Was ist Mutismus?

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

Moderator: Elfa

Michael
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Was ist Mutismus?

Beitragvon Michael » 06.11.2002, 13:34

MUTISMUS

Psychophysiologische Definitionen
des partiellen bzw. totalen Schweigens

Dr. paed. Boris Hartmann


Weshalb spricht ein Mensch nicht, obwohl er sprechen kann?

Welche Inhibitionsmechanismen greifen beim partiellen oder totalen Mutismus ineinander, so dass das Kind, der Jugendliche oder Erwachsene seinen angeborenen Trieb, sich verbalsprachlich mit seiner Umwelt auseinandersetzen, mit ihr in Kontakt treten, sich selbst mitzuteilen zu wollen, nicht mehr anwenden kann, ihn nur noch in gedämpfter Form oder z.T. auch gar nicht mehr verspürt bzw. durch nonverbale Ersatzstrategien kompensiert?

Die Beschäftigung mit diesen Fragestellungen lässt schnell deutlich werden, dass der elektive bzw. totale Mutismus im Kindes- ,Jugend- oder Erwachsenenalter im Schnittpunkt medizinisch-psychiatrischer, psychologischer und sprachheilpädagogischer Sichtweisen und Erklärungsansätze liegt und damit in den meisten Fällen einer interdisziplinären Fokussierung und Betreuung bedarf.

Die Sprachheilpädagogik erweist sich hier als Bindeglied zwischen den genannten Disziplinen, nicht zuletzt dadurch, dass sich das Schweigen häufig in Kombination mit sprachlichen Auffälligkeiten oder Bilingualismus -Problemfeldern zeigt und über die kommunikative Kompetenz hinaus der wiederkehrende Wunsch und Antrieb, Sprechen als etwas Wertvolles und als soziales Instrument zu begreifen, zentrales Anliegen sprachtherapeutischen Bemühens ist.

Untersucht man das Bedingungsgefüge des individuellen Schweigens, so sind bei der Erstellung der jeweiligen Patienten- und Familienanamnesen drei Befundebenen zu berücksichtigen:
a) die somatologische Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen,
b) die psychologische Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen,
c) die sprachliche Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen.


Nach der Verteilung der möglichen psychophysiologischen ätiologischen Faktoren (s. Abb. unten) ergeben sich folgende Definitionen der Termini "totaler Mutismus" und "elektiver Mutismus":



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TOTALER MUTISMUS
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Der totale Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende völlige Hemmung der Lautsprache bei erhaltenem Hör- und Sprechvermögen, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation.
Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch physiologische Faktoren (Entwicklungsstörungen, psychotische Grunderkrankungen und familiäre Dispositionen) in Frage, die zumeist in einer gegenseitigen psychophysiologischen Ergänzung zur Sprechverweigerung führen.



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ELEKTIVER MUTISMUS
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Der elektive Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende Hemmung der Lautsprache gegenüber einem bestimmten Personenkreis. Die Hör- und Sprechfähigkeit ist erhalten, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch physiologische Faktoren (Entwicklungsstörungen, psychotische Grunderkrankungen und familiäre Dispositionen) in Frage, die zumeist in einer gegenseitigen psychophysiologischen Ergänzung zur Sprechverweigerung führen.
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Michael
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Beitragvon Michael » 06.09.2004, 18:22

Hallo
Da ich des Öfteren gefragt werde wieviele Menschen denn unter Mutismus leiden hier mal ein kleines Rechenbeispiel.

In der Fachliteratur wird allgemein von einer Inzidenzrate (Auftretenshäufigkeit) von 0,02 bis 0,07 % ausgegangen.

Es gibt in Deutschland ca. 12 Mio. schulpflichtige Kinder.

Nehmen wir einen Mittelwert bei der Inzidenzrate von 0,05 so ergibt das alleine für Deutschland ca. 6000 mutistische schulpflichtige Kinder.

Die mutistischen Erwachsenen sowie die Kinder unter 6 sind da noch garnicht eingerechnet.

Wie man sieht: Mutismus ist keine Störung die nur eine kleine Minderheit betrifft,sondern es ist ein Problem mit dem mindestens 6000 Famillien in Deutschland zu tun haben.

Leider ist zu befürchten,dass noch nicht einmal 30 % der Betroffenen wirklich wissen,dass die Sprechangst unter der sie leiden "Mutismus" heißt.

Es liegt noch viel Arbeit vor uns......

Michael
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Tanja
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Beitragvon Tanja » 14.10.2004, 13:00

Danke für dein Rechenbeispiel.

6000 Kinder in Deutschland,wow das hätte ich nicht gedacht ist ja doch eine große anzahl.Ich denke so sehe ich das ist das Problem das es immer noch Kinderärtze gibt die das Wort " Mutismus" nicht in ihren Wortschatz eingefügt haben.Für viele Ärtze ist es einfach nur Sturheit,Launisch und Starrköpfig.
Leider für die vielen Kinder auf dieser Welt hoffe ich das es sich ändert und mehr Menschen sie verstehen !

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Beitragvon morgentau » 13.01.2007, 01:35

ich habe mich entschieden, meine diplomarbeit zum thema mutismus zu schreiben. Ich stelle allerdings fest, dass so gut wie niemand überhaupt etwas mit diesem begriff anzufangen weiß, jedenfalls niemand meiner mitstudenten. das find ich schon recht seltsam. um so fester mein entschluss, dieses thema beizubehalten.

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Beitragvon noni » 13.08.2008, 22:15

find ich gut, morgentau, ist doch auch toll, etwas genauer zu beleuchten, was noch so unbekannt ist

ich hatte bis vor kurzem auch noch nie, das wort mutismus gehört, ich kannte autismus, ja, aber mutismus...für mich war es ganz einfach extrem überzogene schüchternheit

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ich lebe auch it mutismus

Beitragvon lena_hat_mutismus » 18.06.2011, 09:45

hier kann msan dich darüber informieren:www.schreilauter.com
ich lebe mit mutismus

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Beitragvon Rosita » 30.06.2011, 21:12

Da ich den Eindruck habe, das Sie gut im Thema sind, möchte ich Sie was fragen. Haben Sie einen (Literatur)Hinweis zu Mutismus und Asperger? Danke!

Hänschen
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Beitragvon Hänschen » 17.08.2012, 05:33

Ja, da habe ich einen groben Überblick über diese Krankheit...

Bin ein Interessent für das Psychologiestudium und interessiere mich sehr auf den Mutismus...

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Mutismus versus extremer Schüchternheit?

Beitragvon Sumsitum X » 25.10.2012, 08:31

Was ist denn nun der Unterschied zwischen "Mutismus" und "extremer Schüchternheit"? In der Sendung gestern, sagte man das dürfe nicht verwechselt werden. Ich sehe das so: Wer "mutistisch" ist , hat eine "extreme Schüchternheit", die er nicht überwinden kann.

Oder wie sieht das aus?

Exauster
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Beitragvon Exauster » 25.10.2012, 17:01

Gute Frage.
Ich glaube, extreme Schüchternheit manifestiert sich nicht nur sprachlich.
Ich hatte z.B. als Mutist kein Problem, mich unter fremden Menschen zu bewegen oder an unbekannten Orten zu sein. Da war ich normal neugierig und aufgeschlossen. Ich konnte mich mit Gesten, Mimik und vor allem schriftlich mitteilen - aber nicht durch Sprechen, da geriet ich in totale Panik.

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Beitragvon Allein » 25.10.2012, 18:36

Also bei mir war/ist das genau andersrum, Mimik und Gestik geht genausowenig wie Sprache, da friert alles ein. Selbst schriftlich geht "live" kaum was, ausser vielleicht einzelne Worte, aber das ist mir dann auch schon peinlich. Schreiben geht nur wenn mir keiner dabei zugucken kann und ich es dann 100x korrigieren und abändern kann, damit ich ja nichts dummes schreibe... und am Ende isses doch wieder was dummes und ich schäme und hasse mich dafür :)
Ich kann mich "live" also so gut wie überhaupt nicht verständigen ausser über Kopfnicken/-schütteln, mehr geht nicht :(
Ich denke nicht dass man das so genau sagen kann was der Unterschied ist, weil es tausende verschiedene Fasetten davon gibt und das bei jedem Mensch ganz individuell ausgeprägt ist.
Kann ja auch sein dass man beides ist, Mutist und extrem schüchtern :)

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Beitragvon Exauster » 25.10.2012, 19:08

Hmmm... vielleicht ist da gar kein Unterschied... vielleicht ist Mutismus nur der neue Name für extreme Schüchternheit?

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Beitragvon s.h. » 25.10.2012, 19:20

Hallo,

wir hatten hier schonmal eine kleine Diskussion zu diesem Thema.

Ich persönlich glaube nicht, dass Mutismus als "extreme Schüchternheit" zu erklären ist. Meiner Meinung nach kann man als Mutist genauso "extrovertiert" oder "introvertiert" sein wie "normale" Menschen, für mich werden diese Charaktereigenschaften einfach vom Mutismus "überdeckt".
Ich halte mich selbst auch gar nicht wirklich für schüchtern - und habe es schon immer gehasst, wenn ich als schüchtern bezeichnet wurde.

Die Meinungen scheinen da aber auseinander zu gehen. Es gibt ja noch nichtmal eine richtige Definition für Schüchternheit...bzw. jeder definiert das evtl. für sich anders.

LG,
Steffi

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Beitragvon Kamikaze » 27.11.2012, 15:12

Also, was er da schreibt ist einfach nur verwirrend, was er damit meint, keine Ahnung, also kann ich nicht zustimmen und nicht wiederrufen. Das Lesen hat mich schon genug gefordert!

Sonnenblume
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Beitragvon Sonnenblume » 27.11.2012, 16:57

Hallo Kamikaze,

kannst du mal genauer erklären, was du hier eigentlich meinst?
Wen meinst du mit "er"? Irgendwie sehe ich keinen Bezug zum Thema oder bist du nur verrutscht?

LG., Heike
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