traut sich in meiner Gegenwart ein zwei Worte zu flüstern z.B. ein Mal beim Arzt, ein Mal zu einer Erzieherin, ein Mal in der Eisdiele. Am Anfang möchte sie nichts sagen, wenn ich ihr sage, versuch leise was zu sagen, dann traut sie sich manchmal. Nur habe ich Sorge, dass für sie Flüstern gleich Sprechen wird. Die Logopädin sieht das sehr entspannt und meint Hauptsache sie kommuniziert und sie würde das Schweigen noch als Schutz brauchen. Sonst hat sie alle Methoden drauf, Symut, Komut und Dortmut. Bei meiner Tochter (4 J) wendet sie Komut. Ihrer Meinung nach ist Symut eher für Jugentliche. Und du hast Recht, ich finde Komut für sehr sehr langwierig, zu viel abwarten, zu viel Zeit lassen, das wird schon etc. Laut Therapeutin hat sie viele Fortschritte in Richtung Selbstbewußtsein, motorische Sicherheit, Offenheit gemacht. Das stimmt auch, was aber nicht unbedingt an der Therapie liegen muss. Ich meine zum einen wird sie älter, zum anderen versuchen wir und in der Kita sie zu stärken. Wäre denn Symut auch für 4-jährige geeignet? Eigentlich hat die Logopädin Erfahrung mit Mutismus, nur jedes Kind ist anders. Wenn ich sage, dass ich meiner Tochter ruhig mehr zutrauen würde, höre ich von ihr nur, sie wäre noch so klein, ich soll ihr Zeit geben. Dabei glaube ich ein schnelleres Tempo wäre effektiver bei ihr und dieses ewigen Spielchen spielen alles nur verfestigt.

Welche Methode hattest du?

Hoffnung
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Re: SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Beitragvon Hoffnung » 11.11.2015, 17:47

Hallo Martina,

ich hatte keine Methode - habe mich im Erwachsenenalter ohne Therapie aus dem Mutismus rausgekämpft. Ich glaube aber, dass Symut auch in der frühen Kindheit für mich am geeignetsten gewesen wäre (hat es aber damals noch nicht gegeben). Natürlich sieht Symut bei der Therapie Jugendlicher etwas anders aus als bei einem 4Jährigen Kind - aber auch bei einem 4 jährigen Kind kann man Motivation aufbauen, und kindgerechte Ziele vereinbaren.
Die Therapeutin sagt also, deine Tochter ist noch so klein und man soll ihr Zeit lassen - ich hoffe nur, dass sie das nicht in Gegenwart deiner Tochter sagt oder dass deine Tochter es sonstwie mitbekommt, wenn die Familie darüber spricht. Sicher ist jedes Kind anders - manche eher introvertiert, manche extravertiert, manche sehr ehrgeizig, andere weniger - aber all das ist egal, wenn es um die Überwindung des Mutismus geht. Vollständige und frühe Überwindung des Mutismus ist auch für ein introvertiertes Kind enorm wichtig. Sicher ist es toll, dass deine Tochter Fortschritte im Selbstbewusstsein usw. erzielt hat - aber bei Mutismusüberwindung geht es ganz konkret ums Reden. Es nützt nichts, wenn deine Tochter "selbstbewusst" weiterschweigt - sie muss sich konkret für das Reden entscheiden und sie muss in JEDER Situation Routine darin bekommen. Wenn man da nachsichtig ist, dass sie das und das halt noch nicht kann, aber irgendwann vielleicht doch schaffen wird, dann werden aus dem "irgendwann" Jahre - deine Tochter hat aber ein hundertprozent besseres und angenehmeres Leben, wenn sie JETZT ganz aus dem Mutismus rauskommt und das Reden überhaupt kein Problem mehr für sie ist.

Ich sehe in dem Flüstern über so einen langen Zeitraum schon ein Problem - also dass deine Tochter jetzt denkt, sie flüstert ja eh - ist ja eh genug, mehr braucht sie ja nicht - also verharrt sie im "Flüstermutismus" - kann da irgendwie nicht richtig davon abgehen - so wie ein Kind, das noch voll im Mutismus steckt, schwer überhaupt mit dem Reden anfangen kann. Also ich würde deiner Tochter klarmachen, dass Flüstern in allen Alltagssituationen sehr ungewöhnlich und sehr auffällig ist - und dass es VIEL weniger auffällig ist, wenn sie laut spricht, weil alle Kinder in den meisten Situationen laut sprechen. Ich würde ihr sagen, was für ein tolles Gefühl das sein wird, wenn sie sich überhaupt nicht mehr von all den anderen Kindern unterscheidet, also genau so laut spricht wie alle. Außerdem würde ich für alle Situationen, in denen sie noch überhaupt nichts sagt, ganz gezielt Motivation aufbauen und es auch erwarten, dass sie spricht. Deine Tochter merkt es, wenn du eher erwartest, dass sie nicht spricht - und dann muss sie im Schweigen verharren. Es sollte als ganz selbstverständlich hingestellt werden, dass sie bestimmte Situationen kann, und dabei auch laut sprechen kann.

Noch ein paar Gedanken, wie man dem Kind das Laut-Sprechen "schmackhaft" machen kann. Man kann dem Kind ja sagen, dass die meisten Leute (also Fremde), wenn sie flüstert, denken werden: Das Kind ist krank und ist so heiser, dass es nicht laut sprechen kann - das wird sie doch nicht wollen, dass die Leute sie für krank halten. Manche Leute hören auch nicht so gut, die müssen dann nachfragen, wenn sie nicht verstanden haben, was sie gesagt hat - dann muss sie alles 2 mal sagen - das ist doch auch unangenehm. Die angenehmste Art zu reden, ist laut zu reden, da hat man am wenigsten Schwierigkeiten, fällt niemandem auf, niemand denkt sich was Besondeeres, ganz einfach, weil es ganz normal ist. Und sie wird jetzt ganz mutig sein und diese angenehme Art ganz einfach mal bei jemand Fremdem ausprobieren - und dann wird sie immer laut sprechen, weil es so angenehm ist.

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Re: SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Beitragvon Schlusi » 12.11.2015, 07:31

Hallo Martina,

unsere Tochter hatte mit fünf Jahren auch Symut. Das geht also nicht nur für Jugendliche. Die Anforderungen wurden so stufenweise aufgebaut. Sie musste dann auch im Kindergarten Sprechziele erreichen. Aber wenn ich in Situationen, wo sie üben sollte, dabei war, dann wurde das meistens nichts. Das ist aber auch nicht außergewöhnlich, ist eher typisch bei Mutismus.

An Deiner Stelle würde ich die weitere Therapie mit der Therapeutin noch einmal besprechen. Vielleicht ist ja eine Mischung aus beiden Ansätzen möglich. Im Falle unserer Tochter kann ich sagen, dass sie ganz tolle Fortschritte mit Symut gemacht hat. Andererseits muss ich sagen, dass unsere Tochter sinnbildlich einen zu großen Mantel übergestülpt bekommen hat. Vom inneren her passte sie noch gar nicht in die von ihr gemachten Fortschritte, was wiederum andere weitere Auffälligkeiten nach sich zog. Wir mussten dann nach eineinhalb Jahren die Therapie erst einmal pausieren, weil es so nicht weiter ging. Du siehst, auch wir hatten Probleme, obwohl wir die Symut-Therapie hatten. Therapie ist ja auch Baustelle und Umbau ganzer Strukturen, da kommt es nun einmal auch zu Ausfällen, denn es läuft nicht einfach so alles glatt, egal welche Therapie das nun ist. Das muss einem auch klar sein.

Von daher kann ich durchaus nachvollziehen, dass "viel und schnell" nicht einzig und allein alles ist. Trotzdem solltet ihr überlegen wie ihr mehr herausholen könnt. Und es ist wirklich wichtig, dass sich das mit dem Flüstern nicht verfestigt. Aber so Unterredungen, wo Du bei Deiner Tochter an die Vernunft appelieren willst, halte ich für sinn- und zwecklos. Deshalb würde ich in erster Linie einen Plan mit der Therapeutin machen und nicht Deine Tochter mit sinnlosen Unterredungen verwirren.

Schlusi :)
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Re: SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Beitragvon Hoffnung » 12.11.2015, 18:00

Warum soll man bei einem 4jährigen Kind nicht an die Vernungt appellieren können? - in kindgerechter Art natürlich! Es ist nunmal die größte Angst eines Mutisten, in irgendeiner Art aufzufallen - und es ist auch logisch, dass ein Kind in dem Alter denkt "wenn ich flüstere, falle ich nicht so auf" - da kann man dem Kind doch erklären, wie das Flüstern auf andere Menschen wirkt - was die sich vielleicht denken, wenn ein Kind flüstert - und dadurch den Entschluss im Kind bewirken, jetzt normal laut zu reden, um Unangenehmes, das durch Flüstern entsteht, zu vermeiden.

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Re: SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Beitragvon Aurida » 12.11.2015, 18:15

Gerade wenn aufzufallen die größte Angst meines Kindes ist, würde ich ihm niemals einreden, wie sehr es mit flüstern auffällt und sich blamiert. Das ist doch grausam solche sowieso schon vorhandenen Ängste auch noch groß zu reden und das Kind darauf aufmerksam zu machen. Meine Reaktion als Kind hätte gut sein können, dass ich dann eben auch nicht mehr flüstere.

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Re: SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Beitragvon Schlusi » 12.11.2015, 18:31

Gerade wenn aufzufallen die größte Angst meines Kindes ist, würde ich ihm niemals einreden, wie sehr es mit flüstern auffällt und sich blamiert. Das ist doch grausam solche sowieso schon vorhandenen Ängste auch noch groß zu reden und das Kind darauf aufmerksam zu machen. Meine Reaktion als Kind hätte gut sein können, dass ich dann eben auch nicht mehr flüstere.

Ja, das ist auch ein nachvollziehbarer Gedanke.

Bei unserer Tochter war es so, dass sie auch sehr leise gesprochen hat, zwar nicht geflüstert, aber eben sehr leise.
Aber unsere Tochter hat es sehr gestört, wenn noch einmal nachgefragt wurde und sie dann alles noch einmal sagen musste.
Deshalb ist es ihr da eher gelungen dann auch mal lauter zu sprechen.

Aber das hat unsere Tochter auch von sich aus thematisiert, dann kann man da gut darauf eingehen, z. B. Einkaufssituationen nicht unbedingt dort einzuüben zu versuchen, wo rund herum viele Hintergrundgeräusche sind. Also immer gut das ganze auf das mutistische Kind ausrichten, so wie es da am besten passt.

Ich finde so diese Vernunftsgedanken von uns Erwachsenen eher hinderlich. Hilfreicher ist es, wenn man durch Beobachtung des mutistischen Kindes und durch das, was das mutistische Kind einem anvertraut, etwas findet, wo man ansetzen kann, wo man in die Lücken springen kann, etwas bestärken kann, was eh schon im Kind drin ist. So habe ich dann bei unserer Tochter auch versucht sie einfach daran zu erinnern, dass sie etwas lauter sprechen wollte, damit sie gleich verstanden wird und sich nicht noch einmal wiederholen muss, was ihr laut ihrer Auskunft noch unangenehmer ist. Und dann habe ich auch nachgefragt, wo sie sich das am ehesten zutraut.

Ich weiß nicht, wie es so den anderen Eltern geht, aber mit diesen erwachsenen Vernunftsappellen konnten bei uns beide Kinder nichts anfangen. Zuletzt bei unserem Sohn, der sowohl ein Auto als auch ein Motorrad fährt. Da fielen uns Eltern auch viele Vernunftsgründe ein, warum man das so lieber nicht machen sollte. Natürlich kann man mit Kindern auch vernünftig sprechen und die verstehen auch unsere Vernunftsgedanken meistens, aber leider ist das oft genug nicht das, was unsere Kinder erreicht. Das ist alles so theoretisch und hat meist mit ihnen und ihrem Inneren nichts zu tun, ist so meine Erfahrung.

Schlusi :)
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Re: SRMT - Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie

Beitragvon Hoffnung » 12.11.2015, 18:40

Natürlich soll man auf das Kind eingehen und beobachten, wie es sich in einzelnen Situationen verhält, was es stört usw. Bei der Tochter von martina_m_b habe ich den Eindruck, dass sie es sich jetzt "gemütlich im Flüstern einrichtet". Bis jetzt hat sie keine schlechte Erfahrungen damit gemacht - in der Therapie flüstert sie mit der Therapeutin, die offenbar sehr glücklich darüber ist - und sonst hat sie ja noch nicht so viele Redesituationen - und in den wenigen bisher auch geflüstert. Sie soll jetzt aber Fortschritte machen - und genauso wie ein mutistisches Kind einen Grund zum Reden braucht - also viel Motivation und Klarmachen was am Reden gut ist - braucht ein flüsterndes mutistisches Kind einen Grund und Motivation, warum es vom Flüstern zum Normalreden übergehen soll. Und da braucht man ja nicht abwarten, bis das Kind wirklich schlechte Erfahrungen mit dem Flüstern gemacht hat - also andere Leute vielleicht nicht so nett auf das Flüstern reagieren wie die Therapeutin. Also kann man dem Kind doch in kindgerechter Weise erklären, was am Lautreden besser ist als am Flüstern - das heißt doch nicht, dass man es damit wieder ins Schweigen zurücktreibt - also die grundsätzliche Motivation, was das Reden überhaupt betrifft, muss natürlich fortgesetzt werden und mit der Motivation, was das Laut-Reden betrifft, ergänzt werden.


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