Mutistisch- ja, nein?

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Hyazinthe
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Re: Mutistisch- ja, nein?

Beitragvon Hyazinthe » 20.02.2018, 17:45

P.S. Ich betreue zur Zeit therapeutisch einen Jungen, der in der Schule eine Schulbegleiterin hat und bei dem der Schulbesuch (trotz allen Unkens von Seiten des Kindergartens, er solle eine Förderschule besuchen) nun super geklappt hat. Er geht dort mit seinem besten Freund hin, der in der Klasse neben ihm sitzt. Es zeigt sich immer mehr, dass er (auf seine Weise) intelligent und hellwach ist. Er hat übrigens die Diagnose 'atypischer Autismus'.

Sonnenschein5
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Re: Mutistisch- ja, nein?

Beitragvon Sonnenschein5 » 22.10.2018, 10:00

Hallo,

nun ist meine Tochter in der Schule und sie antwortet fachbezogen, meldet sich, wurde neulich mal ermahnt, weil sie gequatscht hat (ich freue mich eigentlich darüber).

ABER: Jeden Montag geht sie ganz ganz niedergeschlagen in die Schule, da dann dort ein Stuhlkreis ist, bei dem vom Wochenende erzählt wird.

Heute morgen hat sie bitterlich geweint. Und ich bin dann mit zur Schule gegangen (eigentlich geht sie mit den Nachbarskindern allein). Sie wollte unbedingt, dass ich der Lehrerin Bescheid sage, dass sie das so schwierig findet.

Die hat dann natürlich bestätigt, dass ihr das ganz schwer fällt und dass sie den Sprechball auch oft weiter gibt und nichts sagt.
Das Klassentier (Kuscheltier) wollte sie wohl auch nicht mitnehmen, was die Lehrerin gesorgt hat. Das konnte ich ihr dann erklären, denn man muss sagen, was man damit gemacht hat....

Wir haben bewusst den Weg gewählt, dass die Lehrerin unsrer Tochter erst mal kennen lernen kann und haben nicht vorher mit ihr gesprochen.

Nun bin ich nicht so sicher, ob ich nicht doch vorm Elternsprechtag noch mal das Gespräch suche.
Und der Lehrerin auch noch mal anbiete, dass die Logopädin mit ihr sprechen würde für Tipps. Das hat diese wiederum angeboten. Obwohl sie als deutliches Signal an meine Tochter die Therapie vor den Ferien beendet hat.

Meine Tochter hat gleich am ersten richtigen Schultag der Lehrerin etwas gegeben, was noch in ihren Schuhkarton mit den Tuschsachen musste (war in der Schultüte).
Und am zweiten Tag hat sie für eine weinenede Freundin Hilfe geholt.
Ich war erst mal beruhigt und bestätigt in meinem Weg.


Sie muss sich außerhalb der Familie sehr anstrengen, was zu sagen, aber sie hat neulich beim Zahnarzt gesagt wie alt sie ist und ich (!) übe nicht mehr für sie zu antworten, was sie immer erst bittet. Das Grüßen geht jetzt auch leicht.
Sie geht jetzt neu zum Ballett, und da antwortet sie der Lehrerin auch. Die erst mal sagte, ach, da gibt es aber schüchternere Kinder...
Es ist also definitiv ertwas passiert. Genug?

Nun frage ich mich gerade, ob nicht doch noch mal Therapie gut ist?
und ob ich nicht doch noch mal vorm Elternsprechtag mit der Lehrerin rede.

Wobei ich so sagen würde, dass sie ein fröhliches Kind ist. Und ihr Leidensdruck ist ziemlich sicher kleiner ist als meiner (außer Montag morgen).

Aber natürlich würde ich es ihr ganz leicht wünschen und nicht dieses jeden Montag mit Unbehagen zur Schule gehen.
An allen anderen Tagen geht sie gerne hin...
Muss ich sie für dieses Leichter therapieren lassen? Sie redet ja zum Beipsiel auch nicht mit ihren Opas. nur mit den Omas.
Sie sieht sie aber auch sehr selten die Opas. das ist wieder die andere Seite.

Ich freue mich über Gedanken von Euch und danke Euch schon mal sehr

LG

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Schlusi
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Re: Mutistisch- ja, nein?

Beitragvon Schlusi » 22.10.2018, 13:24

Hallo Sonnenschein5,

mir fällt dazu etwas ein...

Aber erst einmal Daumen hoch für die vielen kleinen und großen Fortschritte, die Deine Tochter macht und gemacht hat und sicher auch weiterhin machen wird.

ABER: Jeden Montag geht sie ganz ganz niedergeschlagen in die Schule, da dann dort ein Stuhlkreis ist, bei dem vom Wochenende erzählt wird.

Ja, genau wie bei uns auch damals.

Ich kann jetzt nicht von unserer Tochter auf Deine Tochter schließen, weiß nicht, was bei ihr für Gründe dahinter stecken, aber ich kann ja mal die Gründe aufführen, die ich diesbezüglich von meiner Tochter weiß. Es gibt einige Gründe, die mal mehr und mal weniger zutreffen und dabei auch unterschiedlich in ihrer Gewichtung sein können und wo zum Teil auch mehrere Gründe gleichzeitig zutreffen können.

Ein Stuhlkreis an sich ist keine gute Atmosphäre für sie, um erzählen zu können. Der ganze Rahmen passt so also in vielerlei Hinsicht gar nicht. Außerdem gibt es keine Barriere, wenn man etwas erzählt, alle Augen sind auf einen gerichtet und man hat dann sozusagen eine exponierte Lage ohne "Deckung", sprich es ist wie auf einer Bühne zu stehen.

Das, was sie am Wochenende erlebt hat, ist bei ihr noch im Verarbeitungsmodus und hat noch nicht den Status erreicht, dass sie darüber sprechen kann und möchte.

Das, was sie am Wochenende erlebt hat, ist für sie eine "private Angelegenheit", die sie nicht mit anderen/allen teilen möchte und darum auch nicht vor der Klasse erzählen kann und will. Oder aber sie mag nur Teile davon erzählen und weiß nicht wie sie anderes aus der Erzählung aussparen könnte, was wiederum zur Sprechblockade führt.

Wenn die anderen als erste über ihr Wochenende erzählen, ist sie noch damit beschäftigt, was die anderen alles erzählt haben, hätte Fragen dazu, ist blockiert, oder vergisst gar im Verlauf, was bei ihr eigentlich am Wochenende so los war.

Oder aber sie ist insgesamt etwas eingeschüchtert, weil die anderen vermeintlich interessantere Dinge am Wochenende gemacht haben und sie möchte etwas banales dann nicht erzählen.

Gleichzeitig kann Angst mitschwingen, dass jemand über das, was sie erzählt, lachen könnte. Die Reaktion der anderen, welche auch immer, werden als unangenehm empfunden.

Vielleicht kannst Du mit Deiner Tochter mal darüber sprechen und etwas über die Gründe erfahren. An so Dingen, die angstbesetzt sind, könnte man ja auch noch so nach und nach daran arbeiten. Aber etwas, was mit der Persönlichkeit zusammenhängt dürfte nicht geändert werden, wenn z. B. jemand einfach privates nicht gezwungenermaßen mit allen teilen möchte.

Schlusi :)
Tochter *99, mutistisch+Asperger Syndrom

Hoffnung
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Re: Mutistisch- ja, nein?

Beitragvon Hoffnung » 22.10.2018, 13:55

Hallo Sonnenschein5,

über das Wochenende zu erzählen ist eine sehr private und für Mutisten sehr sensible Angelegenheit. Ich würde einmal damit beginnen, das Kind zu fragen, was die anderen Kinder so erzählen.... also was die meisten Kinder erzählen.... Vielleicht gibt es da ja eine Abweichung, zu euren Wochenendaktivitäten - ich meine das jetzt keinesfalls negativ. Es kann ja sein, dass die meisten Kinder etwas über Outdoor-Aktivitäten erzählen - ihr aber geht lieber ins Kino... oder umgekehrt. Da ist es dann natürlich eine enorme Hemmschwelle, gleich beim ersten Mal, wenn im Stuhlkreis gesprochen wird, etwas Abweichendes zu erzählen. Als nächsten Schritt würde ich einmal ein Wochenende so planen, das es dem entspricht, was viele Kinder erzählen. Dann fällt es vielleicht leichter genau über diese Aktivität zu erzählen. Und dann würde ich noch am Sonntagabend eine kleine Übung diesbezüglich abhalten, also mit dem Kind besprechen, was sie von den Wochenendaktiväten erzählen will. Sie muss ja nicht alles erzählen. Also nur einen leicht erzählbaren Bereich auswählen und das Kind erzählt das als Übung der Mutter. Und dann würde ich das Kind noch darin bestärken, dass der nächste Schultag ein schöner Tag werden wird, weil sie mit Selbstverständlichkeit wie alle anderen Kinder etwas über das Wochenende erzählt, das rasch hinter sich bringt, dabei keine Angst haben wird.... und wenn das einmal geschafft ist, kann an dem Tag ja eigentlich nichts Schlimmes mehr passieren. Ich würde das Kind darin bestärken, dass es auf keinen Fall mehr erzählen muss, als es sich vorgenommen hat. Dass es auf etwaige Fragen, was noch war, ja auch einfach sagen kann: Das war alles. Also überhaupt keine Angst haben muss, immer weiter ausgefragt zu werden.

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Re: Mutistisch- ja, nein?

Beitragvon Sonnenschein5 » 23.10.2018, 09:29

Hallo,


Eure Tipps sind wirklich super. einiges haben wir auch schon gemacht.
Aber nun haben wir sie gefragt, was sie denn gerne erzählen würde, was sie denn für einen Vorschlag fürs Wochenende hat.

Ich habe ihr auch schon einen Mutmacher von mir, der in ihrer Hosentasche war mitgegeben.
Und wir besprechn oft, was sie sagen könnte.

Aber die Anregungen sind wirklich gut.

Die Lehrerin, ich hatte ihr eien mail egschrieben und gefragt, ob sie Gesprächsbedarf hat, hat geschrieben, dass meine Tochter sich rege am unterrricht beteiligt und nur der Morgenkreis am Montag problematisch sei.

Fürs Klassentierchen hat sie meiner Tochter jetzt gesagt, dass sie das mitnehmen darf und nichts davon erzählen muss.

Und gestern hat ihre eine Freundin den Sprechball auch einfach weitergegeben.

das mit dem "Das war alles" ist wirklich ein Supertipp.

Meine Tochter möchte es glaub ich wirklich schaffen. denn sie könnte den Sprechball ja weitergeben.
das habe ich erst gestern verstanden. Ich dachte, sie sagt immer einen Satz.

Der Lehrrein werde ich glaub ich trotzdem die Hinweise für Lehrer von denen in Hannover, weiß grad den namen nicht, schicken als Link.

Denn ich glaube, es wäre z.B, wirklich wichtig, sie dann nicht besonders zu lobene (hervorzuheben), wenn sie redet.
Wobei ihr manchmal Lob glaub ich auch doch gut tut. Unser 12jähriges nachbarsmädchen sagt ihr immer, dass sie es toll findet, wenn sie es schafft , mit ihr zu reden (sie hatte selbst eine lange schwierige Sprachgeschichte, war in der Sprachheilklasse) und da lächelt meine Tochter immer.



Danke, viel, vielmals

H.

Danke Euch sehr.

Hoffnung
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Re: Mutistisch- ja, nein?

Beitragvon Hoffnung » 23.10.2018, 15:21

Hallo Sonnenschein5,

es ist ja wirklich toll, was deine Tochter in der Schule schon alles schafft - da wird sie das mit dem Stuhlkreis doch auch bald schaffen!

Was das Loben betrifft - Reden ist eine wirklich sehr sensible Sache für Mutisten und deshalb sollte sich das Loben nie direkt auf das Reden beziehen - sondern nur auf das, was mit dem Reden geschafft wurde. Das Reden sollte da als "selbstverständlicher Hintergrund" gesehen werden, der gar keines eigenen Lobes bedarf. Also durchaus loben, wenn deine Tochter eine gute Note für die Beteiligung am Unterricht bekommt - aber nicht extra darauf hinweisen, dass sie so gut geredet hat! Man kann sie also dafür loben, dass sie so ein tüchtiges Mädchen ist, das sehr viel weiß und sich daher oft im Unterricht melden kann!

Hyazinthe
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Re: Mutistisch- ja, nein?

Beitragvon Hyazinthe » 24.10.2018, 14:32

Hallo,

der Meinung von 'Hoffnung' kann ich mich nur anschließen, die Fortschritte im Sprechen nicht direkt zu thematisieren, sondern die Inhalte des Gesagten!

Ich finde, die Lehrerin sollte es ruhig respektieren, dass Deine Tochter nun weiß, dass im 'Morgenkreis' nicht reden muss, sondern den 'Ball' weitergeben kann. Viele Kinder nutzen die Gelegenheit, sich in Szene zu setzen und kosten das weidlich aus. Andere mögen das eben nicht. Das sollte man tolerieren.

Viele Grüße!


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