Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

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Welle
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Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Beitragvon Welle » 07.11.2017, 11:27

Hallo miteinander,

meine 5jährige Tochter leidet an selektivem Mutismus. Sie besucht derzeit einen integrativen Kindergarten und wird mit dem kommenden Jahr schulpflichtig. Nun stellt sich für mich die Frage, wie die Einschulung meiner Tochter am Besten gelingen kann.

Unsere Therapeuten empfehlen uns eine Regelschule evtl. mit einem Schulbegleiter. Welche Erfahrungen habt Ihr damit gemacht?
Was muss ich beachten? Was kann ich im Vorfeld tun, damit ihr Schulbesuch gelingt. Oder soll ich ihr doch noch ein Jahr Kindergartenzeit geben (obwohl sie bereits rechnet, großes Interesse an Buchstaben usw. hat)?

Für Eure Erfahrungen und Tipps bin ich sehr dankbar.

Hoffnung
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Re: Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Beitragvon Hoffnung » 07.11.2017, 18:20

Hallo Welle,

ich rate dir, auf keinen Fall ein weiteres Kindergartenjahr einzuschieben. Deine Tochter rechnet schon und hat großes Interesse an Buchstaben - und das mit 5 Jahren - das ist doch super! - Da haben die Therapeuten ganz richtig zur Regelschule geraten. Ein Zurückstellen oder eine Förderschule würde eure Tochter als Demütigung empfinden. Es sind ja jetzt noch einige Monate Zeit, in denen in der Therapie intensiv daran gearbeitet werden kann, dass eure Tochter auch ohne Schulbegleiter zurechtkommt. Wichtig ist die Motivation - und ein intelligentes Kind hat normalerweise große Motivation, in die Schule zu kommen und auch sein Können zu beweisen. Ich war selbst Mutistin (bis ins Erwachsenenalter) - aber ich habe vom 1. Schultag an lehrstoffbezogen geantwortet, weil ich ehrgeizig war - und weil es da einfach keine Alternative gab. Mir war bewusst, dass man in der Schule nur weiterkommen kann, wenn man der Lehrerin antwortet.... Es gab in der Hinsicht einfach keine Ausweichmöglichkeit. Der Grund, warum ich den Mutismus in allen sonstigen Bereichen bis ins Erwachsenenalter mitgeschleppt habe, war, dass niemand mir in der richtigen Art klar gemacht hat, dass Reden auch in den anderen Bereichen absolut notwendig ist - und weil ich da "Sprachrohre" hatte, die für mich sprechen mussten. In der Schule hatte ich kein "Sprachrohr" - da gab es keinen Begleitlehrer, der für mich gesprochen hätte.... und das war SEHR gut. Zu meiner Zeit hat es noch keine richtige Mutismustherapie gegeben- mit den heutigen mutismusspezifischen Therapien, wie z. B. Symut oder Komut kann man den Kindern super helfen, so dass sie rasch vollständig ins Reden hineinfinden und eine normale Kindheit haben können. Ich wünsche eurer Tochter sehr, dass sie es rasch und vollständig schafft, den Mutismus hinter sich zu lassen.

Hyazinthe
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Re: Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Beitragvon Hyazinthe » 07.11.2017, 18:23

Hallo Welle,

herzlich willkommen hier im Forum!

Ich stoße mich ein wenig an dem Ausdruck, Deine Tochter 'leide' an selektivem Mutismus. Das Störungsbewusstsein ist in dem Alter (zum Glück) oft nicht so ausgeprägt, und das sollte es auch bleiben. Es kann nun mit einer Sprachtherapie begonnen werden, die nach SyMut oder einem ähnlichen Ansatz arbeitet. Wenn Deine Tochter bereits therapeutisch begleitet wird, gibt es keinen Grund, sie nicht regulär einzuschulen. Hatte Sie denn bisher irgendwelche besonderen Zuwendungen (etwa einen Integrationshelfer) im Kindergarten? Auf keinen Fall halte ich eine Sonder- bzw. Sprachheilschule für geeignet. Die ist ja in den meisten Bundesländern eh abgeschafft, so dass diese Entscheidung keine Rolle spielt, und klug genug scheint sie ja zu sein.

Viele Grüße!

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Schlusi
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Re: Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Beitragvon Schlusi » 08.11.2017, 08:00

Hallo Welle,

wir haben ein Jahr vor der Einschulung auch Kontakt zu der Schule aufgenommen. Ich hatte vorab schriftlich erklärt, dass unsere Tochter mutistisch ist, hatte einen Flyer beigelegt und um ein Gespräch gebeten. Es kam ein Schritt nach dem anderen. Und am Ende stand, dass ihre zukünftige Klassenlehrerin im Rahmen einer bewilligten Sprachförderung in den Kindergarten gekommen ist (ein- bis zweimal die Woche für eine Stunde oder so) und hat sich mit unserer Tochter vertraut gemacht und unsere Tochter mit ihr.

Das war ein großer Vorteil für uns und ich bin dieser Lehrerin dafür bis heute dankbar. Denn so hatte unsere Tochter einen guten Start, war schon vertraut. Außerdem haben die Kindergartenkinder auch die Schule besucht, was aber eh auch regulär auf dem Plan stand.

Wenn eure Tochter jetzt bereits schon in therapeutischer Behandlung ist, dann habt ihr gute Chancen, dass die Schule, die Lehrer wohlwollend eure Tochter aufnehmen. Macht sie denn SYMUT? Unsere Tochter war damals bei einer Logopäding, die sich in dem Bereich fortgebildet hatte.

Was den Schulbegleiter angeht...das sollte man eh erst entscheiden und anschieben, wenn eure Tochter schon in der Schule ist. Je nachdem wie sie sich entwickelt und was in Gesprächen mit allen Beteiligten herauskommt, kann es notwendig sein, dass eine Schulbegleitung beantragt wird.

Das hängt auch von den Lehrern ab. Wenn die sich sperren ohne Unterstützung mit eurer mutistischen Tochter umzugehen und zu sehr verunsichert sind, dann entspannt sich die Lage evtl. erst durch die Unterstützung einer Schulbegleitung. Deshalb würde ich das nicht von vornherein ausschließen, aber auch nicht von Anfang an schon einführen wollen. Wichtig ist, dass man ganz flexibel ist und bleibt und sich der Stimmung in der Schule etwas anpasst. Auf Biegen und Brechen etwas herbeiführen oder ausschließen ist da völlig verkehrt. Wichtig ist ein ausgeglichenes Zusammenspiel von allen Beteiligten und dass man aufeinander zugeht und im Gespräch bleibt.

Außerdem gibt es Möglichkeiten des Nachteilsausgleich und Erbringung von Leistung auf andere Art und Weise (wie z. B. das Vorlesen auf dem Flur mit nur einer Bezugsperson, extra Hausarbeit und eben auch mehr Anerkennung für die kleinen Schritte, die in der mündlichen Beteiligung geschafft werden). Dafür müssen die Lehrer sensibilisiert werden. Auch dafür, dass sie dann nicht überschwänglich loben, weil mutistische Kinder dies dann wieder blockieren kann, usw.

Schlusi :)
Tochter *99, mutistisch+Asperger Syndrom

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Re: Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Beitragvon Hyazinthe » 08.11.2017, 08:08

Hallo Manup,

aha, Deine Kinder haben also auch beides :) Wenn sie nur kurz antworten, und Du die Rolle als 'Sprachrohr' zurückfährst, haben beide Seiten doch schon tolle Fortschritte gemacht. Manche Dinge brauchen eben etwas Zeit! Besonders, wenn die Kinder nicht so sind wie andere. Das Zauberwort heißt 'Geduld'.

LG

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Re: Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Beitragvon Hyazinthe » 08.11.2017, 08:55

Hallo Manup,

ich habe das geschrieben, weil wir hier im Forum schon öfters die (kontroverse) Diskussion hatten, ob beides zusammen vorkommen kann oder ob es sich dabei um Ausschluss- bzw. Differentialdiagnosen handelt . . . ich selbst glaube, es kommt häufiger vor, als bisher bekannt ist. LG

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Re: Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Beitragvon Cory » 16.05.2018, 10:00

Hallo,
wir stehen vor dem gleichen Problem.
Unser Sohn ist zwar nicht diagnostiziert, allerdings mit ziemlicher Sicherheit selektiv mutistisch.
Er soll regulär in diesem Sommer eingeschult werden. Wir haben nun die Chance ihn zurückzustellen.
Wie sind die Erfahrungen? Ist es sinnvoll sie zurückzstellen oder ist ein Ortswechsel vielleicht sogar gut?
Grüße

Cory
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Re: Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Beitragvon Cory » 16.05.2018, 18:45

Danke für die Antwort.
Unser großer Sohn war auch im Kindergarten sehr still und hat die Mitarbeit verweigert. Doch ein halbes Jahr vor Schuleintritt machte er auf einmal einen Entwicklungsschub und fing an die Nachbarn im Treppenhaus zu grüßen...
Wir hoffen eben dass dies bei unserem zweiten Sohn, der jetzt in die Schule kommen soll, vielleicht in dem nächsten und sozusagen zusätzlichen Kindergartenjahr noch passieren könnte. So hätte er einen besseren Schulstart.
Das Interesse an Zahlen und Buchstaben besteht. Allerdings ist er schon immer etwas langsamer in der Entwicklung...nicht entscheidend langsamer...
Wir haben das Glück, dass er schon seit einem halben Jahr regelmäßig mit Papa am Unterricht teilnehmen darf. Die Zusammenarbeit mit der Schule läuft dementsprechend super!

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Re: Einschulung eines selektiv mutistischen Kindes

Beitragvon Hyazinthe » 17.05.2018, 06:44

Hallo Manup,

das stimmmt - zu einem Autismus-Spektrum kann sich, besonders bei Mädchen, selektiver Mutismus als Sekundär'störung' hinzugesellen. Das sagt auch der bekannte Autismus-Forscher Tony Attwood, dessen Vortrag ich in Köln gestern besucht habe. Viele versuchen auch das Verhalten von Gleichaltrigen zu kopieren. Bei manchen gelingt diese Kompensation aber nicht, sie verhalten sich weiterhin authentisch, in dem Fall eben autistisch. Der Grund für selektiven Mutismus ist immer Angst. Ob die Unsicherheit aus einer Bindungsstörung (auch Angst vor Ablehnung) heraus entsteht oder aus Sorge, dass man sich wegen unüblicher Äußerungen blamiert - bei beiden Ängsten ist der Selbstwert bzw. das Selbstwertgefühl des KIndes akut bedroht. Viele Grüße!


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