Inklusion (zieldifferent) am Gymnasium gescheitert

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

Moderator: Elfa

Semper
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Beitragvon Semper » 19.09.2014, 12:47

Zum Thema Gebärdensprache..

Ich denke mal, dass es sehr unterschiedlich sein kann, ob das Erlernen der Gebärdensprache positiv oder negativ eingestuft werden sollte. Zu aller erst sollte aber klar sein, dass die Gebärdensprache keinesfalls als längerfristige Möglichkeit der Kommunikation gesehen werden kann. Sollte es in der momentanen Zeit allerdings so sein, dass durch diese allein, eine Kommunikation möglich wäre, so läge hierbei der Vorteil darin, dass sich die entsprechende Person in gewisser Weise daran gewöhnt überhaupt zu kommunizieren. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass es mir wohl nichts gebracht hätte, da auch Handzeichen oder Ähnliches nicht möglich war. Sollte es nun aber so sein, dass die Gebärdensprache wirklich zur Kommunikation genutzt wird, so könnte dadurch verhindert werden, dass sich die Person respektive in jenem Fall das Kind, an eine gewisse Isoliertheit gewöhnt, in der es überhaupt nicht kommuniziert.


Hoffnung hat geschrieben:
Ich glaube, dass es eher mit einer anderen Störung zusammenhängt als mit dem Mutismus, wenn sich ein mutistisches Kind in einer kleinen Klasse sicherer fühlt. Ich war in der Grundschule in einer Klasse mit sicher 30 Kindern - und für mich wäre es ein Horror gewesen, in einer Klasse mit nur 9 Kindern zu sein. Ich habe mich in der großen Klasse sicherer gefühlt, weil da (zumindest noch in der Grundschule, wo es noch nicht die komplette Ablehnung und Grausamkeiten gegeben hat) nicht so viel Aufmerksamtkeit auf mich gefallen ist.


Also ich persönlich habe immer kleinere Klassen preferiert..(und auch im Moment ist es meist in den kleinsten Kursen noch am schönsten) da scheint es wohl verschiedene Eindrücke zu geben, weswegen ich nicht gleich auf eine andere Störung schließen würde..

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Beitragvon Schlusi » 19.09.2014, 13:36

Ich finde auch, dass die Gebärdensprache nicht automatisch negativ sein muss, nur weil das mutistische Kind dann nicht spricht. Ich finde, dass die Gebärdensprache sehr präsent ist und eine aktive Gestik und Mimik voraussetzt. Die ganze Körperhaltung muss ja auch darauf ausgerichtet sein. Und meistens sind die mutistischen Kinder ja auch noch nicht einmal in der Lage auch nur den Mundwinkel zu bewegen. Sofern ein noch fest im Mutismus steckendes Kind überhaupt sich mit dem Erlernen der Gebärdensprache ausprobieren kann, kann das kein Hindernis sein, um sich im weiteren Verlauf auch wieder mehr verbal äußern zu können. Bei unserer Tochter habe ich es ja auch erlebt, dass bei der SYMUT-Therapie z. B. einfach auch nur das Pusten während der Therapiestunde sie hat offener werden lassen, so dass sie auch zuhause mehr den Mund benutzt hat, um damit verschiedene Dinge zu machen, den Mund zu verziehen, usw. Nach meiner Logik müsste also auch die Gebärdensprache dafür taugen, dass sich das Kind öffnet und über diesen Umweg dann auch mehr und mehr Zutrauen dafür findet, sich verbal zu öffnen.

Außerdem soll es ja gerade auch in Zukunft so sein, dass wir behinderte Kinder integrieren und dazu gehört nun einmal auch, dass man auch schon im Kindergarten und der Schule dann eben mit behinderten oder sonstwie gehandikapten Kindern in Kontakt kommt, damit das eines Tages selbstverständlich ist. So ist doch der Inklusionsgedanke eigentlich gemeint, oder? Ich hätte jetzt kein Problem damit, wenn meine Tochter Gebärdensprache erlernen müsste, damit sie sich mit einem taubstummen Kind austauschen kann. Könnte ja theoretisch auch möglich sein, dass gerade dieses Kind zu einer guten Freundin wird.

Also ich persönlich habe immer kleinere Klassen preferiert..(und auch im Moment ist es meist in den kleinsten Kursen noch am schönsten) da scheint es wohl verschiedene Eindrücke zu geben, weswegen ich nicht gleich auf eine andere Störung schließen würde..

Sehe ich auch so.

Schlusi :)
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Beitragvon Hoffnung » 19.09.2014, 14:20

Ich habe ja an sich nichts dagegen, dass ein Kind die Gebärdensprache lernt - das ist sicher interessant, also ähnlich wie eine Fremdsprache, so etwas zu lernen - und dann natürlich auch die Möglichkeit zu haben, sich mit einem Gehörlosen verständigen zu können, wenn es sich einmal ergibt.

Und natürlich ist die Gebärdensprache eine große Hilfe für Menschen, die wirklich nicht sprechen können.

Die einzigen Menschen, die Gebärdensprache meiner Ansicht nach auf keinen Fall lernen sollten, sind Mutisten. Es ist etwas ganz anderes, ob ein mutistisches Kind durch Pusten lockerer wird - oder ob es Gebärdensprache als Ersatz für das Sprechen (wenn auch nur für einen vorübergehenden Zeitraum) lernt. So etwas schafft die Überzeugung, dass man einen Ersatz für das Sprechen braucht - und dass es so etwas ja auch gibt und man es selbstverständlich nutzen kann. Ein Mutist braucht so etwas aber nicht nutzen, weil er ja Sprechen kann und auch in eine sehr gute Kommunikationsfähigkeit (ohne irgendwelche Hilfsmittel) hineinfinden kann.

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Beitragvon Sonnenblume » 19.09.2014, 14:43

Ich habe ja an sich nichts dagegen, dass ein Kind die Gebärdensprache lernt - das ist sicher interessant, also ähnlich wie eine Fremdsprache, so etwas zu lernen - und dann natürlich auch die Möglichkeit zu haben, sich mit einem Gehörlosen verständigen zu können, wenn es sich einmal ergibt.

Und natürlich ist die Gebärdensprache eine große Hilfe für Menschen, die wirklich nicht sprechen können.


So sehe ich das auch!

Natürlich darf jeder diese Kommunikationsmöglichkeit erlernen, ein Mutist sollte aber vorher sein Schweigen überwunden haben. -Und-ja, zur Lockerung und Auflösen von Körperblockaden gibt es genug andere Mittel in Ergo-oder Sprachtherapie, besonders günstig die Psychomotorik.
Zum Thema Klassenstärke: also in unserer Gegend sind die Klassen schon nicht mehr so groß. An den Regelgrundschulen schafft man es irgendwie immer den Klassenteiler durchzukriegen und mindestens zweizügig mit unter 20 Schülern (durchschnittlich 14-19) zu unterrichten. Aber auch zu meiner Zeit war eine große Klasse kein Problem. Bei mir ging es mal mit 30 Schülern los, was sich bis zum Ende der 10. sehr reduzierte. Ich-oder anders gehandicapte fielen trotzdem auf und wurden gut einbezogen- dank aufmerksamen Lehrern.
Bei Samtpfotes Tochter mag das aber doch anders sein, wenn sie erstmal Leistungs-Erfolgserlebnisse braucht.
Unterschätze mich nicht. Nur weil ich still bin.
Ich weiß mehr als ich erzähle,
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Beitragvon Hyazinthe » 19.09.2014, 19:21

Hallo,

also 'Gebärdensprache' wird die Tochter von 'Samtpfote' ganz sicher nicht beigebracht bekommen. Die DGS ist nämlich eine eigene Sprache und ähnlich komplex aufgebaut wie unsere, sozusagen ein konkurrierendes System. Sowas ist wirklich nur für Gehörlose geeignet und nie und nimmer wird ein Ergotherapeut das einem Kind beibringen, damit sind eher 'lautsprachbegleitende' Gebärden (macht auch nur Sinn, wenn Lautsprache gesprochen wird) oder irgendwelche Handzeichen gemeint, auf die man sich geeinigt hat und die plausibel sind, also allgemein verständlich. Vielleicht auch noch das Fingeralphabet. So etwas zu erlernen kann für ein mutistisches Kind eine gute Unterstützung sein, da es, wie Schlusi schon sagte, in der Mimik und Gestik ebenfalls eingeschränkt ist. Das könnte neben anderen Übungen helfen, hier lockerer zu werden - sehe ich so wie Heike - und sich über die eigene Körperhaltung und nonverbale Kommunikation bewusster zu werden. Finde ich immer noch besser als mutistische Kinder mit Bildkärtchen zu versorgen. Wohlgemerkt als therapeutischer Zwischenschritt, die Verständigung in der Lautsprache (die das selektiv mutistische Kind ja andernorts beherrscht) muss das Ziel sein. Viele Grüße!

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Beitragvon Samtpfote » 20.09.2014, 06:14

Morgen ihr Lieben :)

Erst mal danke für eure Meinungen und Gedanken.

Das sie sich bei mehr Schülern in der Klasse wohler fühlt, weil wie geschrieben die Aufmerksamkeit nicht so auf jedem einzelnen Kind lastet, auch für sie Vorteilhafter wäre, hätte ich auch gedacht. Aber Pustekuchen das Gegenteil ist der Fall.

Die Gebärendensprache muss sie lernen, sonst kann sie sich nicht mit dem einen Jungen aus der Klasse "unterhalten".

Das ihre Leistungsblockaden das schwerwiegendere Problem ist, stimmt. So wie sich es nun in der neuen Schule nun schon nach 1 Woche entwickelt, ist das "Nicht-Sprechen" wahrscheinlich kaum noch vorhanden.

Irgendwie hat man das Gefühl sein Kind überhaupt nicht zu kennen. Denn alles das, von dem man ausgegangen ist das würde ihr helfen, das wäre vorteilhaft, ist es gar nicht, sondern genau das Gegenteil davon.

Klar sind Sprachheilschulen keine Verweil-Schulen, aber da es "nur" Werkreal ist, wird es sehr schwer werden hier bei uns in Zukunft auf eine andere "normale" Schule wechseln zu können, denn es fehlt die 2. Fremdsprache Französisch, die einen Wechsel mal auf eine Realschule möglich machen würde.
Und Werkrealschulen schließen hier in der Umgebung und auch mit Realschulen sieht es bei uns nicht so toll aus.
Da graut es mir schon bei meiner Mittleren. Bei der sind wir dran, das ihr Potenzial nutzt und es zu einer Gymi-Empfehlung schafft, um dann evtl. auf das private Gymi gehnen zu können wo die Große nun 1 Jahr war.

Soviel zu unserem ach so tollen Schulsystem, wo es immer so schön heißt: "Alles ist offen" :roll:

Aber kann sein das es doch Möglichkeiten gibt...wird die Zukunft zeigen.

Nun sind wir gespannt wie es nun hier mit den Leistungen aussehen wird und ob sie es jetzt schafft einigermaßen "gute" Noten zu schreiben.

Und dort könnte sie ja einen Schulabschluss machen und Berufschulen hätten die dort auch, aber vielleicht schafft sie ja mal den großen Sprung...wir würden es ihr wünschen.

Nun soll sie erst mal ihr Selbstbewußtein stärken und Sicherheit bekommen...

Und dann schauen wir weiter.... :D

LG Samtpfote

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Beitragvon Schlusi » 21.09.2014, 10:35

Irgendwie hat man das Gefühl sein Kind überhaupt nicht zu kennen. Denn alles das, von dem man ausgegangen ist das würde ihr helfen, das wäre vorteilhaft, ist es gar nicht, sondern genau das Gegenteil davon.

Ja, das kann ich mir vorstellen.
Es ist ja auch nicht so, nach dem Motto "kennst Du einen Mutisten, kennst Du alle". Was bei dem einen hilft, kann bei dem anderen im schlimmsten Fall sogar schädlich sein. Von daher ist es gut, wenn man immer mal wieder an einen neutralen Punkt kommt und sein Kind noch einmal ganz neu erleben und erkennen kann. Mir geht es auch so, dass ich mich reinzufühlen versuche und meine Logik aber nicht der Logik meiner Tochter entspricht. Aktuell hat sie gerade mehr Kummer nach den Ferien sich wieder an die Schule zu gewöhnen, als sie Angst vor dem bald bevorstehenden Praktikum hat. Das hat mich auch überrascht. So wie Du schon schreibst. Manchmal ist es ganz anders als man denkt. Insofern gibt es hier von uns Usern nichts, wonach man sich wirklich richten könnte. Es sind alles nur Versuche. Letztendlich darf man sein Kind nicht aus dem Blick verlieren und muss schauen, was ganz individuell das richtige ist, aber da seid ihr ja auf dem richtigen Wege, denke ich.

Schlusi :)
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Beitragvon Samtpfote » 30.09.2014, 06:26

Moin ihr Lieben,

irgendwie habe ich die Posts vor Schlusi überlesen als ich geantwortet hab (Is ja net schlimm :wink: ).

Mit Gebärdensprache kenne ich mich nicht aus, ob sie nun richtige lernt oder was ähnliches.
Sie hat auf alle fälle eine Schulstunde DGS-Unterricht und hat das Alphabet als Gebärdensprache, welches sie lernen soll.
Bis jetzt hat es sich nicht kontraproduktiv auf ihr Sprechen ausgewirkt. Sie macht jeden Tag mehr Fortschritte und öffnet sich immer mehr in der Klasse. Mit ihrer Klassenlehrerin redet sie und beteiligt sich auch manchmal mündlich am Unterricht.
Die Gebärdensprache als wirklichen Kommunikations-Ersatz zu benutzen, darauf würde meine Tochter glaube ich nicht mal kommen. Sie hat nur entdeckt, das wenn es laut ist und man seiner Freundin die am anderen Tisch sitzt etwas mitteilen möchte, dies per Gebärdenzeichen tun kann.

Vom Unterrichtsstoff, denke ich passt es für sie. Es ist nicht so schwer das sie völlig entmutigt ist und schon gar nicht lernen oder üben möchte, aber auch nicht so leicht, das sie sich langweilt. Der erste Vokabeltest brachte eine 3- hervor, wobei es auch besser hätte sein können, wenn sie wirklich geübt hätte (was sie diese Woche nun tut). Aber juhuuuu...keine 6 das freut sie sehr.

Bei der letzen Therapiestunde hat sie ein ganz lautes HAAAAh ausgerufen, im Bewegungszimmer, was die Therapeutin ihr gleich als nächsten Therapieschritt/Erfolg gutgeschrieben hat. Und auch das macht meine Tochter sehr stolz. Auch das Gespräch zwischen Therapeutin und Klassenlehrerin verlief wohl sehr positiv.

Ach das alles erleichtet mich unheimlich. Zu sehen das sie sich nicht quält und für sich Erfolge verbuchen kann und es aufwärts geht.
Ich denke es war die richtige Entscheidung sie in die Sprachheilschule wechseln zu lassen und wir werden sehen wie ihre Zukunft aussehen wird.


LG Samtpfote

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Beitragvon Samtpfote » 25.11.2014, 12:22

Hallo ihr Lieben!

Und so schnell kann die Begeisterung für die Therapie umschlagen :( :( :( .
Gestern kam sie von der Therapie und meinte nur sie will nicht mehr zur Therapie. Punkt-aus-Schluss! :shock: :shock: :shock:

Öhm......eine Aussage wie ein Blitzschlag. Das Nachfragen ob in der Therapie was vorgefallen sei oder es ihr unangehm war wurde von ihr verneint. Die Stunde hatte Spaß gemacht. Und trotzdem...

Hmmm....

Wie sich nun herraus stellte, hat meine Tochter erfahren das ihre Mitschülerin, in ihrer Klasse, welche auch SM hat und wirklich so gut wie überhaupt nicht redet, anscheinend KEINE Therapie macht.

So....nun versuch deinem Kind zu erklären und nahezulegen doch die Therapie weiter zu machen, obwohl ein anderes Kind, welches viel weniger redet keine macht :roll: :roll: :roll: :roll: :roll: .

Ich hab keine Idee...... :( .

Ich hoffe nur das sich ihre Meinung un dihr Standpunkt ändert.....

LG Samtpfote

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Beitragvon Schlusi » 25.11.2014, 17:48

Hallo Samtpfote,

hey, beruhige Dich. Wir dürfen das, was unsere Kinder so sagen nicht auf die Goldwaage legen, müssen sie aber dennoch ernst nehmen und ihnen vermitteln, dass wir sie verstehen. Dann aber wieder müssen wir einlenken und erklären, dass wir niemals wirklich wissen werden, wie es ist, wenn man mutistisch ist und diese Therapie machen muss, etc.

Versuche doch bitte mal herauszufinden, warum diese Mitschülerin gerade keine Therapie macht. Es gibt Unterschiede bei den Mutisten. Manche haben auch noch andere Baustellen, wie z. B. Legasthenie. Kann sein, dass daran erst einmal gearbeitet wird. Kann auch sein, dass eine Therapie gemacht wurde, aber es da nicht weiter ging. Dann setzt man auch aus. Bei jedem Kind ist es anders und es gibt immer individuelle Gründe.

Wenn Deine Tochter wieder aufnahmefähig ist, dann versuche mit ihr darüber zu sprechen. Geh doch einen Schritt zurück und ihr überlegt euch, wie es wäre, wenn ihr die Therapie jetzt abbrechen würdet. Würde Deine Tochter es von alleine schaffen? Würde sie sich Ziele setzen oder gar nichts mehr machen? Was ist, wenn sie in der Schule nicht spricht? Benötigt sie dann unter Umständen irgendwann einen Schulbegleiter, weil den Lehrern das alles zu viel wird? Und wie ist es ansonsten, ist sie nicht auch schon etwas stolz auf sich, dass sie schon etwas geschafft hat?

Das sind so Dinge, die ihr euch mal durch den Kopf gehen lassen solltet und wo ihr offen drüber sprechen könnt, wenn Deine Tochter es zulässt. Einfach ganz locker ohne dass Du verzweifelst, weil Deine Tochter gerade bockt und zurückrudert.

Ich finde bei unserer Tochter auch immer irgendetwas, was sie doch auch daran stören würde, wenn sie wieder mutistisch wäre oder noch mehr mutistisch wäre, als das, was jetzt noch so als Rest vorhanden ist. Jede Hürde, vor der sie steht, wird immer wieder auch mit den Worten kommentiert "wäre ich noch mutistisch, dann müsste ich über diese Klippe jetzt nicht,...aber nein, ich muss ja schon wieder etwas können, was ich noch nicht kann und keiner merkt es jetzt mehr, wie schwer das alles für mich ist"....so in der Art argumentiert sie.

Du siehst also, dass das eine ganz normale Reaktion Deiner Tochter ist, mit der Du zudem in den nächsten Jahren immer wieder rechnen musst. Sei nicht so verschreckt und gehe einfach davon aus, dass sie weiter diese Therapie machen wird. Aber sprich mit ihr. Du kannst ihr ja auch von meiner Tochter erzählen. Ihr geht es ähnlich, glaub' mir. Mach ihr im richtigen Moment wieder Mut, dass sie es doch schafft und schaffen kann ohne sie zu zwingen. Vielleicht könnt ihr ja eine Woche mal aussetzen, etwas schönes gemeinsam machen und Du gibst ihr Bedenkzeit, aber mit dem Hinweis, dass Du es für richtig hälst, wenn sie weitermacht. Ich sage immer zu meiner Tochter "Du bist nicht XYZ, sondern Du bis Du und Du entscheidest, was Du machst und willst, weil Du nur Deinen Weg gehen kannst". Wenn sie aber ganz fest bei der Meinung bleibt, dass sie die Therapie nicht weitermachen will, dann sag' ihr, dass das jetzt ihre Sache ist und dass sie dies auch der Therapeutin persönlich sagen muss. Die Therapeutin könntest Du ja ohne das Wissen Deiner Tochter schon mal vorwarnen. Ich wette, dass Deine Tochter das nicht übers Herz bringt. Und wenn sie das nicht schafft, dann kannst Du daran sehen, dass ihr die Therapie doch wichtig ist. Sie selbst wird es dann auch merken oder sie ärgert sich, dass sie es wegen ihres Mutismus nicht geschafft hat, der Therapeutin abzusagen. Egal wie herum es sich verhält, Du hast die besseren Karten, denke ich. Das wäre z. B. eine Vorgehensweise, die ich konsequent finde und die nichts mit Überbehütung zu tun hat. Du bist jedenfalls nicht diejenige, die diese Therapie auflöst. Aber Du darfst diejenige sein, die den nächsten Termin absagt, damit Deine Tochter sich einige Dinge durch den Kopf gehen lassen kann. Sei zuversichtlich.

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Beitragvon Hoffnung » 25.11.2014, 17:54

Hallo Samtpfote,

deine Tochter ist ja schon 10 (oder 11) Jahre. Das ist ein Alter, wo man mit einem Kind durchaus schon vernünftig reden kann. Also ich würde deine Tochter ganz konkret fragen, wie sie sich vorstellt, wie das Leben der Mitschülerin später einmal als Erwachsene ausschauen wird, wenn sie nichts an dem Nicht-Reden ändert. Oder auch nur, wie das Leben des Mädchens ausschauen wird, wenn sie im Teenageralter ist - wo alle jungen Leute es lieben, gemeinsam loszuziehen und etwas zu unternehmen - wie sehr sie da isoliert sein wird, wenn sie nicht redet.

Und dann würde ich auch ganz konkret auf den derzeitigen Status deiner Tochter Bezug nehmen - ja es ist ja toll, dass sie schon so vieles geschafft hat - aber es gibt ja doch Situationen, wo sie nicht spricht - also z.B. mit dem Lehrer, den sie für dumm hält. Ich würde ihr da ganz konkret sagen, dass sie bald in ein Alter kommt, wo da überhaupt niemand mehr Verständnis hat, dass sie mit bestimmten Menschen nicht redet - weil es nunmal üblich ist, dass man mit allen Menschen redet - zumindest irgendetwas sagt. Man kann ja auch ausweichend anworten, wenn jemand etwas Blödes zu einem sagt..... Aber es geht einfach nicht, dass man überhaupt nicht antwortet, weil man sich da ganz furchtbar fühlt..... mit jedem Jahr, das sie älter wird, wird das furchtbarer...... Drum kann ein vernünftiges, intelligentes Mädchen (was sie ja ist) sich doch nur entschließen, dieses blöde Redeproblem rasch hinter sich zu bringen - damit sie sich dann einfach in allen Situationen wohl fühlt - und das wird sie am besten mit einer Therapie schaffen.

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Beitragvon Schlusi » 26.11.2014, 07:37

Ich würde ihr da ganz konkret sagen, dass sie bald in ein Alter kommt, wo da überhaupt niemand mehr Verständnis hat, dass sie mit bestimmten Menschen nicht redet - weil es nunmal üblich ist, dass man mit allen Menschen redet - zumindest irgendetwas sagt. Man kann ja auch ausweichend anworten, wenn jemand etwas Blödes zu einem sagt..... Aber es geht einfach nicht, dass man überhaupt nicht antwortet, weil man sich da ganz furchtbar fühlt..... mit jedem Jahr, das sie älter wird, wird das furchtbarer...... Drum kann ein vernünftiges, intelligentes Mädchen (was sie ja ist) sich doch nur entschließen, dieses blöde Redeproblem rasch hinter sich zu bringen - damit sie sich dann einfach in allen Situationen wohl fühlt - und das wird sie am besten mit einer Therapie schaffen.


Ich finde, dass solche Argumentationen nur die Angst schüren und möchte davor warnen. Ich warne davor, weil ich selbst immer wieder in die Falle tappe und auf diese Art und Weise argumentiere. Bei unserer Tochter hat sich daher die Angst verselbständig und ist psychosomatisch geworden, obwohl sie schon sooo viele Fortschritte gemacht hat. Im Rückblick betrachtet würde ich es jetzt besser finden, wenn man nicht immer wieder darauf hinweist, wie das Leben laufen wird, wenn man dieses oder jendes nicht kann und nicht schafft. Das muss man völlig außen vor lassen. Lieber weniger an die Vernunft appelieren. Unsere Kinder sind eh in solchen Ausnahmesituationen nicht dazu in der Lage vernunftsgesteuert zu verstehen und zu handeln. Und je mehr sie selbst es aber wollen, umso weniger schaffen sie das. Deshalb halte ich solche Argumentationen für fragwürdig. Nicht zuletzt kommen so unsere Kinder auch wieder in die Erwartungshaltungsschleife und der Furcht davor, dass sie uns Eltern enttäuschen. Auch das darf nicht passieren. Ich kann nur immer wieder davor warnen, keinen Druck aufzubauen durch derlei Argumentationen, die irgendwelche Horrorszenarien für die Zukunft beinhalten. Das ist Gift für die Seele.

Aber letztendlich muss jeder seine eigenen Erfahrungen damit machen.

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Beitragvon Semper » 26.11.2014, 17:33

Es scheint mir als würde die Vernunft eines Kindes bzw die Fähigkeit von selbstbestimmten Verhalten bei Kindern maßlos überschätzt. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass man mit Kindern zwar anscheinend vernünftig reden kann und dass diese vernünftig erscheinen, es aber noch lange nicht wirklich sind, da eine gewisses selbstreflexives Denken fehlt. Dies ist auch ein Grund dafür, wieso ich (ich glaube es war in einem anderen Thread, aber vielleicht auch hier..) davon ausgehe, dass Kinder zwar mitunter sagen, dass sie etwas bewusst täten, dies aber eigentlich nicht der Fall ist. Solange sie allerdings nicht selbst darauf kommen bringt es nichts, ihnen das zu sagen..

MfG Semper

P.S.: man sollte Kinder aber auch nicht unterschätzen, da sie eine gewisse Lebenserfahrung benötigen, um selbstständig denken zu können.., weswegen man den Willen des Kindes auch nicht einfach übergehen sollte, weil sie ja sowieso nicht eigenständig dächten.. Vielmehr bedarf es teilweise dieses Stadiums, um später dazu fähig zu sein eigenständig zu denken. Inwieweit hierbei eine Grenze zu setzen ist, wäre vll zu überlegen, da dies weder ein Freifahrschein für alle Gedanken noch eine Eingrenzung sein sollte, sondern vielmehr ein Infragestellen der eigenen Methodik. Etwas suggestiv oder methaphorisch zu sagen hilft mitunter viel mehr als es rein rational auszudrücken..

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Beitragvon Hoffnung » 26.11.2014, 17:45

Meine Ansicht ist, dass Druck notwendig ist - aber in der richtigen Art. Natürlich soll das Kind keine Angst davor haben, seine Eltern zu enttäuschen. Schließlich soll das Kind ja auch nicht "für die Eltern reden" - also damit die Eltern zufrieden sind.

Man muss das "Vernünftig-Reden" mit dem Kind so gestalten, dass das Kind zur Einsicht kommt, dass es sich besser fühlen wird, dass es das Leben in jeder Hinsicht mehr genießen kann - NUR darum geht es..... Und das kann auch ein kleines Kind schon verstehen - und erst recht eine 10Jährige.

Man kann ein mutistisches Kind aber aber zu einem "Behinderten erziehen"!
Ich hoffe, es gehen jetzt nicht wieder alle auf mich los, weil ich "etwas gegen Behinderte habe" - das habe ich ja schon oftmalig klargestellt, dass das nicht der Fall ist. Da es für das Kind das Beste ist, ganz rasch vollständig aus dem Mutismus rauszukommen, muss man es in geeigneter Weise davon überzeugen..... und dann wird es auch klappen mit dem Richtig-Gut-Reden in ganz kurzer Zeit.

Semper
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Beitragvon Semper » 26.11.2014, 17:49

Hoffnung hat geschrieben:Man muss das "Vernünftig-Reden" mit dem Kind so gestalten, dass das Kind zur Einsicht kommt, dass es sich besser fühlen wird, dass es das Leben in jeder Hinsicht mehr genießen kann - NUR darum geht es..... Und das kann auch ein kleines Kind schon verstehen - und erst recht eine 10Jährige.
.


Zwischen einem Verstehen und einem Verständnis, welches auch Folgen für das eigene Leben bzw die eigene Lebensweise hat gibt es einen Unterschied.. und dieser ist oft nicht einmal einigen Erwachsenen möglich..


Edit:
An dieser Stelle lässt sich evtl noch R. Lauth zitieren: "Ein Gedanke kann altbekannt und oft gehört worden sein, er wird erst voll erfaßt, wenn er zum Gefühl wird."


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