Reden klappt jetzt, aber.......

Wie denken (ehemalige?) jetzt erwachsene Mutisten über ihr Leben? Bestehen Restängste? Welche Lebenserfahrungen wurden gemacht?

Moderator: Elfa

Maikäfer
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Reden klappt jetzt, aber.......

Beitragvon Maikäfer » 07.07.2019, 07:06

Hallo!
Vor einigen Monaten habe ich hier darüber geschrieben, daß bzw. wie ich es dann geschafft habe, mit B. zu reden :P . Das funktioniert auch , d.h. diese Sperre ist weg,die mich früher immer vom Sprechen abgehalten hat, ich muß mir keinen Schubs mehr geben um was zu sagen. Nachdem ich noch ziemlich lange damit zu kämpfen hatte, war es vor einigen Wochen soweit, daß ich mit noch einer anderen Schwester reden konnte. Inzwischen sind es insgesamt 5, es werden nach und nach immer weitere dazukommen, denn wie gesagt, die Sperre ist weg, es geht ganz einfach, und es ist auch nicht mehr schlimm für mich, wenn jemand sagt, wie toll es ist, daß ich jetzt rede. Früher dachte ich immert, ich könnte das nicht aushalten, sonst hätte ich es vielleicht schon viel früher versucht. Aber vielleicht hätte ich es früher auch nicht ausgehalten.
Also eigentlich alles gut. Das Problem ist nur, wenn ich mich mit einer der Schwestern unterhalte, dann traue ich mich immer nicht was zu fragen wenn es um "Privates" der Schwestern geht. Ich habe dann immer das Gefühl, ich würde in fremden Sachen rumwühlen, obwohl es Dinge sind, über die sie selbst von sich aus reden. Eine Schwester z.B. erzählt immer voller Stolz von ihrem ersten Enkel, der jetzt einige Monate alt ist. Sie hat mir auch schon einige Fotos von ihm gezeigt. Neulich habe ich mich dann endlich mal überwunden, zu fragen, wie er heißt. Wenigstens was, aber ich hatte trotzdem Angst, daß die Frage irgendwie aufdringlich sein könnte. Dabei weiß ich doch, wie stolz E. auf ihren Enkel ist und gerne von ihm erzählt. Und sich sicher auch freut, wenn jemand Interesse daran zeigt. Wenn man in einer Unterhaltung nichts fragt sieht das doch eher wie Desinteresse aus!
Überall sonst, mit völlig Fremden, die mich nicht kennen, kann ich schon länger ganz normal reden, auch Fragen stellen und alles, sogar streiten wenn es sein muß, ohne mich einschüchtern zu lassen. Alles kein Problem, da merkt keiner mehr, daß mit mir mal"was nicht gestimmt hat". Aber warum kann ich das nicht bei den Schwestern, die mich schon lange kennen ? Kann mir jemand einen Tipp geben, wie das besser wird, und ich nicht immer das Gefühl habe, zu neugierig oder aufdringlich zu sein? Das wäre echt super, ich möchte mich doch endlich ganz normal und ohne Anspannung auch mit den Schwestern unterhalten können.
Vielen Dank schon mal,
von Maikäfer :D

sternschildkroete
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Re: Reden klappt jetzt, aber.......

Beitragvon sternschildkroete » 07.07.2019, 10:29

Hallo Maikäfer,

einen Tipp habe ich nicht - aber ich kenne das Problem sehr gut. Ich habe zehn Jahre benötigt, meinem Psychiater das erste Mal eine Frage zu stellen (und die war noch nicht einmal sehr persönlich) und dann auch zu fragen, ob er in der Praxis eine Toilette hat. Den Tag meiner ersten Frage habe ich echt gefeiert. Ich habe dann versucht, zunehmend zum Thema passende Gegen- und Rückfragen einzustreuen und so zu üben.
Im privaten Bereich kämpfe ich immer noch mit dem Spagat. Ich habe Sorge, Grenzen zu überschreiten und "in deren Privatleben einzudringen", wenn ich persönliche Fragen (und sei es nur nach dem Befinden) stelle. In meinem Kopf tönt es dann immer "Wenn die Leute das erzählen möchten, werden sie es von selber tun." Gleichzeitig möchte ich allerdings gerne durch Fragen auch mein Interesse bekunden und es interessiert mich wirklich. Aber es fällt mir sehr schwer bzw. ich kann es dann nicht, bin gehemmt/geblockt durch die Sorge, Grenzen zu überschreiten.
Also Tipps habe ich leider auch keine; auch kein Regelwerk, was man darf und was nicht

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Stille Stärken
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Re: Reden klappt jetzt, aber.......

Beitragvon Stille Stärken » 07.07.2019, 10:31

Meine eigene Erfahrung als Erwachsene auf dem Weg raus aus den Sprechblockaden ist:
Was du gerade beobachtest, ist Teil des Weges. Und du kommst prima voran. :-)

Dass es mit neuen Leuten viel unkomplizierter, persönliche Fragen zu stellen, ist als mit denen, die uns gut kennen, ist normal. (Übrigens auch bei Leuten, die nie Sprechblockaden hatten. Die "nahen" Menschen sind generell die, mit denen wir uns viele Gedanken über unsere Wirkung machen. Die Neuen lösen hingegen fast automatisch Interesse - und damit ehrlich interessierte Fragen - aus.)

Vielleicht kannst du ja bei einer Begegnung mit der Schwester mal so tun, als ob du sie mit "neuen Augen" kennen lernst und mit "neuen Ohren" zuhörst. Und du achtest dann auf die Kleinigkeiten in ihrem Erzählen, die dir bisher nicht so aufgefallen sind. Wie ihre Stimme klingt... Oder wie ihre Augen leuchten, wenn sie das Foto ansieht... Oder wie sie sich wohl fühlen wird, während sie von ihrem Enkelchen schwärmt...

Damit strahlst du automatisch ganz viel Interesse aus. Sie wird unbewusst wahrnehmen, dass du sehr präsent bist. Und im Grunde ist es dann egal, ob du etwas fragst oder ob du weiter zuhörst. Denn du bist "ganz da" als Gesprächspartnerin.

Wenn dein Interesse spontan einen Satz in dir weckt, dann sagst du ihn. Wenn du ganz und gar im Zuhören bleiben möchtest, dann bleibst du mit allen Sinnen und Gedanken bei dem, was die Schwester erzählt.

Der Trick - wenn es denn einen gibt - ist: Deine Aufmerksamkeit ist ganz bei deiner Gesprächspartnerin. Und bist "ganz Ohr" und fühlst dich ein in ihre Erzählung. Und falls dann Worte in dir aufsteigen, lässt du sie ins Gespräch einfließen. Wenn nicht, dann nicht.

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Re: Reden klappt jetzt, aber.......

Beitragvon Sonnenblume » 07.07.2019, 11:28

Hallo Maikäfer,
das Problem,nach etwas ganz Privatem zu fragen kommt sehr oft vor bei sel. Mutismus,ebenso wie auch private Sachen von sich preis zu geben. Eigentlich ist das sogar eine sehr positive Eigenart, denn auch ich finde heute noch recht aufdringliche Leute schrecklich, die nur neugierig nach meinem Privatem sind. Somit bin auch ich eher zurückhaltend darin und dränge mich niemandem auf. Beruht das aber auf gegenseitigem Interesse, heißt ich werde etwas gefragt und merke,den Jenigen interessiert es wirklich, ICH interessiere ihn , fällt es mir auch immer leichter mich solchen Themen zu öffnen, fasste Vertrauen. Im Gegenzug kann ich auch Fragen stellen.
Schnell merkt man aber, ob einem Leute nur ausfragen oder aushorchen wollen oder echt interessiert, dann versuchen sie auch zu helfen mit Rat oder Tat. Jemand nach etwas ganz speziell zu fragen, gar ganz Privates finde ich auch mit die höchste Stufe bei der Überwindung des sel. Mutismus, wenn man dies sich bildlich als Treppe vorstellt, auf deren oberster Stufe ein völlig freies, ungehemmtes, selbstbestimmtes, Leben steht.
LG ;-)
Unterschätze mich nicht. Nur weil ich still bin.
Ich weiß mehr als ich erzähle,
denke mehr als ich spreche und bekomme mehr mit, als du denkst!

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Re: Reden klappt jetzt, aber.......

Beitragvon Maikäfer » 08.07.2019, 19:21

Hallo!
Vielen Dank für Eure Antworten :D ! @ Sternschildkröte: Ja, genau so geht es mir, allerdings habe ich keine Probleme von mir selbst was zu erzählen, wenn jemand fragt.
@ Sonnenblume: Eigentlich müßte es gerade bei B. inzwischen besser sein, denn mit ihr rede ich nicht nur am längsten, wir schreiben uns auch übers Handy, private Sachen, da kann ich auch fragen und alles. Aber ich will ja nicht weiter immer nur schreiben sondern reden. :D Wahrscheinlich brauche ich einfach noch mehr Geduld. Es fällt mir nur so schwer, die zu haben, denn gerade mit B. rede ich jetzt ja schon über ein halbes Jahr, deswegen ärgert es mich, daß das immer noch nicht so richtig ist. :( Wahrscheinlich hat es was damit zu tun, daß ich öfter erleben mußte, daß plötzlich wie aus heiterem Himmel, jemand der nett zu mir war, und von dem ich dachte, daß wir Freunde wären oder werden könnten, nichts mehr von mir wissen wollte. Und da ich immer nie erfahren habe warum, habe ich natürlich bei mir die Schuld gesucht. Jetzt ist es eben so, daß irgendwie Angst davor habe, daß die Schwestern jetzt, wo ich rede, merken, daß ich ganz anders bin als sie bisher geglaubt haben, und ihnen nicht gefällt, was sie jetzt kennenlernen. Natürlich weiß ich, daß das Blödsinn ist, denn sonst hätte auf jeden Fall B. schon den Kontakt übers Handy eingestellt und würde nur noch das Nötigste mit mir reden. Was nicht der Fall ist. Ich weiß, daß sie mich wirklich mag, auch wenn ich nicht verstehen kann warum, denn sonst war ich eigentlich allen immer nur lästig, vor allem meiner "Familie". Für die habe ich wahrscheinlich den gleichen Stellenwert wie Unkraut: lästig, nervig, zu nichts zu gebrauchen und einfach nur überflüssig.
Aber inzwischen kann ich das glauben, auch bei vielen anderen Schwestern glaube ich jetzt, daß sie nicht nur freundlich zu mir sind, weil das zu ihrem Beruf gehört, sondern weil sie mich mögen. Und sie sind erwachsen, keine Kinder oder Jugendliche, also ist so ein Verhalten bestimmt nicht von ihnen zu erwarten, es sei denn, man macht wirklich was ganz Schlimmes, Unverzeihliches. Trotzdem habe ich Angst. :(
Und dann spielt es sicher auch eine Rolle, daß ich während der Behandlung im Bett liege, die Schwestern aber natürlich stehen. Da kommt man sich immer irgendwie unterlegen vor. Ich habe schon gemerkt, daß es besser ist, wenn ich auch stehe, also vor oder nach der Behandlung. Es sind wohl viele Kleinigkeiten, die zusammenkommen. :) Aber wenn ich zurückdenke bin ich doch schon SEHR weit gekommen. Zuerst z.B. konnte ich nur was sagen, wenn ich gefragt wurde, jetzt auch schon von alleine :D Ich muß wohl einfach mehr Geduld haben.
Gestern bin ich auf die Idee gekommen, ob ich vielleicht B. mal (schriftlich :D übers Handy) fragen sollte, ob sie findet, daß ich anders bin als sie früher geglaubt hat. Auch wegen dem Schreiben übers Handy kennt sie mich ja jetzt viel besser, weiß jetzt einiges mehr über mich, was früher natürlich nicht möglich war, weil ich ja nie was von mir erzählen konnte, und wenn ich was gefragt wurde, nur mit Nicken oder Kopfschütteln antworten konnte. Es würde mich einfach mal interessieren, ob sich für B. bestätigt hat, was sie dachte, was für ein Mensch ich bin, oder ob sie jetzt der Meinung ist, daß ich ganz anders bin. Aber das ist wohl keine Gute Idee, oder? Oder sollte ich das mal versuchen? Was meint ihr? Jedenfalls mag sie mich immer noch, also kann es so schlimm nicht sein :lol: :wink:

@Stille Stärken: Vielen Dank füpr Deine Tipps, das hört sich für mich für durchführbar an :D. Ich werde es auf jeden Fall versuchen, und ich werde auch versuchen, nicht mehr darüber nachzudenken, ob ich jetzt was sagen soll oder nicht, denn das ist gar nicht gut. Zu Hause kann ich das ja auch, einfach was sagen wenn ich was sagen will. Und den Mund zu halten wenn nicht. Und Du hast recht, ich bin auf einem guten Weg und schon wahnsinnig weit gekommen :D Ich muß nur mehr Geduld haben. Und B. weiß, daß es noch nicht so richtig ist wie ich es gerne hätte, das habe ich ihr vor Kurzem geschrieben. Sie hat schon so viel Geduld gehabt, und jetzt kann man ja schon richtig mit mir reden, also brauche ich mir schonmal keine Sorgen machen, daß sie irgendwann keine mehr hat :D . Und die anderen Schwestern wissen ja auch, daß es nicht so einfach für mich ist, sie haben sicher Verständnis.
Viele Grüße von
Maikäfer :D


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