ist mein Sohn mutistisch????

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

Moderator: Elfa

Anyes
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ist mein Sohn mutistisch????

Beitragvon Anyes » 23.09.2006, 11:11

Hallo, auch ich habe am Mittwoch Stern TV Sendung verfolgt und war total verblüfft. Ich dachte, sie reden über meinen Sohn. Bis dahin habe ich von Mutismus keine Ahnung gehabt. Ich lese mir jetzt dieses Forum seit Mittwoch durch und werde immer mehr in der Annahme bestätigt, dass mein Kind mutistisch ist. Wir haben ziemlich früh festgestellt, dass unser Sohn in seinem Verhalten immer ein bisschen anders war als alle anderen Kinder(sehr ruhig, sehr brav, scheinbar selbstgenügsam). Er sprach sehr früh und von Anfang an zweisprachig, was ihm nie Probleme bereitete. Er konnte sich schon mit 2 Jahren in beiden Sprachen sehr gut verständigen, wobei Fasenweise immer eine Sprache ein Wenig bevorzugt wurde, je nach dem in welche Umgebung er sich gerade befand. Selbstverständlich konnte er zu dem Zeitpunkt die Sprachen noch nicht richtig differenzieren und hat sie manchmal durcheinander gebracht, was fällig normal ist und er wurde deswegen nie ausgelacht oder ähnliches. Er hat allerdings immer nur zu Hause gesprochen, oder in vertrauter Umgebung, unterwegs so gut wie gar nicht. Von seinem 2. bis zu seinem 3. Lebensjahr hat mein Sohn einmal die Woche Spielkreis besucht, einfach damit er mit anderen Kindern zusammenkommt und soziale Kontakte schließen kann und damit er seine Schüchternheit verliert, es hat nichts geholfen. Ich wurde von der Erzieherin öfter drauf angesprochen, dass er noch kein Wort mit Ihr und den Kindern gewechselt hat und ob er überhaupt sprechen kann. Im Kindergarten hat sich dann das gleiche wiederholt. Er hat über ein Jahr gebraucht um sich ein Bisschen eingewöhnen und 1-2 Freunde zu finden. Er hat überwiegend allein gespielt und mit den Erzieherinnen meistens nur durch Kopfnicken kommuniziert, oder höchstens ja und nein geantwortet und das ganze ohne Augenkontakt. Vielleicht nach 2 Jahren hat er dann ab und zu ein Paar Worte mit ihnen gewechselt, aber nur das nötigste und nur wenn er direkt ausgefragt worden ist. Die Zweisprachigkeit hat er so richtig wahrgenommen so mit 3 ½ - 4 seitdem hat er die Sprachen sehr gut differenziert. Ab dem Zeitpunkt ist er immer verstummt sobald irgendeine Person den Raum betreten hat, die die Sprache, in der er gerade gesprochen hat, nicht versteht. z.B. Er ist mit mir allein im Zimmer und erzählt mir irgendetwas auf tschechisch, plötzlich kommt z.B. der Papa dazu, der tschechisch nicht versteht und unser Sohn verstummt mitten im Satz, nach mehrmaliger Aufforderung, er solle weiter erzählen, geht es nur noch flüsternd ins Ohr, wobei er gar kein Problem hat sich unmittelbar danach ganz normal auf Deutsch mit dem Papa zu unterhalten. Das gleiche macht er auch andersrum, sobald wir über die Grenze sind, wird laut nur noch tschechisch gesprochen und deutsch nur flüsternd. Wir versuchen die ganze Zeit ihm zu vermitteln, er muss sich seiner Zweisprachigkeit nicht schämen, nutzt aber nichts.
Ich muss noch erwähnen, dass unser Sohn anscheinend sehr intelligent ist, mit 4 Jahren hat er uns plötzlich Wörter vorgelesen und zwar egal welche auch sehr lange Wörter. Wir waren total überrascht, weil wir ihm das lesen nicht beigebracht haben. Mit ca. 5 konnte er auch schon Kleinschrifft lesen. Heute ist unser Sohn 7 Jahre alt, ist gerade eingeschult worden und bis Heute hat er niemanden (außer mir und dem Papa) gezeigt, dass er lesen kann, auch in der Schule nicht. Er ist auf Empfehlung der Kindergartenerzieherinnen erst ein Jahr später eingeschult worden aufgrund seines Sozialverhaltens. Er beantwortete meistens keine Fragen und machte lieber so, als würde er nicht hören, er überhörte sie einfach scheinbar nur um nicht antworten zu müssen. Ich habe bereits 3x sein Gehör prüfen lassen, er hört sehr gut. Selbstverständlich findet er jetzt den Stoff in der 1. Klasse total langweilig und kapiert nicht warum er das alles machen muss, wenn er das alles schon lange kann.
Ein andrer Aspekt ist seine Ängstlichkeit. Er hat meistens generell vor allen neuen Sachen und Tätigkeiten sehr große Angst und traut sich gar nichts zu. Er lässt generell überall alle Kinder vor und guckt nur zu, will aber selbst gar nicht mitmachen Bzw. er würde gerne mitmachen, traut sich aber nicht. Wir machen alles was in unseren Kräften ist um seinen Selbstwertgefühl zu steigern, kommen aber nicht weiter. Er ist sehr menschenscheu, spricht mit Fremden kein Wort auch wenn fremde Kinder auf ihn zugehen (auch kleine) senkt er seinen Blick, antwortet nicht und guckt wie er sich „aus dem Staub machen kann“, oder versteckt sich hinter meinen Beinen (wenn ich gerade da stehe). Selbst mit engen Freunden der Familie spricht er jeweils erst nach 1-2 Jahren und nur das nötigste. Wir haben Angst, dass er sich mit seinem schweigen, seinen Ängsten und seiner extremen Zurückhaltung selbst sein Leben verbaut, dass er in der Schule falsch verstanden wird usw. Ein Beispiel: Er wünscht sich seit er 4 war Schlagzeug spielen zu lernen, er hat seit einiger Zeit Schlagzeug zu Hause und trommelt sehr schön. In der Musikschule verliefen die ersten 2 Stunden sehr gut, solange der Lehrer nur da saß, hörte zu und mischte sich nicht ein (um zu gucken was das Kind kann). In der 3. Stunde wollte der Lehrer mit dem Unterricht beginnen woran mein Sohn die Stöcke hingelegt hat, den Kopf gesenkt hat und keinen einzigen Schlag, keinen einzigen Mucks, gar nichts mehr gemacht hat, nur eisern geschwiegen, später dann sogar geweint hat (nach dem wir auf ihn eingeredet haben). Zu Hause hat er sich dann über sich selbst sehr geärgert und sich vorgenommen bei der nächsten Stunde mitmachen. Wir haben noch 3 weitere Stunden probiert, jedes Mal kam nur eisernes schweigen, bis letztendlich der Lehrer gesagt hat, dass es keinen Sinn hat. Mein Sohn war selbstverständlich von sich selbst enttäuscht und verzweifelt, was ihn wieder in seinem Selbstvertrauen ein Stückchen zurückgeworfen hat. Und so ist es meistens mit allem was er anfängt.
Kann es sein, dass unser Sohn mutistisch ist, dass er einfach mit seinem Schweigen seine Ängste bewältigt und eine entsprechende Therapie braucht um weiterzukommen?
Zuletzt geändert von Anyes am 23.09.2006, 19:06, insgesamt 2-mal geändert.

hansfranz
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Beitragvon hansfranz » 23.09.2006, 11:31

Hallo,
alles, was du beschreibst, deutet auf selektiven Mutismus hin.
Mutismus kommt bei mehrsprachig erzogenen Kindern häufiger vor als bei anderen. Über die Gründe kann ich nichts sagen, vielleicht andere?
Es ist aber auch müßig, über die Gründe nachzudenken. Dein Sohn braucht Hilfe. Ich kann mich nur wiederholen. Weiter unten habe ich "Doc" geantwortet, das gleiche würde ich dir raten!
Ich wünsche euch alles Gute!
LG hansfranz

Anyes
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Beitragvon Anyes » 23.09.2006, 13:10

Hallo Hanzfranz, danke für deine Antwort. Ich habe mir deinen Beitrag für "doc" durchgelesen und werde mich auf die Suche nach einem geeigneten Therapeuten machen. Auch das Verhalten deines Sohnes, das Du in dem Beitrag beschreibst kenne ich zu gut. Um zu den Ursachen noch mal zurückzukommen, es ist wirklich sehr schwer sich darüber Kopf zu machen, aber ich habe bei meinem dreitägigen Durchwühlen des Internets nach Informationen über Selektiven Mutismus irgendwo gelesen, dass es auch erblich bedingt sein kann. Ich bin mir mittlerweile so gut wie sicher, dass ich als Kind auch Mutist war wobei, sehr wahrscheinlich, Mutismus als Krankheit damals noch gar nicht anerkannt war und ich „nur“ als extrem schüchtern abgestempelt worden bin. Ich habe mich in meiner Kindheit genau so verhalten wie mein Sohn heute, ich war dadurch oft sehr benachteiligt, habe sehr viel verpasst und kam viel zu oft in Situationen die für mich sehr unangenehm waren. Ich habe z. B. erst in erwachsenem Alter schwimmen, oder Fahrrad fahren gelernt nur weil ich als Kind viel zu viel Angst hatte und wollte es gar nicht erstmal probieren ( genauso geht es meinem Sohn, lieber nichts machen, als etwas probieren). Ich habe auch bis zu der Pubertät kaum mit Menschen gesprochen (außer der Familie). Das alles möchte ich gerne meinem Sohn ersparen, aber ich weiß auch ganz genau, wenn er sich gezwungen füllt, macht er ganz zu, deshalb zwinge ich ihn zu nichts und freue mich über kleine Vorschritte z.B. dass er in einem Schwimmkurs bereits mit 6 das schwimmen erlernt hat, auch wenn er so gut wie nie ins Wasser springt. Er wird lieber stundenlang am Rand stehen und anderen Kindern beim Springen zuzusehen, fasst aber nur selten den Mut selbst auch Reinzuspringen. Ich denke also, dass er genetisch vorbelastet ist und dazu kommt noch die Zweisprachigkeit.
Zuletzt geändert von Anyes am 24.09.2006, 21:58, insgesamt 2-mal geändert.

Muecke49
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Beitragvon Muecke49 » 23.09.2006, 17:03

Hallo Anyes,

sorry das ich mich hier einklinke, aber ich habe in deinem Beitrag etwas gelesen was meine Aufmerksamkeit geweckt hat.

Diese Ängstlichkeit in manchen Sitationen. Mein Sohn hat grosse Probleme wenn gewohnte Tagesabläufe (zuhause, Kindergarten) geändert werden. Er fängt dann an zu weinen und es fällt dann schwer ihn zu beruhigen. Ich musste wegen solchen Sachen schon in den Kindergarten gehen und Ihn holen. Wenn irgendwas auf eine bestimmte Weise gemacht wird muss es immer so gemacht werden, oder er ist total verunsichert und fertig.

Ist dies auch typisch bei Mutismus? Gehört dies dazu oder ist das schon wieder eine andere "Baustelle"?

Grüss Mücke

Anyes
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Beitragvon Anyes » 23.09.2006, 17:57

Hallo Mücke, Ich achte bei meinem Sohn eigentlich schon immer darauf, dass er feste Tagesabläufe hat, so weit es geht, z. B. abends in die Badewanne, dann Abendessen, dann Sandmännchen, dann Zähneputzen, Geschichte vorlesen, schmusen, den Tag noch mal besprechen, Spieluhr und schlafen. Es gibt ihm Sicherheit und er braucht viel Sicherheit bei seinen ständigen Ängsten. Als er noch klein war bestand er eisern drauf, dass es auch wirklich immer so abläuft. Er hat aber bei Veränderungen nicht geweint, sondern hat mich sofort drauf aufmerksam gemacht, dass es jetzt andersrum, oder falsch war, hatte aber kein wirkliches Problem damit. Heute ist es ihm ziemlich egal und hat gegen Veränderungen nichts, solange er sich sicher fühlt. Er ist eher mit jeglichen neuen Aktivitäten scheinbar überfordert und traut sich nicht.
Ich bin kein Psychologe, also möchte ich mir nicht anmaßen deinem Kind irgendwelche Diagnose zu stellen, also verstehe mich bitte nicht falsch, aber ich glaube mich zu erinnern, dass diese massive Probleme mit den kleinsten Veränderungen eher Symptome die für Autismus Bzw.Asperger Syndrom sprechen würden. Aber wie ich sage, bin kein Psychologe und kann völlig daneben liegen. :wink:
Zuletzt geändert von Anyes am 24.09.2006, 22:02, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitragvon Schlusi » 23.09.2006, 18:24

Hallo Mücke,
hallo Anyes,

also, bei unserer Tochter ist es auch so, dass sie einen festen Tagesablauf braucht und Leerläufe und unstrukturierte Zeit belasten sie, aber das kann ich auch nicht immer ändern. Andererseits braucht sie zwischendurch oft selbst mal unverbrauchte Zeit, das alles ist manchmal auch sehr widersprüchlich.

Als sie kleiner war, war es auch schwierig, wenn wir im Urlaub waren, und sie nicht in ihrer gewohnten Umgebung war. Das hat sich aber inzwischen auch gebessert. Sie liebt Playmobil und alles wird so aufgestellt, wie sie es haben will und jede kleine Veränderung fällt ihr sofort auf. Wenn jemand zum Spielen da ist und ihre Playmobil-Welt verändert, gibt es jedesmal ein Theater. Anfangs konnte sie nicht ins Bett gehen, bevor sie nicht wieder alles in Ordnung gebracht hatte. Zum Glück konnte ich das ein wenig eindämmen und sie beruhigen, so dass sie es auch noch am nächsten Tag in Ordnung bringen kann.

Wie Anyes schon sagt, bin ich mir auch bewußt, dass das schon autistische Züge sein können. Deshalb habe ich mich ein wenig mit Autismus und Asperger Syndrom beschäftigt. Da sie außerdem geräusch- und lichtempfindlich ist sowie Synästhetikerin, habe ich mich auch ein wenig mit Hochsensibilität befasst (unter den Hochsensiblen gibt es wiederum oft Hochbegabte). Es ist wohl ganz einfach so, dass es hier und da Überschneidungen geben kann, ohne dass es gleich Autismus sein muss. Allerdings gibt es wohl auch ehemalige Mutisten, die später als "Asperger" diagnostiziert werden.

Viele Grüsse :)
Schlusi
Tochter *99, mutistisch+Asperger Syndrom

Anyes
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Beitragvon Anyes » 24.09.2006, 17:01

Hallo, ich habe mir gerade etwas über Asperger Syndrom durchgelesen und muss feststellen, dass da auch viele Sachen auf meinen Sohn zutreffen würden. Jetzt bin ich wieder verunsichert, ist mein Sohn überhaupt Mutist, oder doch AS Kind, gibt es da irgendein gravierende Unterschied? Irgendwas was für Mutisten typisch ist und Asperger ausschließt, oder umgekehrt?

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Tochter 5 Jahre

Beitragvon frostie71 » 24.09.2006, 20:46

Hallo,
ich bin vor etwa einer Stunde von meiner Mutter auf den Beitrag über Mutismus bei Stern TV im Internet aufmerksam gemacht worden. Unsere Tochter ist jetzt 5 Jahre alt und redet zuhause ganz normal, auch wenn wir unterwegs sind redet sie mit uns oder ihrer Schwester (2 1/2 Jahre). Nur wenn sie von einer fremden Person angesprochen wird, senkt sie ihren Blick zu Boden und reagiert nicht. Ihre Erzieherin sagt sie sei sehr intelligent und sie spielt auch mit ausgewählten Kindern und kann sich dann auch verbal ausdrücken, wenn sie von sich aus auf die Erzieherin zugeht, kann sie auch mit ihr normal reden, nur wenn die Erzieherin etwas von ihr möchte, eine Entscheidung z.B., reagiert unsere Tochter mit Senken des Blicks und nicht Antworten. Sie geht zum Spielen auch zu zwei oder drei Kindern nach Hause, redet dort dann mit den Eltern aber auch nicht. Ihre Erzieherin und ich waren schon beim Kindergarten-Psychologen, der Tipps gab im Umgang mit unserer Tochter, aber keinesweg auf Mutismus zu sprechen kam.
Ist unsere Tochter nun mutistisch oder nicht? Ich weiß momentan nicht, ob ich mir zu viele Sorgen mache :(

hansfranz
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Beitragvon hansfranz » 25.09.2006, 10:39

Hallo zusammen,
ich möchte nochmals betonen, daß es auch bei unserem Sohn immer um viel mehr als das Nicht-Sprechen ging:
Er konnte noch Anfang d.J. nur mit drei Menschen sprechen, seinen Eltern und einer Freundin. Außerhalb unseres Hauses hat er nie gesprochen, er konnte keinen Blickkontakt halten, schaute auf den Boden oder verkroch sich, wenn er angesprochen wurde. Oft war es in diesen Momenten, als ob sein Gesicht zu einer Maske erstarrt, als ob ein Jalousie runtergeht. Er war nicht in der Lage, mit anderen Kindern zu spielen, ging weg, wenn andere Kinder ihm zu nahe kamen. Er traute sich mit 5 Jahren noch nicht, auf einer Gartenmauer ( 60 cm hoch, 20 brei) zu balancieren, Klettergerüste hat er sich nur von weitem angeschaut, die waren viel zu gefährlich, konnte allerdings mit 31/2 Jahren Fahrrad fahren ohne Stützen. Von einem Stuhl herunter zu springen - undenkbar. Und das nicht nur im Kiga oder wenn fremde Menschen anwesend waren, sondern auch allein bei uns zu Hause. Er hat alle möglichen Dinge früher allein "geübt", bis er ganz sicher war, es perfekt zu können. Überhaupt möchte er alles perfekt machen. Alles muß perfekt sein. Schlusi, dein Beispiel mit dem Playmobil könnte von mir sein. Unser Sohn ist auch sehr geräuschempfindlich, extrem geruchsempfindlich. Er hat sich schon häufiger übergeben, "weil es stinkt". Er nimmt Gerüche war, die wir Eltern nicht wahrnehmen können.
Er hatte Angst vor neuen Situationen, ging ihnen am liebsten aus dem Weg. Z.B. wollte er bei besonderen Ereignissen (Karneval, Nikolaus, Geburtstage...) nicht in den Kiga gehen. Wir mussten ihm vorher immer ganz genau beschreiben, wie der Ablauf sein wird. Wir haben später dann grundsätzlich jeden Morgen besprochen, was an diesem Tag sein wird. Er hatte Hemmungen bei den geringsten alltäglichen Dingen, wie über eine Türschwelle zu gehen, eine Eingangsstufe hochzugehen, den Klingelknopf zu drücken. Er hat von Fremden (alle ausser den genannten drei Personen) nichts angenommen, was ihm angeboten wurde, obwohl er so gern das Bonbon gehabt hätte... Er konnte sich niemals beim Arzt untersuchen lassen, Berührungen ausser durch uns Eltern waren undenkbar, Friseurbesuche waren die Hölle. Augenkontrolle, Hörtest - einfach nicht möglich. Selbst wenn er nicht mitarbeiten musste, ein Hörtest ist nun mal nicht möglich, wenn das Kind ununterbrochen brüllt. Er konnte nie jemandem die Hand geben. Sobald ihn jemand berührt hat, hat er geschrien. Man konnte ihn kaum mehr beruhigen. Wenn er sich dann beruhigt hatte, es hat meist sehr lange gedauert, war er völlig erschöpft und müde. Der meistgeäusserte Wunsch in dieser Zeit war es, nach Hause zu gehen. Verständlich. Dort konnte er ER SEBST sein, ohne Hemmungen, ohne Ängste.
Außerdem hat er, wie schon erwähnt, leichte sprachliche Probleme. Obwohl er sehr früh sehr gut sprechen konnte, sich sehr gut ausdrücken kann, seine Gefühle sehr gut in Worte fassen kann, stottert er leicht. Aber auch dieses Problemchen kriegen wir mit Hilfe der Sprachtherapeutin in den Griff. Auffällig und behandlungsbedürftig ist weiterhin noch sein zu niedriger Muskeltonus. Er hatte immer schon in unregelmäßigen Abständen Kopfschmerzen, Ursache ungeklärt. Als kleines Kind hat er nachts im Schlaf öfter geschrien ohne Ende, wir konnten ihn nicht beruhigen, auch hier haben wir keine Ursache gefunden.
Wir sind öfter auf Autismus oder Asperger angesprochen worden. Aber das war es in unserm Fall nicht.
Wir hatte Glück, daß unser Sohn sein Probleme in den Griff kriegen WOLLTE. Er hat so oft darüber gesprochen, wie er sich fühlt, wie es ist, wenn die "Wörter im Mund sind, sie aber nicht rauskommen". Er WOLLTE mit den anderen Kindern spielen, WOLLTE seine Freundin anrufen, WOLLTE Oma und Opa "Hallo" sagen, er WOLLTE sich ein Eis kaufen, WOLLTE sich beim Arzt untersuchen lassen, ohne zu brüllen,... "Heute schaff ich es. Ich bin mir ganz sicher." Doch er hat es nie geschafft. An seinem Willen hat es nicht gelegen. Und Selbstbewußtsein hat er auch, früher allerdings nur in stark eingegrenzten Situationen, z.B. zu Hause oder beim Schwimmen. Übrigens WOLLTE unser Sohn auch diese Sprachtherapie, obwohl sie mit viel Zeitaufwand und Fahrerei verbunden ist. Aber er freut sich immer wieder darauf.
Seitdem dieser Therapie spricht er nicht nur mit ALLEN völlig offen. Er diskutiert, äußert offen seine Meinung, seine Wünsche, er erzählt Witze, ist überhaupt immer zu Späßen aufgelegt. Früher hat er eigentlich nur zu Hause gelacht, das fällt uns nun erst auf. Er grüßt Nachbarn, geht von Haus zu Haus um zu fragen, ob die Kinder zum Spielen rauskommen wollen. Er läßt sich beim Arzt untersuchen, unterhält sich mit dem Arzt, geht ohne Probleme zum Friseur, beschreibt selbst den gewünschten Haarschnitt, flirtet richtig mit der Friseurin, fragt im Cafe nach der Toilette, geht allein dorthin. Das alles war noch vor wenigen Monaten absolut undenkbar!
Seine Ängste und Hemmungen in diversen Bereichen sind zeitgleich mit der Angst vor dem Sprechen (ich nenne es mal Angst, weiß es nicht besser) verschwunden. Was immer bleiben wird, und darüber freue ich mich: unser Sohn ist sehr sensibel, man kann ihm nichts vormachen, er durchschaut alle und alles, heißt auch, er ist sehr empathisch, mitfühlend. Sein Sinn für Gerechtigkeit ist enorm. Und er setzt sich für Gerechtigkeit und für Schwächere ein, z.B. auf dem Spielplatz.
Ich bin so wahnsinnig stolz auf unseren Sohn.
Vor allen Dingen bin ich dankbar, damals diese Seite gefunden zu haben.
LG hansfranz

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Beitragvon hansfranz » 25.09.2006, 10:50

Ich möchte noch ergänzen:
Ich schreibe das hier nur aus einem Grund, nämlich um anderen Mut zu machen. Unser Weg ist sicher nicht der einzig mögliche.

Liane
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Beitragvon Liane » 25.09.2006, 11:57

Hallo zusammen,


diese Ängste kommen mir alle auch bekannt vor von früher wo ich noch jünger war.Durch das lesen der Beiträge sind sie mir auch wieder "eingefallen".Teilweise hatte ich sie schon vergessen. Ich glaube, dass man als Mutist auch so vielleicht eher ängstlich ist.

Ich wollte auch früher immer, dass alles möglichst gleich bleibt, jeder Tag gleich ist usw. weil ich dann eher wusste was auf mich zukommt. Das war aber nicht möglich weil meine Eltern beide Arbeiten und ich dann zu anderen Leuten gehen musste nach der Schule, meine Mutter hat Schichdienst und dann war immer alles anders und dann sollte ich noch zum keyboardunterricht alleine gehen usw.das war für mich unheimlicher Stress. meine Mutter hatte das damals noch gar nicht verstanden, weil für andere Kinder sowas ja überhaupt kein Problem ist.
Vor so Nikolausfeiern und sowas hatte ich auch in Kindergarten und in der Schule Angst,ich hätte lieber normalen Unterricht gemacht. Wovor ich Angst hatte kann ich nicht genau sagen, warscheinlich weil ich nicht wusste was auf mich zukam.
Ebenso bei Arztbesuchen, Friseur usw. das ist heute auch noch so, aber nicht mehr so extrem und ich will nicht nru noch möglichst schnell aus der Situation fliehen, sondern immer irgendwas neues "schaffen".

@hansefranz: Das macht ja richtig freude zu lesen, was dein Sohn geschafft hat!


LG,
Liane

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Beitragvon antoinette » 06.10.2006, 15:43

Hallo Anyes und alle anderen,

was Du über dein Sohn schreibst (und teils hansfranz auch) finde ich verteilt über meine beide Kinder.
Unsere Tochter hat im Kindergarten nie gesprochen, aber war mutig, kletterte in ganz hohe Klettergerüste (da hatte ich Angst) und hat im Kindergarten auch immer alles mitgemacht. Unser Sohn hatte aber Angst vor fast alles. Kurz vor sein 2. Geburtstag fing es an: er wollte nicht mehr baden oder duschen, er wollte nicht mehr auf Toilette oder Töpfchen (er war noch nicht sauber, aber war schon mal drauf), er ist mehrere Jahren nicht in Schuhgeschäfte reingegangen, als irgendwo Kinder gespielt haben, hat er gewartet bis die weg waren, er wollte nicht zum Frisör, undsoweiter undsoweiter.
Ich schreibe das vor allem weil ich damit sagen möchte dass nicht alle mutisten ängstlich sind. Und andersum, dass unser Sohn vielleicht "veranlagt" ist, aber trotzdem kein Mutismus gezeigt hat.

Wir sind übrigens auch zweisprachig und ich vermute, dass das für unsere Tochter zu mutismus geführt haben kann. Obwohl sie jetzt sagt, dass sie nicht sprechen wollte (ihre Wortwahl!), weil sie der Meinung war, sie hätte einen Jungenstimme!

Unser Sohn ist mittlerweile 9 Jahre, hochbegabt und ich frage mich die letzte Zeit ob er vielleicht ein wenig autistisch ist (Asperger oder so).
Wenn ich dann die Geschichte von hansfranz lese, vermute ich dass es doch nicht so ist (würde mich freuen!!! :D).

Ich war so froh, als wir mit unserer Tochter eine Therapeutin gefunden hatte und es auch erfolgreich war. Unser Sohn ist im Moment bei der Therapeutin wo unsere Tochter auch war, ich hoffe so dass das auch was bringt.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass unsere Probleme nicht "groß" genug sind um von "anderen" ernst genommen zu werden..... Sogar mein Mann (und auch ich) sagt manchmal das wir (die Kinder) keine Probleme haben. Unser Sohn hat schon bei 2 "Therapeuten" gesagt, dass er kein Problem hat, aber seine Lehrerin hat mir gesagt, dass wir unbedingt etwas für ihn tun sollen...

liebe Grüsse,
Antoinette

ivana
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Beitragvon ivana » 06.10.2006, 17:42

Hallo Antoinette,

ja, wenn man es genauer betrachtet, stellt man fest, dass man selbst eigentlich keine wirklichen Probleme zu haben scheint, die Familie sieht das meist auch so. Es liegt doch eigentlich nur an der Umwelt, die ein Problem damit hat und sich weigert, Menschen so zu akzeptieren wie sie sind.

Zu der Angstgeschichte wollte ich noch sagen, dass ich von meinen eigenen Erfahrungen her ebenfalls vermuten kann, das Mutisten etwas ängstlicher sein könnten (was natürlich nicht heißen soll, dass unter den Nicht-Mutisten keine Ängstlichen zu finden sind, da hast du Recht). In meinem Fall würde ich das allerdings nicht unbedingt als Ängstlichkeit bezeichnen, sondern eher als größere Unsicherheit.

Es war nicht so, dass ich vor Karneval oder Schulfesten Angst hatte, aber dadurch dass solche Aktionen nicht nach einem geregelten Stundenplan abliefen, wo ich sicher sein konnte was mich erwartete, sondern eher "ungeordnet", fühlte ich mich dann irgendwie unsicher und bin nie gern zu sowas hingegangen.

Auch als ich dann anfing zu reden, war ich bei vielen Dingen noch sehr unsicher und wusste dann nicht genau, was ich machen sollte oder wie ich mich verhalten solte. Vor allem wenn ich alleine unterwegs war. Ging das vielleicht noch jemandem so?

LG
ivana
*But my words like silent raindrops fell,
and echoed in the wells of silence..*

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Noch ein Problem !!!!

Beitragvon Anyes » 31.10.2006, 22:31

Hallo, ich habe die Probleme meines Sohnes weiter oben so Bisschen geschildert. Ich habe bereits Paar Wochen vor der Stern TV Sendung (als ich von Mutismus noch keine Ahnung hatte) den Kinderarzt auf das Verhalten meines Sohnes angesprochen, weil es direkt nach der Einschulung aufgefallen ist, dass er sich nur sehr wenig am Unterricht beteiligt. Es wurden ein Paar Tests durchgeführt (Wahrnehmungstest, IQ Test und noch ein, wahrscheinlich ADS) und 2 Fragebögen ausgefüllt (FSK-soziale Kommunikation und der andere, den Fragen nach zu beurteilen, wahrscheinlich Asperger Syndrom?) Kürzlich hatte ich dann einen Termin um die Auswertungen zu besprechen. Alles normal, nichts auffälliges, auf meine Frage an die Psychologin, die einen der Tests durchgeführt hat, ob mein Sohn mit ihr gesprochen hat, antwortete sie: “Wir haben uns wortlos verstanden.“
In der Auswertung stand Vermerk: Antwortet sehr leise und knapp.
So, da habe ich halt den Kinderarzt direkt auf Mutismus angesprochen und seine Reaktion war nicht gerade positiv. An seinem Schmunzeln und Augenverdrehen habe ich sofort erkannt, dass ich sehr wahrscheinlich nicht die einzige bin, die ihn nach der Stern TV Sendung auf Mutismus angesprochen hat. Er sagte dann, er möchte nicht dem Kind einfach so eine Diagnose anheften, das wäre sehr einfach und wenn er dann eine Diagnose hat, wird die auch in der Schule in seinen Akten festgehalten und es würde sich dann sein ganzes Leben mit ihm ziehen und er könnte sich dann nur bedingt ausfalten weil er dann immer als „krank“ angesehen wird. Ich habe dem KA dann klargemacht, dass es auch nicht in meinem Sinne ist, „dem Kind etwas anheften“, ich habe lediglich sehr große Angst um meinen Sohn und möchte dass er rechtzeitig therapiert wird. Der KA hat dann 5 Therapiestunden mit uns vereinbart. Es wäre so eine Art diagnostische Therapie, er möchte sich mit meinem Sohn einfach nur beschäftigen, ihn besser kennen lernen, damit er sieht wie er so ist, wie er sich verhält und reagiert. Die ersten 2 Stunden hat mein Sohn bereits hinter sich. In der ersten musste er die ganze Stunde mahlen. In der 2. Stunde musste er kleine Bildchen sortieren auf denen gute und böse Bilder waren. Mein Sohn nannte es „Spiel für Babys“, er geht aber gerne hin und es gefällt ihm. (Ob das was bringt ist andere Frage.) Ich glaube, ich lasse ihn die 5 Stunden durchmachen und bin gespannt, was der KA dann sagt. Allerdings ist jetzt in den letzten 3-4 Tagen noch ein Problem bei meinem Sohn aufgetreten und das macht mir sehr große Angst. Er scheint plötzlich unter irgendeinem Zwang, oder Tick zu leiden. Er ist mittlerweile selbst davon genervt. Er muss alles was er mit der linken (er ist Linkshänder) Hand macht sofort auch mit der rechten machen. Wenn er z.B. etwas anfasst, fasst er das sofort auch mit der anderen Hand auch an, wenn er sich hinter dem Ohr kratzt, kratzt er sich sofort mit der anderen Hand hinter anderem Ohr auch. Falls er nicht die Möglichkeit hat mit der anderen Hand das gleiche machen, muss er die beiden Hände zusammen drücken und dann überträgt sich das Gefühl auf die andere Hand und es ist wieder in Ordnung - so hat er mir das erklärt.
Er hat keine Minute Ruhe und scheint deshalb immer „ unter Strom“ zu stehen, kann sich gar nicht mehr entspannen. Er sagt, er kann das nicht steuern, das macht sein Körper allein. Ich glaube jetzt haben wir wirklich ein Problem. Kann das auch mit Mutismus zusammenhängen??? Oder womit haben wir jetzt zu tun???

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Beitragvon Der Stille Drache » 03.11.2006, 17:38

ok
alles kann mit der kraft deines herzens bewältigt werden


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