Tipps zum Thema Mutismus

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

Moderator: Elfa

Nina-Mayer
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Re: Tipps zum Thema Mutismus

Beitragvon Nina-Mayer » 27.06.2015, 14:13

Ich versuche gerade selber hinter mein Verhalten zu kommen und es zu erklären, aber das ist äußerst komplex. Die beschriebenen Situationen kenne ich alle von mir. Der Übeltäter bei mir, ist meiner Meinung nach ein hochsensibler Charakter. Das muss aber nicht auf jeden zutreffen.

Punkt 1: ....Sie sind ziemlich schlau und sensibel, d.h. sie bekommen bestimmte Dinge mit und beziehen sie auf sich selber....
Hochsensibel bedeutet das ich eine höhere Wahrnehmung habe als andere Menschen. Hinzu kommt ein sehr introvertierter Charakter (bei mir).
Hat man eine höhere Wahrnehmung bekommt man tatsächlich mehr mit als andere Menschen. Sieht Dinge, die anderen Menschen nicht auffallen. Ich versuch mich kurz zu fassen.
Ein gutes Beispiel fand ich den Vergleich mit einem Digitalfoto. Je höher die Auflösung und Qualität des Fotos, desto mehr Details erkennt man. Die bei geringen Auflösungen überhaupt nicht auffallen würden.
Meine Schwester hasst HD, ich liebe HD. Was stört meine Schwester denn an HD? Animationsfilme findet sie super, aber sobald echte Menschen auftauchen, findet sie die Auflösung zu scharf. Sie sieht dann die ganzen Falten, Poren, Pickel, usw. und regt sich deshalb auf. Jetzt bin ich hochsensibel und habe die höhere Wahrnehmung, warum fällt mir das nicht auf? Wieso stört mich das nicht?
Eines ist noch ganz wichtig, die Wahrnehmung besitzt immer einen Fokus. Meine Wahrnehmung liegt auf den gesamten Film. Meine Wahrnehmung ist also mit Musik, Kulissen, Story, den Charakteren, den Dialogen, dem Sound, der Atmosphäre, den Kostümen, den Effekten, der Action, Spannung, Romantik, Humor und was es sonst noch alles gibt voll ausgelastet. Problematisch wird es, wenn ein Film mich langweilt. Dann sucht sich meine Wahrnehmung einen neuen Fokus.
Und dann bin ich wie meine Schwester. Oder mir fällt die Kameraführung auf, die Bilder sind so schnell geschnitten, die Kamera wackelt, usw. Ergebnis: Mir wird schlecht und ich bekomme Kopfschmerzen.
Bei meiner Mutter so ähnlich. Sie dachte ich hätte 3D bei meinen Fernseher aktiviert. Hatte ich nicht. Es gibt ja das Stilmittel, das man den Hintergrund unscharf einstellt, damit der Fokus auf dem Schauspieler liegt.
Das zeigt schon, wenn der Fokus falsch eingestellt ist, je nachdem worauf die Wahrnehmung achtet, erkennt man Details, die anderen Menschen nicht auffällt. Bei jemanden der hochsensibel ist, ist das nun extrem stark ausgeprägt.
Der absolute Horror ist es für mich, wenn ich an mehreren Menschen vorbei muss und die mich alle ansehen. Ich kann nämlich die grundsätzlichen Emotionen blitzschnell erkennen. Wenn jemand seine wahren Emotionen verbirgt, falle ich wie fast jeder andere Mensch auf ihn herein. Ein Meister was Gesichtsregungen bedeuten bin ich also nicht. Aber, ich bekomme alles mit. Jemand schaut mit "hasserfüllt" an, ein anderer "abwertend", ein andere "desinteressiert", ein anderer grinst so, als ob er mich verspotten will, usw. Niemand sagt was, aber ich bemerke all die Blicke und werte sie in meinen Gedanken aus. Das lässt sich nicht verhindern. Und dann bin ich beleidigt. Alle Menschen die mich so "negativ" beäugt haben, jagen mir jetzt Angst ein.
Außerdem muss man in Gesprächen mit mir äußert vorsichtg sein. Ich lege jedes Wort auf die Goldwaage.
Eben der typische Klassiker: Der Ehemann kommt rein und fragt die Ehefrau, ob sie zugenommen hat. Ist man sehr selbstbewusst kontert man das gleich. Mit Schlagfertigkeit. Man geht in einen Konflikt.
Das geht bei mir nicht. Konflikte sind brandgefährlich. Dazu später mehr.
Jetzt hat der Ehemann das vielleicht überhaupt nicht böse gemeint. Aber vielleicht auch doch. Vielleicht steckt hinter der Aussage, folgende Meinung. Die Frau soll abnehmen. Er findet sie nicht mehr attraktiv.
Bei mir ist es genauso. Viele Menschen werden dann sauer auf mich, weil ich Dinge gleich persönlich nehme. Aus meiner Sicht, total unverständlich. Andere Menschen trampeln auf meinen Gefühlen herum und dann bin ich derjenige der sich noch entschuldigen soll?
Dann die Angst etwas "falsch" zu machen. Das hat vor allem an der Arbeit ständig für Ärger gesucht, weshalb ich auch ständig rausgeworfen wurde. Und ich verstand die Welt nicht mehr. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, und alle anderen Menschen sagten nur, das ich langsam, träge und schlecht bin. Das kam von unterschiedlichen Menschen, die in keinen Zusammenhang stehen. Mein Vater hat mir dann auch noch einen reingewürgt. Im Sinne von: "Siehst du, du musst mal deinen Arsch hochbekommen und auf eigenen Beinen stehen. Du bist träge, langsam und schlecht. Da kann ich deine ehemaligen Kollgen und Chefs voll und ganz verstehen".
Ich war im höchstens Maße beleidigt. Gleichzeitig wurde mein Selbstbewusstsein, das sowieso kaum vorhanden wahr, komplett zertrümmert.
Ich dachte dann nur noch, ok, wenn ich so langsam, träge und schlecht bin, und meine Leistungen nicht anerkannt werden, dann bewerbe ich mich überhaupt nicht mehr. Ihr könnt mich alle mal. Und ich habe mich mal wieder isoliert.
Jetzt weiß ich aber, wie es zu dieser Einschätzung gekommen ist. Ich kann nicht mit Druck umgehen. Der kleinste Leistungsdruck, Erwartungen die erfüllt werden müssen, eine hohe Verantwortung die übernommen werden muss, und vor allem Zeitlimits und ich versage komplett. Keine Chance. Das wird sich auch nie ändern, das hängt mal wieder mit meinen hochsensiblen und introvertierten Chrakter zusammen. Das kann ich später noch ausführen.
Im Moment habe ich einen Job, wo ich nicht viel verdiene, aber wo es auch keinen so starken Leistungs- und Zeitdruck gibt. Und siehe da: Aufeinmal bin ich richtig gut. Erhalte sogar Lob. Ich bin auch immer pünktlich, zuverlässig, pflichtbewusst und mit meinen "Querdenken" kann ich auch Arbeitsabläufe verbessern, die anderen Menschen, die ständig nur in den bekannten "Konventionen" denken, überhaupt nicht auffallen.
Mein hochsensibler Charakter hat sehr große Schwächen, aber und das darf nicht ständig übersehen werden, auch sehr spezielle aber herausragende Stärken.
Ich bin also jemand der ständig gegen den Strom schwimmt. Das sorgt oft für Ärger, aber nur so, kann man auch über den "Tellerrand" blicken und etwas verbessern.
Aber in der heutigen Welt, ist das nicht gerne gesehen.
Wenn ich an einer Maschine arbeiten soll, will ich das Schritt für Schritt erklärt bekommen. Andere Menschen treibe ich damit zur Weißglut. Und ich verstehe es nicht.
OK, probiere ich es halt selber aus...und es dauert keine 3 Sekunden, bis irgendjemand schreit, was ich da für einen Blödsinn treibe. Ich denke dann nur: "Verdammt noch mal, was wollt ihr eigentlich von mir? Ich frage nach und werde angepöbelt, das ich gefälligst selbstständiger werden soll. Oder ich frage nicht nach und dann heißt es: Wieso fragst du nicht, wie die Maschine funktioniert? Niemand beißt dich. Klasse, jetzt hast du die Maschine beschädigt und wir müssen ein teures Ersatzteil kaufen. Frag, das nächste mal gefälligst nach."
Das Problem ist das Querdenken und der Hang, zu viel "zu denken". Statt den offensichtlichen Weg zu beschreiten, gehe ich immer andere Wege. So kommt es häufig vor, das man mir etwas sagt, was ich machen soll und ich tue dann das komplette Gegenteil davon. Andere Menschen fühlen sich dann von mir verarscht. Aber das mache ich nicht mit Absicht. Ich habe immer nur die besten Absichten im Hinterkopf. Das führe ich später noch aus, oder lässt sich in meinen Einträgen (Mutismus Erwachsenenalter) finden.

Nina-Mayer
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Re: Tipps zum Thema Mutismus

Beitragvon Nina-Mayer » 27.06.2015, 14:57

Zu Punkt 4: ...welche Schwächen habe ich....
Was mir sehr geholfen hat, war ein Test ob ich introvertiert oder extrovertiert bin. Wichtig dabei: Die meisten Menschen vereinen beides in sich, haben aber eine Tendenz zu einer Seite.
Es gibt hier aber kein richtig und falsch. Jemand der schüchtern ist, kann nicht extrovertiert werden. Sich dafür entscheiden. Nichts davon ist besser oder schlechter. Probleme bereiten nur die Endpunkte. Also komplett introvertiert, oder komplett extrovertiert. Das Buch "Leise Menschen - starke Wirkung" von Sylvia Löhken war auf jeden Fall eine Hilfe für mich.

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Re: Tipps zum Thema Mutismus

Beitragvon NinaO » 05.07.2015, 18:19

Hallo,

die Hochsensitivität mit seinen Vor- und Nachteilen sowie Chancen seine eigene vergangene Entwicklung unter nicht belastendem Wissen positiv(er) zu reflektieren:

Ausschnitte aus meinem Mutismus-Buch für Erwachsene:

Soziale Isolation: Integration oder Rückzug
Im Gehirn sind bei sozialen Isolationen gleiche Regionen aktiv wie beim Schmerz. (Eisenberger, Liebermann und Williams, 2003). So sollen psychische Belastungen, die einen zwischen-menschlichen Hintergrund haben, wie ein Schmerz wirken.

Bisher dachte ich, dass ich wegen meiner Isolation auch einsam bin. In einer Trialog-Runde (freies und öffentliches Monatstreffen in einer psychiatrischen Klinik) in 3/2013 wurde ich jedoch skeptisch, denn es war das Thema „Macht psychische Krankheit einsam?“ und alle waren davon überzeugt, dass man Kontakte haben müsse, dass Einsamkeit oder Alleinsein (Abgrenzung ist nicht eindeutig möglich) nicht sein soll. Für mich bedeutet dies, dass ich genau das wusste und wegen dieser gesellschaftlichen Erwartung unter Druck und in einem Dilemma stand. Erst dadurch spüre ich, dass ich wohl einsam sein muss, aber eigentlich tut es mir gut. Auch bin ich nicht durch den Mutismus einsam geworden, sondern ich bin ein einsamer Mensch. Diese Perspektive aufzuzeigen traute ich mich nur in der Feedbackrunde am Ende und konnte mich darüber nicht mehr in der großen fremden Gruppe austauschen, hatte auch enormes Herzklopfen am Hals und konnte meine Gedankenimpulse nur notieren. Von ca. 20 Teilnehmern beteiligten sich ca. 4 sehr rege, und es war mir kaum möglich, einen Beitrag dazwischen zu schieben, da ich eine längere Anlaufzeit benötigt hätte und dann wieder Jemand schneller war. Ich war innerlich auch viel zu aufgeregt. Jedenfalls macht mir dieser Kontakt-Druck, den die Gesellschaft erwartet, Stress. Mir wäre lieber, ich könne zum Mutismus stehen und es mitteilen, um dann auch die Akzeptanz bzw. Reaktion der Gesellschaft zu testen. Ich denke, nur dieses Outen meines übermächtigen Gefühls der Aufregung, wenn es ausgelöst wird, wird mir letztendlich helfen (direkte Konfrontation mit meinem Leiden im Austausch).

Durch den mutistischen Rückzug wurde ich von sonstigen gesellschaftlichen Erwartungen wenig geformt. Ich fühle mich in meinem Handeln sehr frei bis Jemand etwas dagegen zu haben scheint und es zumindest andeutet. Dann verstehe ich die Welt nicht mehr, da ich ja auch keinem Anderen in sein Leben reinrede und auch viel zu brav und perfektionistisch bin. Mein Handeln passe ich nur dann an, wenn es wirklich sinnig ist. Was die Gesellschaft erwartet, weiß ich also schon. V.a. die Sprecherwartungen konnte ich nicht erfüllen.
„Die Sprache des Menschen erträgt nicht die Leere der Lautlosigkeit.“ (Hans Henny Jahnn zitiert nach Bahr, 2006)

Wenn die Gesellschaft etwas auszusetzen hat, findet sie auch etwas. Erwartungsdruck, den ich dann erlebe, führt zu Stress und meine Sensoren sind hoch aufmerksam und hoch empfindlich.
Durch Verknüpfung von Beobachtung und Nachdenken im erwachseneren Alter sind mir soziologische Muster vermehrter bewusst geworden und beeinflussen mich im Kontakt zur Gesellschaft. So war ich mal sehr wertfrei, was sich änderte als meine Kinder auf die Welt kamen, denn nun verstand ich allmählich Sozialisationsprozesse und bin sehr bedrückt über die Konkurrenzkämpfe der Mütter. Mich hat einfach die "kommunikative Beziehung" der Menschen immer mehr interessiert. Ich wollte unbedingt schon im jungen Erwachsenen-alter "den Menschen verstehen". So habe ich wohl emotionale Empathie bewahrt.

Perspektiven-Denken
Perspektive sehen
Nach Kant schaut man sich einen Stuhl an und es folgen automatische Wertungen. Bei mir nicht. Außerdem ist dabei der Unterschied zwischen bewussten und unbewussten Wertungen unklar.
Mir fehlen Behauptungswertungen als Sprachmechanismus.
Kippbilder sind mir inzwischen bekannt, so dass ich fast automatisch, aber auch willkürlich auslösend und hemmend, unbekannte Vorlagen nach dem Muster von Kippbildern erkenne und diese sich hin und her kippen. Dass ich also mehrere Perspektiven (scheinbar) gleichzeitig von Kipp-Bildern sehen kann, hat sich ausgebildet, seitdem ich von diesem Phänomen weiß.
Auch im Alltag kann ich Vor- und Nachteile, sowie mehrere Perspektiven von Menschen gleichzeitig einnehmen, was es mir erschwert, eine Position (Behauptungswertung) einzunehmen. Ich verhalte mich eher neutral, während Andere die Einnahme möglichst ihrer Position, aber mindestens einer bestimmten Position erwarten.
So kann ich auch aus jedem schlechten Unterricht oder Buch für mich Positives/Brauchbares rausziehen. Mit anderen Worten, es gibt für mich nichts grundsätzlich Schlechtes.

zu hohes Perspektiv-Denken
Ich weiß nicht, ob es für mich i. O. ist, wenn ich stets Vor- und Nachteile erkennen kann. Womöglich finde ich deshalb beim Erzählen vor lauter Details keine schlagkräftigen Infos.

Soziales Arbeiten
Probleme anderer Menschen fallen mir auf, ziehen mich an. Ich spüre es, wenn die Menschen Probleme haben und leiden, wenn sie es „vertuschen wollen“ bzw. nicht ehrlich sind. Kann es aber nicht austauschen, da diese Person ja nicht darüber sprechen will und bin mit meinem Spannungsgefühl allein, welches ich nicht abarbeite, sondern warten muss bis die Situation vorbei ist. Interessant ist die Aussage von Marc Schmid (2013), der bei Traumafolgestörungen von 2 Prozessen ausgeht:


• Übererregung und
• Dissoziation, welche gestiegenen Muskeltonus und Atemfrequenz bei Übererregung reduziert.

Nach Schmid (2013) lässt man traumatische Erlebnisse hilflos über sich ergehen und versucht Gefühle und Schmerzen zu ertragen (dissoziativ). Die erlebten Emotionen und Schmerzen sind so belastend, dass sie nicht mehr bewusst verarbeitet werden können. Durch den nicht gelernten Umgang erleben traumatisierte Kinder immer wieder eine Überforderung, die erst in Verbindung mit heftiger Erregung und Spannung wahrgenommen wird, was dann nur noch wenige Handlungsmöglichkeiten erlaubt, um Spannung in der Stresssituation abzubauen. (Schmid, 2013).
„Das größte Dilemma von komplex traumatisierten Menschen ist, dass diese entweder zu viel oder zu wenig von ihren Gefühlen wahrnehmen.“ (Onno van der Hart zitiert nach Schmid, 2013, S. 170).

Widme ich mich den Problemen anderer Menschen, kommt stets eins nach. Der Mensch scheint voll von Problemen zu sein, die er jedoch nicht laufend im Fokus haben muss, da sein Erleben durch soziale Netze vielfältig ist. Außerdem wird selten mit unmittelbar Betroffenen darüber geredet, wenn es vermeidbar ist. Womöglich wird noch entlastend darüber gesprochen, aber es folgt dann keine konstruktive Problembearbeitung, um es wirklich zu verändern (vgl. Albert Einstein). Diese Arbeit hört also irgendwie nie auf und zufrieden ist auch immer noch keiner. Ich fühle mich daher bei dieser Arbeit absolut unsicher und nehme sie mit in den Alltag. Sie lässt mich nicht los. Auch brauche ich Langsamkeit und Rückzugsmöglichkeiten, was jedoch nicht akzeptiert und sogar bestraft wird.
Verletzt mich oder Andere etwas wie Respektlosigkeit, Unfairness oder Macht, bin ich wie gelähmt sprachlos und kann nur notdürftig antworten. Ich will dann flüchten, was nicht geht.
Anziehend und wiederholend gehe ich in Angst- und Stresssituationen ohne Gewöhnung. Dann lobe ich mich, es wenigstens geschafft zu haben.
Mir ist aufgefallen, dass ich in den Stress-Empfindungsmomenten sprachlos bin. Die Empfindungen überfluten mich so sehr, dass ich mich nicht um diese selbst kümmern kann, sondern in der Situation weitermachen muss. Ich hänge dieser intensiven Erregung nach. Andere mit solchen Erlebnissen wissen es wohl, ohne es fühlen zu müssen und teilen es mit bzw. suchen sich Gesprächspartner auch über ablenkende Themen.
Ich habe daher versucht (2013), währenddessen zumindest in Gedanken zu Worten/Sätzen zu kommen, was mir tatsächlich bereits in einer Folgesituation insoweit enorm half, dass dieses erregende Negativ-Gefühl nicht mehr da war. Im Nachhinein fand ich nur die Situation unangenehm und konnte für mich reflektieren, dass ich so nicht arbeiten mag.
Auch spürte ich nun Mal Wut mit positiver Rückkopplung zu Muskeln im gesamten Körper. Ich konnte dieses benennen als ein Wissen darum, ohne Wut als Erregung ohne Lösung zu spüren. Die Erregung wird wohl gleich positiv zurückgenutzt, als Resonanz für kräftige tiefensensorische Beruhigung.
Dennoch kann ich mich an diese Situationen nicht gut erinnern, vergangene Situationen vorstellen und nachempfinden. Ich weiß es nur noch. Siehe S. 45 Gefühlsüberflutung.

So langsam traue ich mich gar nicht mehr in die Berufswelt. Die letzten Jahre im sozialen Bereich waren für mich komisch und anstrengend und ich war immer froh, wenn es trotz guter Arbeit, die aber auch ständig unter Kontrolle und Kritik stand, vorbei war. Das soziale Arbeiten liebe ich einerseits, weshalb ich mich davon nicht lösen kann und auch noch keine Alternative habe, aber es stresst zu sehr. Ich bleibe drin und kann das Mögen und Stressen nicht ausbalancieren bzw. kompensieren. So halte ich den Stress aus - bis die Situation vorbei ist (vgl. auch Schmid, 2013).

Erledige ich aber Arbeit, die man sehen kann und sie wird weniger, fühle ich mich mit der Arbeit sicher und gut, wie im Praktikum bei einem Anwalt. Früher wusste ich, wenn ich zur Arbeit gehe, kann ich sie. In der Therapie muss ich damit rechnen, sie nicht zu können.


LG
Nina Onawa

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Re: Tipps zum Thema Mutismus

Beitragvon Schlusi » 06.07.2015, 08:11

Ist natürlich jetzt sehr viel geschrieben, so dass ich da jetzt nicht auf alles auf einmal eingehen kann.

Auch im Alltag kann ich Vor- und Nachteile, sowie mehrere Perspektiven von Menschen gleichzeitig einnehmen, was es mir erschwert, eine Position (Behauptungswertung) einzunehmen. Ich verhalte mich eher neutral, während Andere die Einnahme möglichst ihrer Position, aber mindestens einer bestimmten Position erwarten.
So kann ich auch aus jedem schlechten Unterricht oder Buch für mich Positives/Brauchbares rausziehen. Mit anderen Worten, es gibt für mich nichts grundsätzlich Schlechtes.

Das ist glaube ich bei mir auch so. Und ich frage mich manchmal, ob das evtl. auf andere wenig authentisch wirken könnte, hauptsächlich so neutral zu sein.
Dann mal wieder bin ich wohl gar nicht so neutral, aber wohl so fein justiert, dass nun einmal nicht schwarz oder weiß draus wird.
Eine andere Sache ist noch, dass ich nicht gerne oder erst spät oder zu spät aktiv werde oder aktiv eingreife. Bin eher so der Typ, der sich dem (er-)gibt, was der liebe Gott für mich bereit hält, um es mal so auszudrücken. Deswegen mag ich auch nicht diesen Spruch "Am Hoffen und Harren erkennt man die Narren" oder wenn unterstellt wird, dass jemand etwas "aussitzt". Aber es ist wohl aus der Sicht der anderen verwerflich sich so zuverhalten. Dabei ist weder das eine noch das andere "richtig", weil es kein ausschließlich "richtig" gibt.

Nach Schmid (2013) lässt man traumatische Erlebnisse hilflos über sich ergehen und versucht Gefühle und Schmerzen zu ertragen (dissoziativ). Die erlebten Emotionen und Schmerzen sind so belastend, dass sie nicht mehr bewusst verarbeitet werden können. Durch den nicht gelernten Umgang erleben traumatisierte Kinder immer wieder eine Überforderung, die erst in Verbindung mit heftiger Erregung und Spannung wahrgenommen wird, was dann nur noch wenige Handlungsmöglichkeiten erlaubt, um Spannung in der Stresssituation abzubauen. (Schmid, 2013).„Das größte Dilemma von komplex traumatisierten Menschen ist, dass diese entweder zu viel oder zu wenig von ihren Gefühlen wahrnehmen.“ (Onno van der Hart zitiert nach Schmid, 2013, S. 170).

Ja, das kann man so sagen, dass das so ist.
Mein letztes großes Problem mit meiner Dissoziation ist so groß, dass es selbst schon wieder Dissoziation hervorruft. Das ist schon wieder so tragisch, dass es aus einer anderen Perspektive auch schon wieder komisch ist. Das sind zwei beste Freundinnen, die grundehrlich zueinander sind (also meine Freundin und ich). Während sie wahnhaft in schwere Depression abgleitet, dissoziiere ich und bin praktisch handlungsunfähig. Das schlimme und schicksalhafte ist, dass ich wohl sogesehen die einzige war, die die Gefahr hätte erkennen können, weil zwischen uns keine Lügen standen. Wirklich erkannt habe ich aber alles erst nachdem mein dissoziativer Zustand nachgelassen hat, aber da war es bereits zu spät.

Verletzt mich oder Andere etwas wie Respektlosigkeit, Unfairness oder Macht, bin ich wie gelähmt sprachlos und kann nur notdürftig antworten. Ich will dann flüchten, was nicht geht.
Anziehend und wiederholend gehe ich in Angst- und Stresssituationen ohne Gewöhnung. Dann lobe ich mich, es wenigstens geschafft zu haben.
Mir ist aufgefallen, dass ich in den Stress-Empfindungsmomenten sprachlos bin. Die Empfindungen überfluten mich so sehr, dass ich mich nicht um diese selbst kümmern kann, sondern in der Situation weitermachen muss. Ich hänge dieser intensiven Erregung nach. Andere mit solchen Erlebnissen wissen es wohl, ohne es fühlen zu müssen und teilen es mit bzw. suchen sich Gesprächspartner auch über ablenkende Themen.
Ich habe daher versucht (2013), währenddessen zumindest in Gedanken zu Worten/Sätzen zu kommen, was mir tatsächlich bereits in einer Folgesituation insoweit enorm half, dass dieses erregende Negativ-Gefühl nicht mehr da war. Im Nachhinein fand ich nur die Situation unangenehm und konnte für mich reflektieren, dass ich so nicht arbeiten mag.
Auch spürte ich nun Mal Wut mit positiver Rückkopplung zu Muskeln im gesamten Körper. Ich konnte dieses benennen als ein Wissen darum, ohne Wut als Erregung ohne Lösung zu spüren. Die Erregung wird wohl gleich positiv zurückgenutzt, als Resonanz für kräftige tiefensensorische Beruhigung.
Dennoch kann ich mich an diese Situationen nicht gut erinnern, vergangene Situationen vorstellen und nachempfinden. Ich weiß es nur noch. Siehe S. 45 Gefühlsüberflutung.

Nein, bei Respektlosigkeit z. B. bin ich nicht wie gelähmt. Da kommen wohl die Gene meines Vaters und seiner Mutter bei mir voll durch. Ich erinnere mich an eine körperliche Attacke meinerseits gegenüber meinem Sohn. Ich habe ihn mehrfach verwarnt mit dieser Respektlosigkeit mir gegenüber aufzuhören. Er hörte nicht auf, fing an zu lachen und da war es vorbei. Ruckzuck habe ich ihn aus der Eckbank gerissen, den Arm im Polizeigriff auf seinen Rücken hochgezogen und seinen Kopf nach unten gedrückt (ich wusste gar nicht, dass ich das kann). Dann kam auch die Entschuldigung von meinem Sohn, dann ging es auf einmal. Und wir haben die Sache geklärt, aber so lasse ich mich nicht behandeln. Von dem Moment an waren die Grenzen geklärt. Ich bin nicht stolz darauf, dass das so passiert ist. Aber insgesamt ist es für mich beruhigend zu wissen, dass es Situationen gibt, wo ich eben nicht abwarte und verharre. Normalerweise regele ich das aber verbal und schieße auch da recht scharf und punktgenau. Bis das passiert, habe ich oft keine Ahnung, dass ich das wirklich kann und auch mache. Da setzen sich dann entgegen meiner anderen eher gehemmten Persönlichkeit auf einmal andere Gene durch.

Erledige ich aber Arbeit, die man sehen kann und sie wird weniger, fühle ich mich mit der Arbeit sicher und gut, wie im Praktikum bei einem Anwalt.

Geht mir genauso. Ich muss etwas wegschaffen können, was man hinterher auch sieht. Ich kann konzentriert arbeiten, mich sehr gut auf eine Sache konzentrieren, dabei kaum müde werden, eher komme ich in so einen richtigen flow rein und werde immer effektiver. Aber wehe es klingelt das Telefon, irgendjemand will noch persönlich etwas von mir, usw. Ich habe schon einmal in einem Raum, nicht viel größer als eine Besenkammer mit nur ganz schmalen Fenstern, quasi einem finsteren Loch gearbeitet. Der Berg von Arbeit und dieses finstere Loch haben mir überhaupt nichts ausgemacht. Ich hätte da ewig bleiben können. Nein, der cholerische Chef und das Betriebsklima insgesamt war wieder einmal so schlimm, dass ich da weg musste. Ich konnte überhaupt nicht rechtzeitig sehen, wenn jemand den Raum betreten wollte. Also habe ich mich immer erschreckt. Das hat schon gereicht. Der Chef kam aber mit Gebrüll rein und ich konnte noch nicht einmal zurückweichen, weil hinter mir schon die Wand war. Wenn ich von meinem Bürostuhl aufgestanden bin, dann musste ich mich schon zwischen Tischplatte und Stuhl rausquetschen, weil da gleich die Wand war. Das hat mir - wie gesagt - alles nichts ausgemacht. Bin nur wieder einmal nicht mit diesen Menschen klargekommen.

Herr im Himmel, gibt es denn nicht mal irgendwo einen menschenfreien Job? Es ist echt nicht zum aushalten. :wink: :D

Schlusi :)
Tochter *99, mutistisch+Asperger Syndrom

Jasmin_98

Re: Tipps zum Thema Mutismus

Beitragvon Jasmin_98 » 05.09.2015, 14:36

"Manches Mal fühlten sich wohl Andere durch mein Verhalten ausspioniert"

Mir hat's deswegen in der Klasse den Spitznamen Spy eingebracht. Zuerst war ich ziemlich beleidigt , aber da jeder bei uns so einen Spitznamen hat/hatte ,was im Endeffekt , zumindest bei uns ,auch nicht böse gemeint ist , habe ich es schließlich akzeptiert.

Hyazinthe
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Re: Tipps zum Thema Mutismus

Beitragvon Hyazinthe » 05.09.2015, 18:30

Hallo Jasmin_98,

'Spy' klingt doch irgendwie cool 8) :wink:

Viele Grüße!

Jasmin_98

Re: Tipps zum Thema Mutismus

Beitragvon Jasmin_98 » 05.09.2015, 20:53

Hyazinthe hat geschrieben:Hallo Jasmin_98,

'Spy' klingt doch irgendwie cool 8) :wink:

Viele Grüße!

Irgendwie schon und für andere gab es Spitznamen die deutlich weniger "cool" waren

Viele Grüße :)

Exprings
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Re: Tipps zum Thema Mutismus

Beitragvon Exprings » 09.11.2018, 09:09

Setz dich unter Druck, dich anders zu präsentieren.

Exprings
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Re: Tipps zum Thema Mutismus

Beitragvon Exprings » 13.02.2019, 13:37

Gleichzeitig wusste ich, dass hinter meinem Rücken über mich geredet wurde.


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