Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Wie denken (ehemalige?) jetzt erwachsene Mutisten über ihr Leben? Bestehen Restängste? Welche Lebenserfahrungen wurden gemacht?

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Stiller Engel
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Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Stiller Engel » 05.04.2020, 17:04

Es heißt ja auch, dass es vor allem eine Kommunikationsstörung ist, eingebettet in Angst.
Ich spüre es im ganzen Körper, erst versagt die Lautsprache und je mehr Druck von außen, oder auch den man sich selbst macht, desto mehr erstarrt regelrecht der gesamte Körper, im schlimmsten Fall zur kompletten Erstarrung. Wie Tiere die Winterstarre halten. Man bekommt alles mit, aber irgendwie ist es sehr weit weg, veränderte Wahrnehmung, aber doch real. Es ist wie eine Dissoziation aus der man selbst nicht mehr entrinnen kann. Man ist gefangen in seinem eigenen Körper.
Ist es nun Schutz, Angst, oder beides, einfach nur eigenartig? Ich mag es nicht.
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Wir sind nicht auf die Welt gekommen um so zu sein wie andere uns haben wollen! :cry:

Ophelia
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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Ophelia » 03.06.2020, 17:01

Ich würde es bezeichnen als Selbstausdrucksstörung. Oder Unvermögen, sich selbst auszudrücken - aus Angst. Angst, abgelehnt zu werde, wenn man etwas von sich preisgibt.
Erstarrun - ja. Und gleichzeitig das Gefühl, innerlich wie auf glühenden Kohlen zu sitzen - weil es einen eigentlich drängt, das, was man sagen, was man ausdrücken möchte, rauszulassen, man sich aber nicht traut und deshalb alles zurückhält, unterdrückt, zurückdrückt.

Ich spreche inzwischen - aber es ist immer noch fast immer mit einer gewissen inneren Überwindung verbunden; so, als müsste und würde ich mich zuerst innerlich neben mich stellen und mir selbst einen kleinen "Tritt in den ..." geben, damit ich das, was ich sagen möchte, sage. Wie so eine Art Dissoziation (ich stelle mich ja innerlich sozusagen neben mich).

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Hyazinthe » 04.06.2020, 11:22

Hallo Ophelia,

das Gefühl kenne ich auch, der 'Dissoziation' aber ich würde es anders nennen. Der Begriff ist so sehr mit Traumata verbunden. Ich habe tatsächlich beim Sprechen das Gefühl, als würde ich neben mir stehen und mir dabei zuhören. Alles ist kontrollierter und irgendwie zeitverzögerter als bei Menschen, die intuitiv sprechen. Aber ich habe mich daran gewöhnt und es fällt auch nicht mehr so auf. Ich muss mir nicht alles vorher (schriftlich?) zurechtlegen. :wink:

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Hyazinthe » 04.06.2020, 11:26

P.S.: Ich denke, es gibt auch andere Gründe, als den der 'Angst'. Mit dem Gefühl kann mich mich erst im Nachgang einigermaßen arrangieren. Tatsächlich ist es bei mir erst etwas anderes (gewesen). Das Gefühl, mich anders auszudrücken, bekam ich von der Umwelt gespiegelt, ich galt aufgrund meiner sachlichen Ausdrucksweise oft als besserwisserisch. Ich fühlt mich oft nicht ernst genommen oder nicht 'von dieser Welt', egal, was ich sagte oder nicht.

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Ophelia » 04.06.2020, 15:53

Hyazinthe hat geschrieben:Hallo Ophelia,

das Gefühl kenne ich auch, der 'Dissoziation' aber ich würde es anders nennen. Der Begriff ist so sehr mit Traumata verbunden. Ich habe tatsächlich beim Sprechen das Gefühl, als würde ich neben mir stehen und mir dabei zuhören. Alles ist kontrollierter und irgendwie zeitverzögerter als bei Menschen, die intuitiv sprechen.

Wie würdest Du es nennen?
Du hast recht: dissoziativ scheint es wohl nicht zu sein - ich könnte es jedenfalls hier nirgendwo zuordnen zu den verschiedenen Symptomen:

http://posttraumatische-belastungsstoerung.com/dissoziative-stoerungen-symptome

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Hyazinthe » 04.06.2020, 18:38

Hallo Ophelia,

'neben sich stehen und sich reden hören' trifft es ganz gut...jedenfalls kann eine übertriebene Sorge, falsch anzukommen oder etwas falsch zu machen nicht mit eine Posttraumatischen Belastungsstörung gleichgesetzt werden. Da tut sich ja dann eine ganz neue 'Schublade' auf, in die man nicht reinpasst.

Viele Grüße!

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Hyazinthe » 04.06.2020, 18:39

P.S.: Mit diesem von Dir empfohlenen Link scheint was nicht zu stimmen...mein Computer hat ihn als gefährlich eingestuft.

Ophelia
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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Ophelia » 04.06.2020, 19:14

Inwiefern als gefährlich eingestuft?

Bei mir keine Probleme damit. Keine Ahnung, was los ist. Ich bin erst heute auf diese Seite gestoßen und finde sie interessant und informativ, ausführlich, und gut und verständlich erklärt.

So besser?:

https://www.bing.com/search?q=http%3A%2F%2Fposttraumatische-belastungsstoerung.com%2Fdissoziative-stoerungen-symptome&form=QBLH&sp=-1&pq=http%3A%2F%2Fposttraumatische-belastungsstoerung.com%2Fdissoziative-stoerungen-symptome&sc=0-79&qs=n&sk=&cvid=2D9372D174E841558C8002E4CDA8008E

Ich benutze kein google - nur Duckduckgo und Bing. Könnte es vielleicht daran liegen?

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Sonnenblume » 04.06.2020, 19:40

Hallo Ophelia,
das :

Ich würde es bezeichnen als Selbstausdrucksstörung. Oder Unvermögen, sich selbst auszudrücken - aus Angst. Angst, abgelehnt zu werde, wenn man etwas von sich preisgibt.
Erstarrun - ja. Und gleichzeitig das Gefühl, innerlich wie auf glühenden Kohlen zu sitzen - weil es einen eigentlich drängt, das, was man sagen, was man ausdrücken möchte, rauszulassen, man sich aber nicht traut und deshalb alles zurückhält, unterdrückt, zurückdrückt.


ist sehr treffend beschrieben. Kenne es genauso auch von mir.

P.S. Ich habe mit dem Link auch keine Probleme, bei Google-Chrome eingegeben und eine informative Seite erhalten ;-)

Schöne Grüße ;-)
Unterschätze mich nicht. Nur weil ich still bin.
Ich weiß mehr als ich erzähle,
denke mehr als ich spreche und bekomme mehr mit, als du denkst!

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Maikäfer » 30.06.2020, 17:35

Für mich war das Schweigen immer wie eine Schutzmauer. Als würde ich ganz oben in einem unbezwingbaren Turm sitzen, am einzigen Fenster, und auf die hinunter schauen, die versuchen ihn zu stürmen. Aber natürlich vergeblich, denn es gab keine Tür. Solange ich in meinem Turm saß, also geschwiegen habe, war ich sicher. Vor Verletzungen z.B.. Ich habe mit 3 Jahren aufgehört zu reden. Ich vermute heute, dass es großen Anteil daran hatte, dass meine Mutter (nicht nur) mich dauernd angeschnautzt hat wenn ich sie angesprochen habe. Das war jedesmal als würde ich aus heiterem Himmel eine Ohrfeige bekommen. Wahrscheinlich habe ich als Kind geglaubt, dass mir das bei allen anderen Menschen auch passieren würde, wenn ich jemanden anspreche.
Meine Mutter schnautzt mich heute immer noch oft an, ich vermute, das ist bei ihr inzwischen einfach Gewohnheit, aber das ändert nichts daran, dass es sich immer noch anfühlt, als würde ich eine Ohrfeige bekommen, wenn ich angeschnauzt werde, obwohl ich nur etwas ganz normales "harmloses" gesagt oder gefragt habe.
Aber trotzdem kann ich inzwischen mit fast allen anderen Leuten ganz normal reden, brauche mir auch keinen Schubs mehr zu geben. Aber das hat lange gedauert. Und leider habe ich nicht viel Gelegenheit mich mit jemandem zu unterhalten.
Ich habe auch keine Angst mehr davor, dass ich was blödes sagen könnte. Das ist noch gar nicht allzu lange so, aber es kam von alleine nach und nach.
Manchmal hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, dass es besser wird. Aber es ist besser geworden. Es dauert eben seine Zeit. Deshalb an alle:gebt niemals auf! Ich habe überhaupt erst mit über 30 Jahren angefangen zu sprechen. Und habe es geschafft. Ihr könnt das auch! Gebt niemals auf!
"....starring at my phone, hoping someday someone calling...."

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Ophelia » 03.07.2020, 17:30

Maikäfer hat geschrieben:(...) Ich vermute heute, dass es großen Anteil daran hatte, dass meine Mutter (nicht nur) mich dauernd angeschnautzt hat wenn ich sie angesprochen habe. Das war jedesmal als würde ich aus heiterem Himmel eine Ohrfeige bekommen. (...)
Meine Mutter schnautzt mich heute immer noch oft an, ich vermute, das ist bei ihr inzwischen einfach Gewohnheit, aber das ändert nichts daran, dass es sich immer noch anfühlt, als würde ich eine Ohrfeige bekommen, wenn ich angeschnauzt werde, obwohl ich nur etwas ganz normales "harmloses" gesagt oder gefragt habe.
(...)

Hast Du Deiner Mutter mal gesagt, dass Dich das verletzt, wenn sie Dich so behandelt? Oder kann man mit ihr darüber nicht reden, weil sie solche Gespräche abwehrt?
Behandelt sie andere Menschen auch so?
Wie reagiert denn der Rest Deiner Familie darauf?

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Maikäfer » 06.07.2020, 08:23

Hallo Ophelia!
Was meinst Du, wie oft ich ihr das schon gesagt habe (seufz). Es ist egal, ob ich es ihr ruhig sage oder wütend ins Gesicht schreie, wenn sie mich gerade mal wieder grundlos angeschnauzt hat, es prallt alles an ihr ab. Wahrscheinlich merkt sie es schon lange gar nicht mehr, es ist eben eine Gewohnheit, so zu reagieren. Wie bei einer Maschine wo man einen Knopf drückt und es passiert dann etwas Bestimmtes.
Ich muss wohl dazu sagen, dass ich 46 bin und mit meiner Mutter zusammen wohne. Zum Einen wegen des Mutismus, ich habe es ja erst mit über 30 geschafft, zu reden. Zum anderen aber auch wegen meiner schweren chronischen Krankheit, die mein Leben sehr einschränkt. Ausziehen geht deshalb leider auch nicht, außerdem wäre ich dann vollkommen alleine und hätte niemanden mehr. Meine Geschwister interessieren sich nicht für mich, mein Bruder konnte mich noch nie leiden, weil er sich einen Bruder gewünscht hatte, keine Schwester. Und zu meiner Schwester und ihrer Familie habe ich schon lange keinen Kontakt mehr, weil sie der Meinung ist, weil ich aufgrund meiner Krankheit nicht arbeiten kann, würde ich mir ein schönes bequemes Leben machen. Mein Vater ist vor einigen Jahren gestorben.
Als meine älteren Geschwister noch zu Hause gewohnt haben, wurden sie auch angeschnauzt. Mit fremden hat meine Mutter immer normal und freundlich geredet. Oder auch wenn jemand Fremdes, der sie/uns kannte, in der Nähe war.Aber sobald derjenige weg war, war alles wie immer. Denn die Freundlichkeit ist immer nur gespielt. Als meine Geschwister ausgezogen waren, wurden sie auch wie diese Fremden mit der gleichen vorgespielten Freundlichkeit behandelt. Nur bei mir macht sie das noch mit dem Anschnauzen, da hält sie es ganz einfach nicht für nötig, was vorzuspielen. Sie ist eben einfach kein netter, freundlicher Mensch, ich weiß nicht, wie sie ganz früher mal war in Ihrer Jugend. Ich kenne sie nur so. Und sie wird sich nicht mehr ändern. Das muss ich akzeptiere n
. Aber ist echt nett, dass Du gefragt hast.
Viele Grüße von
Maikäfer
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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Ophelia » 06.07.2020, 18:45

Das ist eine traurige Situation! Gibt es denn gar keine Möglichkeit für Dich, woanders hinzuziehen? Irgendsoetwas wie eine betreute Wohngruppe, wo sich jemand um die Bewohner kümmert, oder sowas in der Art? Solche Lebensbedingungen beeinflussen doch auch den Gesundheitszustand, das ist doch dauernder Stress.

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Re: Mutismus ist mehr als nur nicht reden können

Beitragvon Maikäfer » 09.07.2020, 13:35

Hallo Ophelia!
Ob es hier so etwas für Erwachsene gibt weiß ich nicht, aber das wäre nichts für mich. Mit wildfremden Leuten, die ich nicht kenne, zusammenleben zu müssen, womöglich noch in einer Art WG, wo man bloß ein Zimmer hat, aber Bad und Küche mit den anderen teilen muß, nein wirklich, das wäre nichts für mich. Das Einzige , was ich mir vorstellen könnte, wäre so etwas, wo man seine eigene Wohnung hat, es aber Gemeinschaftsräume oder/und einen Innenhof gibt, wo man sich mit anderen treffen kann, wenn einem danach ist, auch was zusammen macht, z.B. Grillen, Gesellschaftsspiele, seinen Geburtstag feiern, einfach zusammen sitzen.........was man auch mit einer netten Familie tun würde. Früher habe ich auch immer geglaubt, ich würde Freunde suchen. Bis ich irgendwann erkannt habe, daß ich eigentlich eine neue Familie suche, einen Familienersatz, Menschen eben, zu denen ich gehöre und die zu mir gehören, und die mich so akzeptieren und mögen wie ich eben bin, und mit denen all diese Aktivitäten wieder möglich sind. Aber das ist natürlich völliger Unsinn, eine neue Familie gibt es nicht, entweder man hat eine oder man hat eben Pech gehabt. Das, wo ich mich wohl und nicht einsam fühlen würde, gibt es eben nicht, mal ganz davon abgesehen, daß ich gar nicht wüßte, wie ich es ohne Hilfe schaffen sollte, eine eigene Wohnung in Ordnung zu halten, wo ich nach fast 30 Jahren Krankheit und dazugehöriger Behandlung immer so schlapp und kaputt bin, und kaum noch was schaffe. Ohne Putzhilfe würde das gar nicht gehen, aber sowas könnte ich mir niemals leisten. Deshalb ist es besser, wenn ich weiter bei meiner Mutter wohne, allzu lange wird es wohl ohnehin nicht mehr dauern.
Ich finde es echt nett von Dir, daß Du Dir Gedanken machst. Das kenne ich gar nicht, daß das jemand tut. :lol:
Viele Grüße von
Maikäfer :D
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