Hilfemöglichkeiten

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

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NinaO
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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon NinaO » 13.10.2019, 11:38

Hallo,
Autismus ist wie der Mutismus als eigenständige Diagnose in der ICD unter F Psychische und Verhaltensstörungen klassifiziert. Es gibt immer Zusammenhänge zum Körper wie Neurotransmitter, Hormone, Gehirnareale und auch Wahrnehmung. Welches mutistische oder autistische Kind wird uns Erwachsenen schon genau sagen können, was wirklich geschieht oder nicht möglich ist. Was wird schon detailliert genug neurologisch festgestellt werden können? Es gibt Parallelen und es gibt nicht eindeutige Diagnose-Zuordnungen. Und Kinder entwickeln sich weiter und können sich selbstverständlich verändern und neues Lernen. Daher sollten Kinder/Schüler auch viel mehr vor Ort im Alltag für längere Zeit beobachtet werden und auch dort unmittelbar "therapeutisch-einfühlsame" Unterstützung stattfinden, um ggf. ungünstige Verhaltensweisen zum Wohle des Kindes, wenn es diesen Weg mitgehen kann, zu verändern. Denn dort verstärken sich zig Gewohnheiten mit potenzierender Angst und folglich Vermeidungsverhalten.
VG
Nina Onawa

Hyazinthe
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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon Hyazinthe » 13.10.2019, 17:48

Hallo NinaO.,

der Punkt ist der, dass mehr autistische Kinder selektiven Mutismus entwickeln als nicht-autistische. Darum sollte man das Thema durchaus ernst nehmen und 'auf dem Schirm' haben. Und - ganz wichtig - Autismus ist nicht durch das Verhalten definiert, viele verhalten sich durchaus unauffällig. Kinder mit Mutismus und Autismus haben vor allem einen großen gemeinsamen Nenner: Angst in sozialen Situationen. Viele Grüße!

NinaO
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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon NinaO » 15.10.2019, 13:42

Hallo Hyazinthe,

wie meinst du das genauer mit dem "unauffälligem Verhalten"? Wäre dies bei Kindern tatsächlich rund um unauffällig, wären psychische Diagnosen ja fahrlässig. Gerade das Verhalten ist ja der Maßstab dieser Diagnosen. Bei Erwachsenen ist es sicherlich weniger der Fall, wenn ich selbst an mir bemerke, dass ich leide und etwas anders ist als es vlt sein könnte. Dann kann ich es eher mitteilen und beschreiben als Kinder. Dennoch wird man nicht unbedingt ernst genommen, wenn es sich nach außen nicht in einem auffälligen Verhalten zeigt. Und zur Diagnosestellung werden die Aussagen alleinig des Patienten i.d.R. dennoch nicht reichen.
VG
Nina O.

Hyazinthe
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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon Hyazinthe » 15.10.2019, 14:37

Hallo NinaO.,

Diagnosen sind schon ein spannendes Thema. Selbstverständlich kann man betroffen sein und nie eine Diagnose bekommen. Ich war als Kind selektiv mutistisch und niemand hatte einen Begriff dafür. Es hieß, ich solle nicht aufs Gymnasium trotz guter bis sehr guter Noten. Klar war ich auffällig. Erst mit ca. dreißig Jahren habe ich herausgefunden, dass ich außerdem dem Autismus-Spektrum angehöre. Und das trotz eines Sonderpädagogik und eines Sprachheilpädagogik-Studiums. O.K., dann fiel es mir auch 'wie Schuppen von den Augen' aber lange Zeit glaubte man ja, Autismus äußere sich in einer Art 'Rain-Main-Verhalten'. Dabei gibt es viel mildere Formen. Und bei manchen äußert es sich eben in diesem selektiven Schweigen namens Mutismus. Viele Grüße!
'Hya'

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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon Hyazinthe » 15.10.2019, 14:46

P.S.: Ich empfehle zum Verständnis dringend das Buch 'Einzigartig anders - und ganz normal: Kinder mit Autismus respektieren statt therapieren.' Von Barry Prizant und Tom Fiels-Meyer.

Sonnenblume
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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon Sonnenblume » 24.01.2020, 18:39

Tipps für den Umgang mit mutistischen Kindern

-> Liebt euer Kind bedingungslos!

-> Nehmt euch genügend Zeit für das Kind, lasst es spüren, dass es wichtiger ist als
irgendeine andere Arbeit!

-> Seht den Mutismus nicht als unheilbare Krankheit und vor allem seht und bezeichnet euer Kind
nicht als Problemkind!

-> Oftmals lässt sich kein Grund für dieses Störungsbild finden, aber beleuchtet das gesamte
Umfeld des Kindes und die eigene Familie kritisch. Ein mutistisches Verhalten wie auch viele
andere seelische Störungen sind meist Ausdruck eines Kindes, das irgendwo etwas nicht
stimmt/schief gelaufen ist oder schief läuft.

-> Redet einfach ganz normal mit dem Kind, und behandelt es als gäbe es den Mutismus nicht, d.h.
fordert es nicht ständig zum Reden auf wie:“Du musst doch reden...“, „Nun rede doch endlich“,
aber gebt ihm reichlich Gelegenheit zum Sprechen, lasst es ausreden, hört ihm zu!

-> Eltern, Großeltern, Geschwister sind meist enge Vertraute mit denen das Kind normal redet.
Sucht nun aber auch in der Umgebung gleichaltrige Freunde , unterstützt es beim Aufbau von
Freundschaften!

-> Passt auf, was ihr sprecht, auch wenn euer Kind nichts sagt verfolgt es doch alles sehr genau
und merkt sich, was um es herum gesprochen wird.

-> Traut eurem Kind mehr zu! Es kann genauso viel wie ein nicht-mutistisches Kind.

-> Lasst das Kind kleine Aufgaben und Wege für die Familie erledigen. Einkaufen beim Bäcker, Kiosk
oder in kleinem Laden anfangs mit Zettel, erleichtert das spätere Einkaufen ohne Zettel!

-> Verwöhnt euer Kind nicht zu sehr, es könnte sonst in eine Bequemlichkeit verfallen und sich in
einer Komfortzone einrichten, weil es denkt:“ich brauche , ja nicht zu reden, Mama macht das
schon“.

-> Äußert das Kind das dringende Bedürfnis nach Eis, Süßigkeiten, oder anderen Artikeln, lasst es
diese selbst kaufen! Wenn es etwas wirklich will, wird es ihm auch eher gelingen die Angst zu
überwinden.

-> Sucht einen Kindergarten (wenn möglich) wo man auf das gehemmte Kind eingeht, wo es
verstanden und mit seinem Problem angenommen wird. Einfühlsame Erzieher sind Goldwert
und wirken dem Mutismus schon zeitig entgegen und er verliert sich bestenfalls bereits noch
vor Schuleintritt.

-> Sollte es doch nicht gelingen, achtet auch in der Grundschule auf ein vertrauensvolles Verhältnis
zu Lehrern, die bemüht sind das Kind in die Klassengemeinschaft zu integrieren, ihm kleine
Aufgaben erteilen wie Tafeldienst, Milchdienst, Blumendienst, u.s.w.und es in kulturelle
Programme einbeziehen.

-> Veranstaltet Kindergeburtstage oder auch mal eine Party so zwischendurch, aus irgendeinem
Anlass, (z.b. die Jahreszeiten betreffend oder die Freude über ein bestimmtes Ereignis) ladet
dazu einige Freunde ein und habt eure Freude daran, wie euer Kind dabei immer mehr auftaut!

Ich habe diese Tipps mal zusammengetragen vor vielen Jahren, als ich das Mutismusforum überhaupt im Internet entdeckte. (2003) Ergänzen lässt sich noch das ein-oder andere. 2 Punkte, die mir sehr wichtig erscheinen habe ich hier noch angefügt:

-> Müttern oder Vätern, die selbst ein schüchternes, gehemmtes, mutistisches Verhalten zeigen,
rate ich gemeinsam mit dem Kind am Problem zu arbeiten. Das geht in Therapie, aber auch zu
Hause, wo sich jeder entsprechend Aufgaben stellt und dann auch so wöchentlich immer
zusammen geschaut und verglichen wird, was jeder erreicht hat. Das kann sogar Spaß machen
und spielerisch geschehen!

-> Den sehr dominanten und redegewandten Eltern rate ich aber auch, sich etwas zurückzunehmen.
Nicht für das Kind sprechen, nicht über das Kind - in seinem Beisein - aber sich für das Kind
einsetzen, wo immer nötig. Aber auch generell sich zurücknehmen , das wird Müttern oder
Vätern, die regelrechte Quasselstrippen sind, auch nicht leicht fallen, aber so ist auch zu
verstehen, wie schwer es dem ruhigen Kind fällt sich zu öffnen.
Je mehr sich ein Elternteil zurücknimmt und dem anderen Elternteil sowie dem Kind mehr
überlässt, desto eher werden Fortschritte beim Kind zu erkennen sein und der Mutismus ist bald
kein Thema mehr.


Ich habe diese Tipps aufgeschrieben aus eigener Erfahrung heraus.
Ich weiß also wovon ich hier schreibe, aus Sicht eines ängstlich - mutistischen Kindes, aber auch als Mutter von nicht - mutistischen Kindern und Enkeln. Die Kette des aufgetretenen Mutismus bis zu meiner Generation wurde also bisher unterbrochen.
Sollten noch Fragen sein bin ich gern bereit diese zu beantworten über pn oder hier in diesem Thema, wenn es nicht ausufert oder nicht-themenrelevante Beiträge hier gepostet werden.

Viel Erfolg allen bei der Überwindung des ungewollten Schweigens, sei es als Angehörige, Selbstbetroffene, engagierte Erzieher und Lehrer...
Möge ein jeder die passende Methode finden dem Mutismus entgegen zu wirken!
Zuletzt geändert von Sonnenblume am 31.01.2020, 08:53, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon Hyazinthe » 24.01.2020, 18:51

Hallo,

zu den guten Tipps (vor allem das 'Sich-zurück-nehmen' des Umfelds) möchte ich noch beifügen, dass ich großes Glück mit meinen Erzieherinnen in der Kindergartenzeit hatte. Ich habe heute noch ihre freundlichen Gesichter vor Augen. Die erste Erzieherin, in deren Gruppe ich gelandet war, stellte sich allerdings als eine 'Schreckschraube' heraus. Bei ihr habe ich auch eingenässt, weil ich mich nicht traute, nach der Toilette zu fragen. Das fanden meine Eltern (vor allem meine Mutter) absurd, da ich längst trocken war, und nahmen mich dann wieder aus dem Kiga raus. Ich hatte dann eine längere Pause.

Viele Grüße!

P.S.: Der Tag, an dem ich eingenässt habe, war für mich so dramatisch (ich war erst vier), dass ich heute noch weiß, was wir damals gebastelt haben...
P.S.P.S.: Den Mutismus als 'unheilbare Krankheit' oder überhaupt als 'Krankheit' zu bezeichnen, trifft es auch nicht, es ist eine vorübergehende Störung. Diese Kinder (oder auch späteren Erwachsenen) leiden häufig auch unter anderen Ängsten, ich habe zum Beispiel große Angst, an etwas zu ersticken.

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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon Sonnenblume » 01.02.2020, 12:14

Hallo,
hoffe es beteiligen sich noch einige an diesem Forum.
Ich habe heute mal einen ganz interessanten Link für euch.
Dieser Kanal ist noch relativ neu, enhält aber bisher sehr gute Aufklärungsvideos
über selektiven Mutismus.
Besonders dem letzten kann ich persönlich zustimmen,
es wurde auch zeit, das alten Vorurteilen endlich etwas entgegengewirkt wurde!

https://www.youtube.com/channel/UCseYUFqGWhUnCNSW8Uh6PKQ

Viel neue Inputs beim Anschauen/Anhören! ;-)

P.S. Sollte der Link nicht direkt funktionieren, dann kopieren und auf youtube einfügen ;-)

Nachtrag: Ich sehe ,es funktioniert nicht automatisch, stimmt, das war ja die neue Änderung hier.
Also doch kopieren ;-) Als Anregung : vielleicht kann man diese Videos auch dem youtube-Mutismus-Kanal beifügen?
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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon Hyazinthe » 01.02.2020, 19:13

Hallo,

ja, Erfahrungsberichte sind immer ganz interessant, da ja anschaulich!

In der Wissenschaft wird inzwischen von Bezeichnungen wie 'Asperger-Syndrom' und 'Frühkindlicher Autismus' Abstand genommen...manchmal meine ich, das stünde auch dem 'selektiven Mutismus' gut zu Gesicht, dass man eine Namensänderung an ihm vornehmen würde. Woher sonst kommen diese ganzen Abgrenzungswünsche zum Autismus? Das hat sicher mit der Bezeichnung zu tun. Wie wäre es stattdessen mit 'Sozialphobie' oder 'krankhaft Schüchtern'? Davon wären Menschen im Autismus-Spektrum dann vielleicht weniger ausgeschlossen. Offenbar hat man sich hier (mal wieder) verrannt, genau wie mit der Suche nach den Genen...solange eine Bezeichnung für die Betroffenen aber Sinn macht, solange exisiert sie weiterhin, genau wie 'Asperger-Syndrom'.

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Re: Hilfemöglichkeiten

Beitragvon Hyazinthe » 02.02.2020, 08:08

Hallo nochmal...Sozialphobie und Krankhafte Schüchternheit treffen es aber auch nicht ganz. Mal sehen: Überdauerndes Schweigen als Antwort auf eine als fremd und unvorhersehbar/unkontrollierbar erlebte Situation - Dies ist ein Gefühl bzw. eine Wahrnehmung, das/die gerade sogenannten Asperger-Autisten wohlbekannt ist. Na, dann doch eventuell lieber die lateinische Bezeichnung 'selektiver Mutismus' :wink: Viele Grüße!


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