Einsamkeit

Hier können Jugendliche über Probleme und Erfahrungen mit ihrem Mutismus berichten und sich untereinander austauschen. Achtung, Eltern bitte das normale Mutismus-Forum nutzen.

Moderator: Elfa

Charlotte96
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Einsamkeit

Beitragvon Charlotte96 » 05.07.2015, 12:30

Hallo,
ich heiße Charlotte bin 18 Jahre alt und leide seit dem Kleinkindalter unter selektiven Mutismus. Ich habe seit dem Erhalten der Diagnose etliche Psychologen und Therapeuten aufgesucht und gelte nun eigentlich als geheilt. (Was ich total komisch finde den "Krank" habe ich mich eigentlich nie gefühlt nur eben irgendwie Anders.)
Dennoch fällt es mir sehr schwer auf andere Menschen zuzugehen und Gespräche zu führen was dazu geführt hat das ich nach Beendigung der Grundschule also seit nunmehr 8 Jahre keine Freunde mehr habe.
Seit meinem 14 Lebensjahr bin ich Mitglied eines Tennisvereins und in einem Schwimmteam aktiv doch auch dort habe ich keinen Anschluss gefunden. Egal ob beim Sport, in der Familie oder der Schule ich fühle mich immer wie das 5. Rad am Wagen, ich werde immer übersehen, ignoriert und ausgeschlossen.
Eine beste Freundin oder einen besten Freund wünsche ich mir schon lange, jemanden mit dem man über alles quatschen kann für den man da sein kann und der auch für einen selbst da ist.
Oder auch eine Beziehung denn irgenwie scheinen alle Menschen um mich herum glücklich vergeben, und ich bin um ehrlich zu sagen ein stück weit Eifersüchtig wenn ich die Pärchenfotos der anderen in sozialen Netzwerken sehe.
Ein Weiteres Problem ist die Schule dort bin ich seit jeher Außenseiter und fühle mich auch nicht wirklich wohl. Da mir das Sprechen schwer fällt habe ich Probleme dabei mich an Unterrichtsgesprächen zu beteiligen und logischer weiße auch beim Referate halten. Was dazu führt das meine mündlichen Noten unterirdisch sind. Das es dafür einen Nachteilsausgleich gibt und auch die Möglichkeit mündliche Schulaufgaben und Referate zu umgehen ist mir bekannt. Dennoch würde ich dies nicht in Anspruch nehmen, da ich nicht möchte das von meinen Mitschülern jemand etwas davon erfährt.
Unter dem ganzen leidet auch das Verhältnis zu meiner Mutter, ich kann nicht mal mit ihr über all meine Problem oder auch einfach über "Mädchenthemen" reden.
Ich fühle mich einsam und Kraft habe ich auch nicht mehr. Um ehrlich zu sagen weiß ich nicht mehr weiter...und habe auch schon darüber nachgedacht einen Schlussstrich zu ziehen. Dennoch möchte ich keine weiteren Therapien machen und auch meine Familie nicht damit belasten.

Gibt es hier jemanden hier der auch keine Freunde hat? Oder bin ich die Einzigste.
Wie habt ihr Freunde gefunden? Was mache ich falsch?
Hat jemand Tipps für mich wie ich mir selbst helfen kann?

NinaO
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Re: Einsamkeit

Beitragvon NinaO » 05.07.2015, 17:57

Liebe Charlotte,

wenn ich deine Zeilen lesen, kommen mir meine Erinnerungen an meine Jugendzeit wieder ganz nah. Ich empfinde es und kann es nachvollziehen. Aus diesen Gründen, die du beschreibst, wollte ich oft nicht mehr leben und mich umbringen. Ich lebe noch. Ich reflektierte sogar für mich, dass es keinen Sinn macht zu sterben, weil mich keiner vermissen würde. Warum also gehen. Ich heulte heimlich, kühlte mein Gesicht mit viel kaltem Wasser und legte mich oft auch hin (während des Heulens oder nach dem Runterkühlen) und nach dem Schlaf mit Heulen ging es mir komischerweise besser, wie ein "Rauslassen von Gefühlen", die dadurch verarbeitet wurden. Aber ein Therapeut fand diese "Methode" nicht gut. Ich bin mir aber sicher, dass dieses Reingehen in das Trauergefühl mit Heulen, frisch machen und schlafen für mich auf jeden Fall positive Wirkungen hatte und auch noch hätte (nehme mir die Zeit nur ganz ganz selten, eher wenn es intuitiv mal an Grenzen kommend von alleine geschieht).
Und es gab immer wieder Erlebnisse des Wohlfühlens. Höhen und Tiefen prägen mich noch immer sehr stark und werfen mich um, aber sie vergehen tatsächlich.
Nun bin ich 48 Jahre und mein soziales Netz ist minimalst, aber dieses ist ehrlich und daran denke ich immer wieder. V.a. meine Oma war eine Person im Jugendalter, die mich irgendwie getragen hat. Heute denke ich noch oft daran zurück und bin traurig, dass sie nicht mehr da ist. Aber in meinen Gedanken kann ich ja die schönen Dinge, die es in erster Linie mit ihr gab, erinnern. Während bei der Erinnerung an meine Eltern, sich immer wieder zu viele negative Erlebnisse mit reinmischen.

Ich habe mal ausgebildet am Kinder- und Jugendtelefon gearbeitet - vom Kinderschutzbund. Sie haben keine andere Wahl als in dem Moment gut zuzuhören, sich Zeit zu nehmen und dich in kurzer Zeit, wenn solch ein Tief akut ist, zu stabilisieren. Und sie können es und wenn du wieder dort anrufst, du wirst zu einer freien Stellen weitergeleitet - in ganz Deutschland - und hast jedesmal wen anderes dran. Du kannst auch einfach auflegen, wenn es dir plötzlich zu unangenehm wird oder du sagst es und bittest darum, geduldig mit einer Antwort zu sein. Spreche ab, dass du vielleicht einen Moment nichts sagen kannst und der Zuhörer bitte nicht zu schnell auflegen soll.
Jedenfalls war es unsere Hauptaufgabe nach einem solchen Mini-sozialem-Netz durch Fragen zu forschen. Ich habe immer irgendeinen Menschen ausfindig machen können, an dem sich der Jugendliche mal wenden konnte. Und wenn es nur zur Ablenkung ist, also nicht unbedingt um darüber zu reden. Aber da erinnere ich sogar, dass alle aufgeschlossen waren, sich direkte Unterstützung im eigenen vertrauten Netz zu suchen.

Freude findet man in Hobbies. Hast du welche? Ich habe total gerne Musik gehört und für mich getanzt; erst später verstanden, dass dies für mich eine hohe Ressource war, sogar noch wäre. Nur selten nehme ich mir leider die Zeit; sie funktioniert aber noch.

Übrigens fühlte ich mich damals damit hoch allein, ich konnte mit niemanden darüber sprechen, weil es mir zu "fremd und unbekannt" war. Man sah es bei keinem anderen und konnte es nicht teilen. Heute ist man offener und findet dank des Internets Möglichkeiten, sich Informationen zu holen und festzustellen: "Hey, dass haben noch andere. Ich bin damit nicht allein." Dieses Teilen von ähnlichen Informationen hilft dem Gehirn, da es ziemlich einfach handelt: es spürt dann Vertrautes, welches nun keine Abwehrreaktion erzeugen müsste und sich daher beruhigt zurückhält. Natürlich gibt es dafür keine Garantie, unsere Gedanken- und Gefühlswelt funktioniert da schon komplexer, aber das Wissen darum kann beruhigen. Wie du schreibst, ist Mutismus keine Empfindung von krank, sondern von Anderssein. Verbinde dich mit Menschen, die auch anders sind. Dank des Internets kannst du Austauschpartner finden und sie müssen, um Freude zu empfinden, auch keine Tiefe sein, sondern können im Rahmen von Hobbies (Spiele, Experimente, Forschung ...) sein. Übrigens hatte ich überhaupt nicht die Interessen meiner Mitschüler und auch heute als Erstmutter interessierten mich Gespräche mit Windeln, Flohmarkt & Co. gar nicht. Lieber hätte ich geforscht, beobachtet und Experimente gemacht (was ich angenähert auch tat). So konnte ich mich ohne Beeinflussung durch sozialkonformes Verhalten freier entwickeln, mich beeinflussen Meinungen anderer nicht in meinem Verhalten (leider nur in meinem Empfinden); ich folge aber dem, was ich gerne tut und passe mich anderen nur an, wenn es wirklich Sinn macht und noch im seriösen und fairen Rahmen liegt.

Erstmal LG
Nina Onawa

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Stille Stärken
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Re: Einsamkeit

Beitragvon Stille Stärken » 05.07.2015, 18:15

Liebe Charlotte,

schön, dass du im Forum schreibst. Ich weiß, dass die meisten Menschen um dich herum nicht nachvollziehen können, wie anstrengend das Leben für dich jetzt gerade ist. Hier wirst du leichter verstanden, weil viele, die hier lesen und schreiben, ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Obwohl ich dich gar nicht kenne, sehe ich, dass du dein Möglichstes tust, um jetzt gerade zurechtzukommen - und ich weiß, dass du dabei sehr hohe Anforderunge an dich selbst stellst.

Ich weiß es deswegen, weil ich, als ich 18 war, ziemlich in der gleichen Situation war wie du. Mit dem einen Unterschied: Ich wusste nichts von selektivem Mutismus und es gab kein Internet.

Ich habe mich damals entschieden, weiterzumachen und schrittweise zu verändern, was nicht gepasst hat. Und es wurde besser. Nicht sofort, aber mit jedem kleinen Fortschritt ging es ein bisschen leichter. Ich habe nicht sofort Freunde gefunden. Aber ich habe mir mehr Möglichkeiten geschaffen, um Menschen zu begegnen. Und mit jeder Begegnung wurde ich besser darin, in Kontakt zu kommen.

Es geht in kleinen Schritten. Es geht nach und nach. Es erfordert Dranbleiben. Aber es geht.

Ich habe mich mit 18 allein auf den Weg gemacht, weil ich damals keine andere Möglichkeit kannte. Meine Geschichte und einige Veränderungs-Ideen zum selber Ausprobieren habe ich im Stille-Stärken-Blog aufgeschrieben.

Wenn du konkrete Tipps brauchst, schreib mir gerne. Denn das Leben geht weiter - und es wird besser. Garantiert!

Herzliche Grüße,
Christine

NinaO
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Re: Einsamkeit

Beitragvon NinaO » 05.07.2015, 18:28

Hallo Charlotte,

zu Einsamkeit habe ich mal folgendes für mich wahrgenommen und dann reflektiert:

Soziale Isolation: Integration oder Rückzug
Im Gehirn sind bei sozialen Isolationen gleiche Regionen aktiv wie beim Schmerz. (Eisenberger, Liebermann und Williams, 2003). So sollen psychische Belastungen, die einen zwischen-menschlichen Hintergrund haben, wie ein Schmerz wirken.

Bisher dachte ich, dass ich wegen meiner Isolation auch einsam bin. In einer Trialog-Runde (freies und öffentliches Monatstreffen in einer psychiatrischen Klinik) in 3/2013 wurde ich jedoch skeptisch, denn es war das Thema „Macht psychische Krankheit einsam?“ und alle waren davon überzeugt, dass man Kontakte haben müsse, dass Einsamkeit oder Alleinsein (Abgrenzung ist nicht eindeutig möglich) nicht sein soll. Für mich bedeutet dies, dass ich genau das wusste und wegen dieser gesellschaftlichen Erwartung unter Druck und in einem Dilemma stand. Erst dadurch spüre ich, dass ich wohl einsam sein muss, aber eigentlich tut es mir gut. Auch bin ich nicht durch den Mutismus einsam geworden, sondern ich bin ein einsamer Mensch. Diese Perspektive aufzuzeigen traute ich mich nur in der Feedbackrunde am Ende und konnte mich darüber nicht mehr in der großen fremden Gruppe austauschen, hatte auch enormes Herzklopfen am Hals und konnte meine Gedankenimpulse nur notieren. Von ca. 20 Teilnehmern beteiligten sich ca. 4 sehr rege, und es war mir kaum möglich, einen Beitrag dazwischen zu schieben, da ich eine längere Anlaufzeit benötigt hätte und dann wieder Jemand schneller war. Ich war innerlich auch viel zu aufgeregt. Jedenfalls macht mir dieser Kontakt-Druck, den die Gesellschaft erwartet, Stress. Mir wäre lieber, ich könne zum Mutismus stehen und es mitteilen, um dann auch die Akzeptanz bzw. Reaktion der Gesellschaft zu testen. Ich denke, nur dieses Outen meines übermächtigen Gefühls der Aufregung, wenn es ausgelöst wird, wird mir letztendlich helfen (direkte Konfrontation mit meinem Leiden im Austausch).

Durch den mutistischen Rückzug wurde ich von sonstigen gesellschaftlichen Erwartungen wenig geformt. Ich fühle mich in meinem Handeln sehr frei bis Jemand etwas dagegen zu haben scheint und es zumindest andeutet. Dann verstehe ich die Welt nicht mehr, da ich ja auch keinem Anderen in sein Leben reinrede und auch viel zu brav und perfektionistisch bin. Mein Handeln passe ich nur dann an, wenn es wirklich sinnig ist. Was die Gesellschaft erwartet, weiß ich also schon. V.a. die Sprecherwartungen konnte ich nicht erfüllen.
„Die Sprache des Menschen erträgt nicht die Leere der Lautlosigkeit.“ (Hans Henny Jahnn zitiert nach Bahr, 2006)

Wenn die Gesellschaft etwas auszusetzen hat, findet sie auch etwas. Erwartungsdruck, den ich dann erlebe, führt zu Stress und meine Sensoren sind hoch aufmerksam und hoch empfindlich.
Durch Verknüpfung von Beobachtung und Nachdenken im erwachseneren Alter sind mir soziologische Muster vermehrter bewusst geworden und beeinflussen mich im Kontakt zur Gesellschaft. So war ich mal sehr wertfrei, was sich änderte als meine Kinder auf die Welt kamen, denn nun verstand ich allmählich Sozialisationsprozesse und bin sehr bedrückt über die Konkurrenzkämpfe der Mütter. Mich hat einfach die "kommunikative Beziehung" der Menschen immer mehr interessiert. Ich wollte unbedingt schon im jungen Erwachsenen-alter "den Menschen verstehen". So habe ich wohl emotionale Empathie bewahrt.


Übrigens hat jeder eine andere Sichtweise, wie die nachfolgende Esel-Geschichte erzählt (von mir abgewandelt; im Internet googlebar):
In der Geschichte vom Vater, dem Sohn und dem Esel geht es darum, dass der Vater als erster auf dem Esel reiten durfte. Jedoch beschimpften ihn die Leute des Egoismus. Daraufhin ließ er den Jungen auf den Esel. Nun hieß es, wie kann der junge Bengel seinen alten Vater nebenher rennen lassen. Danach entschieden sie sich, gemeinsam auf dem Esel zu reiten. Nun riefen Leute entsetzt: „Tierquälerei!“ Nun hatten sie genug und trugen den Esel gemeinsam. Jetzt wurden sie kräftig ausgelacht: So etwas Dummes hätten sie noch nie gesehen. Sie sollten es doch so oder so machen, wurde heiß diskutiert.
Daraufhin sprach der Vater die weisen Worte: "Es ist offensichtlich egal, was wir machen, es wird immer jemanden geben, dem es nicht gefällt. Ich glaube, wir sollten das tun, was wir für richtig halten!"

LG Nina Onawa

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Schlusi
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Re: Einsamkeit

Beitragvon Schlusi » 06.07.2015, 08:43

Hallo Charlotte,

hier sind ja schon brauchbare Tipps genannt worden, denke ich.

Ich finde es aus recht schwierig im Jugendalter. Ist klar, dass man da eher nur auf die anderen schaut und sieht, was die können, haben und machen.
Dann fühlt man sich fast schon automatisch einsam.

Bin selbst gerade in einer Lebensphase, wo ich viel auch mal allein unterwegs bin und das auch so will.
Und da achte ich normalerweise nicht so auf andere. Aber neulich ist es mir passiert, dass mir jemand entgegenkam und diese Dame hat mich angelächelt, einfach so.
Dann habe ich genauer geschaut und mir war klar, was der Dame aufgefallen sein musste. Wir waren ähnlich gekleidet, so ca. im selben Alter und beide alleine unterwegs.

Davor lag mein Blick auf einer Bank mit einem jungen verliebten Paar. Bin selbst verheiratet, so dass das nun nicht unbedingt komische oder schlechte Gefühle bei mir hat entstehen lassen. Aber immerhin war ich ja nun alleine unterwegs, aber ich wollte es ja so. Trotzdem war es etwas komisch. In meiner Jugend war ich teilweise (notgedrungen) auch viel allein unterwegs und das ist im Rückblick jetzt für mich manchmal gar nicht so schlecht gewesen, weswegen ich das jetzt wieder so möchte.

In Deiner Situation würde ich versuchen auch mal stolz darauf zu sein, was Du bisher geschafft hast. Auch dass Du sportlich aktiv bist.
Unsere Tochter hat zwar eine beste Freundin über das Internet kennen gelernt, aber sie sieht es für sich als Makel, dass sie es nicht mal geschafft hat, irgendwo im Verein sportlich dabei zu sein, auch wenn sie dort sicher nie so richtig dazugehören würde.

Und das mit dem Nachteilsausgleich, also dass Du den nicht für Dich nutzen möchtest, das kann ich auch verstehen. Hoffentlich kannst Du die Noten trotzdem gut im Griff behalten.

Es wird besser werden. Über ein Hobby. Oder vielleicht gibt es in Deiner Nähe eine Selbsthilfegruppe (evtl. für Sozialphobie?, weil Mutismus ja nicht so bekannt ist) oder Du gründest selbst eine. Ich denke, dass da auch ein Gespräch, eine Beratung am Kinder- und Jugendtelefon weiterhelfen könnte, so wie Nina das auch schon vorgeschlagen hatte.

Schlusi :)
Tochter *99, mutistisch+Asperger Syndrom

Semper
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Re: Einsamkeit

Beitragvon Semper » 07.07.2015, 12:42

Hallo Charlotte,
das mit dem 5. Rad kommt mir bekannt vor.. Inwiefern gilst du denn als "geheilt"? Aber es scheint zumindest so, als beständen Probleme bzgl des Selbstwertgefühls, was eigentlich stark mit dem selektiven Mutismus interdependiert. Mitunter bringen Therapien auch gar nicht so viel.. zumindest waren die Therapieversuche bei mir erfolglos und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass jede Therapie bei mir erfolglos verlaufen würde. Die Beziehung zu einem Therapeuten ist ja eher einseitig geprägt.. man muss/soll alles über sich preisgeben, bekommt im Gegenzug aber kaum Informationen über den Gegenüber.. was mich zumindest gestört hat wirklich Vertrauen aufzubauen. Hinzu kommt das Gefühl nur ein austauschbares Objekt darzustellen.. denn Patienten gibt es genug.. Mitunter haben das auch manche Therapeuten explizit geäußert.. dass, wenn man nicht das mache, was sie verlangen, es besser wäre, wenn die Therapie beendet werden würde, da es noch genug andere gäbe, die Hilfe bräuchten. Ich denke, dass so eine Aussage für einen Menschen, der selbst innerlich das Gefühl hat kaum etwas wert zu sein, kontraproduktiv sein kann..

Es gab auch Zeiten in denen ich keine Freunde hatte.. zumindest nicht in der Nähe.. (weggezogen oder Ähnliches), von daher glaube ich ein wenig verstehen zu können, wie du dich im Moment fühlst. Eventuell wäre es aber vll nicht schlecht, doch vom Nachteilsausgleich Gebrauch zu machen.. zwar kann ich nachvollziehen, dass du nicht möchtest, dass die anderen darüber bescheid wissen.. aber ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass es doch relativ viele gibt, die dadurch mehr Verständnis finden.. wenn auch nicht alle.
Meine Freunde habe eig weniger ich gefunden, als dass sie mich gefunden haben.. zumindest hatte ich Glück, dass manche Menschen, warum auch immer, relativ hartnäckig und ausdauernd damit waren, Kontakt zu mir aufzubauen. Tipps Freunde zu finden, kann ich wahrscheinlich nicht so wirklich geben..
Was ich aber als wichtig erachte, ist, dass du vll versuchen solltest, dir darüber klar zu werden (was nicht wirklich einfach ist.. da man sich das zwar vll gedanklich vorstellen kann.. aber das bedeutet ja dann noch lange nicht, dass man wirklich so fühlt), dass du eig wie auch jeder anderer ein einzigerartiger Mensch bist, der unendlich wertvoll ist. Jemand der Hilfe braucht sollte niemals das Gefühl haben, dadurch zur Last zu fallen.

selinaa
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Re: Einsamkeit

Beitragvon selinaa » 08.09.2015, 20:10

Ich habe auch selektiven mutismus und fühle mich genau wie du

Aunia
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Re: Einsamkeit

Beitragvon Aunia » 18.09.2015, 16:14

Hallo, ich bin 22 und habe auch keine Freunde, was daran liegt, dass ich nicht gut auf Leute zugehen kann oder mit ihnen spreche.

Ich weiß also, wie du dich fühlst.

Marly18
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Re: Einsamkeit

Beitragvon Marly18 » 05.10.2015, 21:17

Hey
Ich erkenne mich total indem was du geschrieben hast wieder.
Wenn du möchtest kannst du dich bei mir melden.
Liebe Grüße
Marly18

lh1234
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Registriert: 19.02.2016, 19:06

Re: Einsamkeit

Beitragvon lh1234 » 20.02.2016, 09:32

Ein herzliches Hallo aus Hanau.

Auch ich leide seit meinem 4. Lebensjahr an selektivem Mutismus (wie ich später erfahren habe). Da gab es einen speziellen Auslöser, den ich euch später einmal schreibe.

Ich habe zu dem Thema ein "Gedicht" geschrieben: Es heißt

Schweigen heißt Leiden

Von meinem Problem will ich Euch heute berichten
und weil es schöner klingt, deshalb ein wenig dichten.

Es ist nicht Fetischismus oder Alkoholismus -
nein - mein Problem ist eine Form des selektiven Mutismus.

Noch nie gehört, werdet Ihr Euch jetzt denken - und was soll das sein?
Ging mir genauso - es ist ein Wort aus dem alten Latein.

Erst im April 2009 - mit 45 Jahren
habe ich von dieser Erkrankung endlich erfahren.

"Mutus" heißt stumm
und wenn man darunter leidet, mehr als dumm.
Es beeinträchtigt das Leben ungemein
weit mehr als ein Leben ohne Führerschein.

In dieser Welt geht vieles nur mit Konversation
und wenn Du nicht sprichst wie es Hape Kerkeling als Evje van Dampen beschreiben würde
"ne beschissene Situation".

Es ist leider keine Halluzination
es kommt einem vor wie eine Amputation.

Es klingt unglaublich - ist aber leider wahr:
Die Sprache ist bei Mutisten oft einfach nicht da.

Zitat Michael Lange:
"Ich wollte, ich wäre wie ihr
doch unendlich schwer fällt es mir,
auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen.
Sie umgeben mich, diese Mauern aus Glas,
kann durchgucken, aber sie kaum durchdringen.

Ich fühle mich unter Druck, habe Angst zu versagen
das ist oft schon im Vorfeld ein Grund zu verzagen.
Eine Katastrophe sind für mich private Gespräche und sämtliche Feierlichkeiten dann
wenn ich nicht auf Spiele oder ähnliches ausweichen kann.
Die Stummheit wirkt arrogant und als ob man nicht interessiert sei an seinem Gegenüber.
Die Stimmung wid dann immer trüber und trüber.
Wie ein Idiot kommt man sich dann vor - da hilft Dir auch nicht viel Humor.

Auch was für andere ist selbstverständlich
Wünsche äußern, jemanden bitten oder zu fragen
ist für mich nur schwer oder gar nicht möglich.

Ein Traum von mir ist, das Gespenst Mutismus zu besiegen und bekannt zu machen -
dafür werde ich kämpfen.
Und in einem Traum hat mir Barack Obama versprochen, mir dabei zu helfen!

...

Wer dein Schweigen nicht versteht, der versteht auch deine Worte nicht!

...

Es gibt zum Glück auch Internetfreundschaften.

Wir wissen, wie wir uns fühlen und wie sehr uns die Situationen belasten. Das ist die perfekte Grundlage für eine Freundschaft, auch wenn wir uns nicht persönlich sehen.

Liebe Grüße: Uli

(wenn ihr wollt, auch gerne persönlich mehr)

Kristall-Mia
Neues Mitglied
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Beiträge: 1
Registriert: 11.06.2019, 08:45

Re: Einsamkeit

Beitragvon Kristall-Mia » 11.06.2019, 08:48

Hi, wie sieht es denn heute aus? Der Beitrag ist ja schon etwas älter, hat sich was gebessert? In 4 Jahren kann einiges passieren, oder eben auch nicht.

Ich bin 21, ich weis noch nicht genau was ich habe, aber es geht gegen Richtung Autismus und Mutismus, bis heute Sexuell unerfahren, single und relativ Alleine, Kontakte habe ich durch viel Glück gefunden, selbst jemanden ansprechen könnte ich niemals.


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