Selektiver Mutismus

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

Moderator: Elfa

UnsereChance
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Selektiver Mutismus

Beitragvon UnsereChance » 02.06.2018, 17:24

und das Asperger Syndrom.

Ursprünglich war ich hier mal angemeldet, weil unser Sohn die Diagnose "selektiver Mutismus" bekam. Wir fuhren daraufhin 2x die Woche zu einer auf Mutismus spezialisierten Therapeutin. Eines Tages wies sie daraufhin, dass sie bei unserem Sohn das Asperger Syndrom vermutet und sie in ihrer Therapie schon einige Asperger betreut hätte. Ich war skeptisch, denn die Informationen, die ich über das Asperger Syndrom fand, waren für mich nicht 100% zutreffend. Trotzdem meldete ich ihn auf ihr Anraten bei einer Autismusambulanz an. Die Therapeutin hatte recht. Er bekam die Diagnose "Asperger Syndrom". Nachdem ich mich nun sehr intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt habe, ist mir aufgefallen, dass selektiver Mutismus auch oft bei Aspergern anzutreffen ist.
Durch das Auseinandersetzen und das Eingehen auf sein Aspergerdasein, ist es viel besser mit dem selektiven Mutismus geworden.

Ich schreibe das auf, weil es mir wichtig ist, dass diese Möglichkeit nicht außer acht gelassen wird.

Hyazinthe
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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Hyazinthe » 02.06.2018, 19:33

Hallo UnsereChance,

es ist wichtig und richtig, dass Du (aus eigener Erfahrung mit Deinem Sohn) darauf hinweist. Ich mache schon seit vielen Jahren darauf aufmerksam, dass da ein Zusammenhang im Sinne einer Komorbidität häufiger besteht, als man hier in Deutschland wahrhaben will. Verstehen tue ich das nicht. Ich habe aber die Theorie, dass es damit zusammenhängt, dass Autismus-Unkundige ein sehr reduziertes Bild von 'Autismus-Spektrum-Störungen' haben. Natürlich ist das Asperger-Syndrom nicht dasselbe wie das Kanner-Syndrom (der Frühkindliche Autismus), bei dem eine Sprachentwicklung oft reduziert oder gar nicht möglich ist. Kinder/Jugendliche/Erwachsene/Senioren mit Asperger-Autismus hingegen entwickeln bzw. haben dagegen oft eine sehr hoch stehende Sprache, weshalb ich es schon immer plausibel fand, dass beides zusammen auftreten kann. Also die Besonderheit (oder 'Entwicklungsstörung') Asperger-Syndrom zusammen mit Selektivem Mutismus, der ja dadurch definiert ist, dass Sprache erworben wurde und in einigen Kontexten gut gelingt.

Viele Grüße!

Hyazinthe
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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Hyazinthe » 02.06.2018, 19:38

P.S.: Wie schön, dass diese (Sprach-?)Therapeutin nicht 'betriebsblind' war und das Asperger-Syndrom bzw. Hinweise darauf richtig zu deuten wusste.

NinaO
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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon NinaO » 03.06.2018, 10:29

Hallo,
ich kann den Zusammenhang auch auf mich beziehen, aber kein Therapeut ging da bisher mit. Wir können jedoch i.d.R. nicht behaupten, ob das eine Folge des anderen oder komorbide ist. In der ICD-11 wird es diese Trennung zwischen Kanner und Asperger so nicht mehr geben. Ob dann noch ein Zusammenhang zwischen Mutismus und Asperger möglich sein wird, weiß ich nicht, wäre dann aber ein Verlust.
Ansonsten bin ich sowieso der Meinung, dass beim Mutismus viel detaillierter die Problematiken rausgearbeitet werden müssten. Es gibt sehr unterschiedliche verbale Kontaktsituationen und von mir weiß ich, dass ich da unterschiedlich mutistisch war und sich das auch im Laufe der Jahre gewandelt hat. Damit meine ich nicht, vereinfachte Situationen wie in der Schule, nur bei Lehrern, nur bei Schülern, bei allen Fremden. Sondern ich meine die Art von Gesprächen, die als Anforderungen im Schulalltag, Freizeitalltag, später Berufsalltag da sind.
Hierzu werde ich dann bald ein Buch mit meinen beruflichen und persönlichen Erfahrungen und psychologisch bisher angeeignetem Wissen zusammenstellen. Um dann auch konkretere Veränderungsmöglichkeiten aufzuzeigen, so ist es mir oftmals zu stringend in eine Richtung. Schön, wenn nur ein "Knoten" platzen muss und es läuft dann von alleine. Das sind vlt 50% der Kinder. Funktioniert aber bei Erwachsenen wohl eher nicht mehr. Bei den anderen Kindern kann es nämlich dann auch sein, dass "autistische" Verhaltensweisen mit dabei sind. Evtl auch systemische Probleme, die nur verbessert werden müssten.
LG
Nina Onawa

Hyazinthe
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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Hyazinthe » 04.06.2018, 06:59

Hallo,

ja, der Mutismus kann 'überwunden' werden, eine Autismus-Spektrum-Störung (wie das nach den Erstbeschreibern benannte Asperger-Syndrom oder Kanner-Syndrom inzwischen zusammengefasst wird) natürlich nicht. Aber sie lässt sich kompensieren, indem man auch die Stärken erkennt und sie nicht nur als Krankheit, sondern auch als persönliche Eigenschaft betrachtet. Die Kinder stark zu machen, die ihre Umwelt im Kopf anders verarbeiten, ist ein wesentlicher Teil einer Autismus-Therapie, und nicht, die autistischen Anteile für das Individuum und die Umwelt nur wegzukaschieren. Viele Grüße!

Wenn man ASS also nicht als Krankheit, sondern als einen wesentlichen Persönlichkeitsfaktor betrachtet, gibt es auch überhaupt keinen Grund mehr, warum beide Klassifizierungen (Autistisches Syndrom und Selektiver Mutismus) nicht kompatibel sein sollten. Zumindest als Komorbidität.

Sonnenblume
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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Sonnenblume » 04.06.2018, 10:45

Hallo,
...und ich möchte hier ,auch schon seit langem, darauf aufmerksam machen,dass es nicht DEN (sel.) Mutismus gibt.
Auch könnte/sollte man Mutismus nicht als eigenständige Störung/Krankheit sehen,sondern als Symptom von Mehrerem.

-Symptom eines Autismus-Spektrum: -dann gehört er in einer dafür
spezialisierten Ambulanz in Behandlung.

-Symptom einer Angststörung/soz.Phobie/

-Symptom eines traumatischen Ereignisses

sicher gibt es noch mehr, aber jenachdem,um welcher Art Schweigen es sich handelt, dementsprechend sollte die Therapie sein und so verschieden.
Auf alle Fälle sollten wir uns davor hüten den sel. Mutismus,um den es sich in diesem ganzen Forum dreht, stets und ständig mit Autismus-Spektrum in Verbindung zu bringen.
Es gibt weitaus mehr Betroffene ,denen fälschlicherweise zuerst ein Autismus angehängt wird- mit fatalen Folgen, weil sie diesen Stempel schwer/kaum wieder loswerden.
Ja, und wenn man von einer leichten Autismusform spricht, autistischen Zügen,wo will man da beginnen und wo aufhören?
Hat nicht jeder Mensch irgendwelche Macken,Eigenarten?
Wären da nicht alle Menschen irgendwie ein bisschen autistisch?
Egoisten gibts ja schon zu Hauf'.

Was ich auch schon immer mal wollte,nein keine ständigen Hin-und herdiskussionen,sondern von denen,die sich mit Autismus
auskennen,mal Fakten. WAS macht ein Aspie aus,was sind typische Zeichen? Viele sind bekannt, dann wird geleugnet,das sei nicht bei allen so,
aber ab wann und mit was ist denn Autismus auffällig? Bitte einmal alle Fakten und Merkmale aufzeigen,
mir ist schon klar, dass die nicht auf jeden Autisten zutreffen.
Es wäre wirklich mal gut zu wissen, in anderen Foren/Gruppen diskutieren nämlich auch
Asperger mit, die manchmal ein Riesen-Chaos reinbringen, weil sie falsch verstehen,jedes Wort wörtlich nehmen,
Text zerpflücken...und dabei können sie eigentlich nichts dafür.
Danke!
Unterschätze mich nicht. Nur weil ich still bin.
Ich weiß mehr als ich erzähle,
denke mehr als ich spreche und bekomme mehr mit, als du denkst!

_._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._
Facebook-Gruppe: "selektiver Mutismus- soziale Ängste"

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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Hyazinthe » 04.06.2018, 16:05

Hallo Heike,

ja, Autisten oder Menschen aus diesem Spektrum (wie vermutlich auch ich, arbeite selbst in einer Autismus-Ambulanz und kenne mich 'ein wenig' damit aus) haben einen Hang dazu, Texte zu 'zerpflücken', wie Du es nennst, sie zu analysieren und nicht direkt emotional (und damit unsachlich) zu werden. Dass hier immer wieder in diesem Forum das Thema 'Autismus' auftaucht, liegt vielleicht schlicht daran, dass es viele von beiden Störungen Betroffene gibt. Was soll daran falsch sein, wenn sie sich darüber austauschen? Selektiver Mutismus ist klar definiert. Es gibt da keine Unterarten. Und eine Trauma-Störung liegt eher meist bei dem 'totalen Mutismus' zugrunde. Sonst sind es eher Angsstörungen. Und warum sollte das bei Autismus-Betroffenen anders sein? Und egoistisch sind nur Menschen, die sich aus Faulheit oder Ignoranz nicht mit dem Thema beschäftigen möchten. Hier eine Seite für alle Interessierten, der Rest muss sich ja nicht informieren, wenn es ihn nicht betrifft, auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, es betrifft vielleicht so ca 50 Prozent derjenigen, die mit Selektivem Mutismus zu tun haben. Aber das ist ja nur eine Annahme und (noch) nicht erforscht: http://www.autismus.de

Viele Grüße und frohes Recherchieren!

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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Hyazinthe » 04.06.2018, 18:38

Hallo nochmal,

Angst und ihre Störungsformen sind bei ASS stark verbreitet, nicht umsonst haben die Betroffenen häufig Zwänge. Sie sind hochsensibel, schreckhaft und Veränderungen gegenüber häufig nicht aufgeschlossen. Ängstlich eben. Sie können also sehr wohl Angststörungen entwickeln. Warum gerade nicht Selektiven Mutismus? Gibt es da irgendeine Glaubensformel, nach der diese bei ASS ausgeschlossen ist? Dann ist die dringend überarbeitungsbedürftig.

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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Schlusi » 04.06.2018, 20:11

Es gibt weitaus mehr Betroffene ,denen fälschlicherweise zuerst ein Autismus angehängt wird- mit fatalen Folgen, weil sie diesen Stempel schwer/kaum wieder loswerden.

Ist das wirklich so?
Davon habe ich bisher nicht gehört.
Es ist sogar so, dass immer wieder eine erneute Diagnostik notwendig ist, auch wenn man schon eine Autismus-Spektrum-Störung-Diagnose hat.
Für alles, was man so im Laufe der Jahre an Hilfe und Unterstützung bei den verschiedenen Stellen beantragen möchte oder aber auch wenn der Schwerbehindertenausweis verlängert werden soll, braucht man wieder eine neue Diagnostik. Also diesen Stempel hat man nicht automatisch sein ganzes Leben lang. Denn jede Unterstützung und Förderung kostet Geld und die jeweiligen Stellen schauen schon sehr genau, ob auch weiterhin eine Störung aus dem autistischen Bereich vorliegt.
Wie kommst Du an genau eine gegenteilige Erfahrung?
Wie gesagt, ich finde es komisch, weil ich mich mit anderen Eltern austausche und bei denen ist das auch so, dass die Diagnose nicht ein Stein gemeißelt ist und eben immer wieder aktualisiert werden muss.

Ja, und wenn man von einer leichten Autismusform spricht, autistischen Zügen,wo will man da beginnen und wo aufhören?
Hat nicht jeder Mensch irgendwelche Macken,Eigenarten?

Die Frage, wo man da beginnen und wo aufhören kann oder sollte, lässt sich nicht so einfach beantworten. Das ist dann wohl auch den Fachleuten überlassen, die sich ja auch stetig fortbilden müssen und sollten. Dazu kommt noch, dass man dazu übergegangen ist, die verschiedenen Autismusstörungen nicht weiter einzeln zu benennen und einzuordnen, sondern es läuft jetzt alles unter Autismus-Spektrum-Störung. Die Schwere dieser Störung kann man dann noch am anerkannten Behinderungsgrad erkennen. Aber auch da ist es so, dass der Grad der Behinderung befristet ist und bei einer Verlängerung des Ausweises vorher überprüft wird, ob und was sich verändert hat. Niemand kann und sollte sich auf seiner Behinderung ausruhen...so in etwa.

Und ja, jeder Mensch hat irgendwelche Macken und Eigenarten.
Diese Diagnosen kommen ja auch immer dann zustande, wenn es einen Leidensdruck für alle Beteiligte gibt und diese um professionelle Hilfe ersuchen, um es in Kurzform zu erklären. Nicht jede Macke oder Eigenart hat Krankheitswert bzw. ist als Störung einzuordnen...darum geht es. Im Grunde genommen ist Autismus auch keine Störung oder Krankheit, sondern eine Art zu sein. Dazu könnte man jetzt auch noch ausschweifend ausführen....

Wären da nicht alle Menschen irgendwie ein bisschen autistisch?
Egoisten gibts ja schon zu Hauf'.

Das habe ich jetzt nicht richtig verstanden, was Du da meinst.
Meinst Du, dass Autismus mit Egoismus gleichzusetzen ist oder was meinst du damit?
Falls Du das meinst, dann ist das ein Missverständnis.
Autisten sind keine Egoisten. Das, was nach außen hin egoistisch erscheint bzw. von neurotypischen Menschen so aufgefasst wird, hat oftmals ganz andere Gründe und Ursachen, beruht auf Missverständnissen untereinander. Das wäre wieder ein Thema für sich. Damit kann man sich beschäftigen und auseinandersetzen, muss man aber nicht. Ich finde, dass das Thema Autismus-Spektrum-Störung sehr komplex ist. Im Austausch mit meiner Tochter erfahre ich praktisch jeden Tag wieder etwas, was ich noch nicht wusste.

Schlusi :)
Tochter *99, mutistisch+Asperger Syndrom

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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Schlusi » 04.06.2018, 20:23

Durch das Auseinandersetzen und das Eingehen auf sein Aspergerdasein, ist es viel besser mit dem selektiven Mutismus geworden.

Ich schreibe das auf, weil es mir wichtig ist, dass diese Möglichkeit nicht außer acht gelassen wird.


Ja, das ging uns auch so.
Unsere Chance, wie geht es denn Deinem Sohn mit der Diagnose?
Kann er etwas damit anfangen?
Findet er sich darin wieder?

Bei uns war und ist es auch so, dass es für unsere Tochter hilfreich ist, sich damit auseinander setzen zu können, um so auch ein besseres Selbstverständnis zu bekommen, zu verstehen, wieso und warum dieses oder jenes so anders bei ihr ist, usw.

Schlusi :)
Tochter *99, mutistisch+Asperger Syndrom

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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Hyazinthe » 04.06.2018, 21:47

Hallo Schlusi,

stimmt :)

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Re: Selektiver Mutismus

Beitragvon Hyazinthe » 05.06.2018, 09:22



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