Wir haben den "Berg" überwunden

Bitte hier über Mutismus,insbesondere über Mutismus bei Kindern und Jugendlichen, diskutieren.

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Samtpfote
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Wir haben den "Berg" überwunden

Beitragvon Samtpfote » 08.11.2019, 09:17

Hallo Liebe Foris,

einige kennen meine Geschichte mit meiner großen Tochter und ihrem sel. Mutismus den sie seit dem KIndergarten hat und der dann mit 6 Jahren in der Kinder-und Jungendpsychatrie diagnistiziert wurde.
In der Schulzeit gab es viele Probleme, Schwierigkeiten mit Lehrern, extreme Probleme in Mathe, ätlichen Terminen beim Kinder- und Jugenpsychiater (den meine Tochter absolut nicht mochte... :lol: ), kleine Erfolge wurden von der Schule kaum gewürdigt und wir Eltern wurden immer wieder zu Therapien gedrängt.
2 mal haben wir einen Therapieversuch gemacht. Der 1., mit 8/9 Jahren, war bei einer Heilpädagogin, welche in der Praxis unseres Kinderpsychiaters intigirert war. Nach 6 Monaten wurde die Therapie vom Psychiater beendet, weil es laut seiner Aussage kein wirkliches Vorankommen gab.
Der 2. Versuch war dann in der 6. Klasse dann (auch auf drängen der Schule) bei einer Ergotherapeutin die sich speziell mit Mutismus auskennt und die wir auf der Homepage der Mutismus Selbshilfe Deutschland gefunden haben (mittlerweile ist die Therapeuten dort nicht mehr aufgeführt!). Diese Therapie ging leider völlig in die Hose und meine Tochter war durch den "Zwang" diese Therapie machen zu müssen völlig gestresst, sodass sie einige Lebensmittelunverträglichkeiten entwickelt hatte. Diese Theapie haben wir dann nach dem 1. Rezept dann abgebrochen.
Sie hat die ganzen Jahre über immer wieder kleine Erfolge erreichen können, aber in der Schule mit den Lehrern zu reden, oder sich im Unterricht beteiligen zu können, dies ging nicht.
In der 6. Klasse wechselte sie auf eine spezielle Hör-Sprachschule. Das "Krankheitsbild" war dort nicht unbekannt und sie kam in eine Klasse in der ein weiteres Mädchen mit sel. Mutismus war. Nach 2 Wochen gab es Erfolge und sie sprach mit ihrer Klassenlehrerin und dann noch mit einer weiteren Lehrerin bei der sie Nähen hatte. Auch im Unterricht beteiligte sie sich etwas. Es sah gut aus. Nur leider nicht im Fach Mathematik. Daorin hatte sie ernorme Schwierigkeiten, sodass die Schule empfahl das meine Tochter im Halbjahr runter in die 5 Klasse wechselt, weil dort mit einem Gemeinschaftschulprinzip gearbeitet wird und sie da in den schwachen Fächern (Englisch war auch nicht so prickelnd) in ihrem Tempo individueller Arbeiten und Lernen kann.
Mit schweren Herzens, Tränen und der Befürchtung das ihre Sprecherfolge dadurch verstummen würden, haben wir zugestimmt.
Mit dem Schulstoff klappe es besser und sie hatte auch mal in Mahe kleine Erfolge und wurde dank ihrer otimistischen Klassenlehrerin Ende der 7.Klasse als Hauptschule gestuft. So hatte sie die Chance einen richtigen Schulabschluss absolvieren zu können.
Aber mit dem Sprechen gab es keinerlei Forschritte mehr (zumindest nicht in der Schule, privat schon). Sie redete mit keinem einzigen Lehrer.
Dies blieb dann auch bis zu ihrem Schulabschluss so. Die Lehrer versuchten immer mal wieder uns zu einer Therapie zu überreden, aber anch der letzen Versuch, wollten wir diesen Stress unserer Tochter nicht mehr antun und beharrten darauf das sie es alleine schaffen wird. Die Schulpsychologin wurde sogar eingeschaltet, zu der wir und auch sie paar mal antanzen mussten. Ein Musiktherapeut versuchte in der Schule sein Glück bei ihr. Ohne Erfolg.
Nun hat sie diesen Juli ihren Hauptschulabschluss geschafft und in die mündlichen Prüfungen durfte sie diese per Whatsapp-Audio und Video absolvieren. Dies funktionierte, aber direkt mit den Lehrern reden, das ging nicht.

Die große Ausbildungfrage haben wir selbst gelöst, nachdem es klar war das sie in den Mode und Nähen gehen möchte (dies hat sich schon in der 6. Klasse angefangen zu zeigen). Die Schule und das Arbeitsamt waren da leider überhaupt keine Hilfe und konnten uns in der großen runden Beratungsrunde rein gar nichts in diesem Bereich an Ausbildungsmöglichkeiten vorschlagen oder anbieten.
Zum Glück war meine Tochter bei dem Besuch einer Ausbildungmesse in der 8. Klasse aufmerksam und hat dort eine Modedesingn-Schule bei uns in erreichbarer Nähe gefunden und sich Infomaterial mitgenommen.
Diese Schule wurde dann auch zu ihrer einzigen Möglichkeit eine Ausbildung im Bereich Mode und mit einem Hauptschulabschluss machen zu können.
Es ist zwar eine sehr teure Privatschule, aber wenn es keine Alternativen gibt..... :roll: :roll: :roll: ????

Und jetzt?????????????
Ja, sie hat nun im September die Ausbildung zur Modedesignerin an dieser Schule angefangen und hat den großen "Berg" "Sprechen und Normal" sein anscheindend überwunden.
Dort in der Schule redet sie mit allen Lehrkräften, der Schuleitung und antwortet auch bei Fragen wenn sie im Unterricht dran genomen wird. Sie scheint dort eine völlig "normale" Schülerin sein. Sie ist zwar ruhiger und Schüchterner, aber das darf sie auch sein. Sie ist ja mit ihren 16 Jahren die allerjüngste an der Schule. Die meisten sind dann zwischen 17 und 22 Jahren in ihrem Semester.
Und auch bei Besuchen in ihrer alten Schule kann sie nun mit den dortigen Lehrkräften reden und erzählen, als wäre nichts gewesen. Leider hat sie ihren alten Klassenlehrer noch nicht angetroffen, der würde wohl komplett aus allen Wolken fallen.... :D :D :D .

Wir sind froh das sie ihren Weg geschafft hat und wir daran geglaubt und festegehalten haben, das alles gut werden wird, und das wir uns nichts haben aufdrängen lassen, was wir nicht mit uns und der Familie vereinbaren konnten!!!!

Ich hoffe ich kann mit dieser Geschichte einigen Mut machen und sie bestärken auf ihr eigenes Bauchgefühl zu hören und das man auch in den schwierigen Zeiten und Phasen nicht aufgeben sollte.

Ich bedanke mich auch für die vielen Tipps, Anregungen und vorallem die Aufmunterungen hier im Forum :) :) :)

LG Samtpfote

NinaO
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Re: Wir haben den "Berg" überwunden

Beitragvon NinaO » 08.11.2019, 13:56

Hallo samtpfote,

mir geht diese Odyssee schon sehr nah, einmal weil ich an mich denken musste, wie Schule für mich war und als ich als Person aufblühte als ich in den Beruf ging. Zwar schüchtern und auch Probleme mit den Pausen und essen, schätzten mich die Kollegen sehr und mir machte das "Arbeiten" sehr viel Spaß. Nun begleite ich wieder ein autistisches Kind, welches die Schule zurzeit absolut verweigert und Aversionen gegen Papier und Stifte verstärkt hat. Die Eskalation begann als seine vertraute Schulbegleitung von heute auf morgen wegfiel. Ich bin im engen Kontakt zu den Eltern, aber von der Lehrerseite gibt es keinerlei Vorbereitung oder Inklusionsarbeit mehr. Das Kind kommt momentan nur noch 2 Stunden auf die er sich einlässt, um aus dem Bett und Haus kommen zu können. Es scheint niemand die Eltern ansatzweise zu verstehen und entlastend wirken zu können. Ich bin da bisher komplett auf mich allein gestellt. Nun haben wir mal in einer Förderschule hospitiert und dieser Lehrer war hoch einfühlsam und hat ihn tatsächlich gewonnen, etwas zu arbeiten. Die Mutter hat sich daher entschieden, ihn dort anzumelden. Und ich glaube, es ist wirklich die naheliegenste Schnelllösung. Gestern war er bei einem Termin und ich war wieder an einer mir bekannten Schule zur Vertretung. Ich war wieder mal entsetzt, traurig und enttäuscht, wie dort das gesamte Klima "verseucht" ist. Es gibt kaum entspannte Lehrer, die in irgendeiner Form Lust, Freude oder Humor zeigen. Ständig eskaliert es unter Schülern, von denen man es überhaupt nicht denken kann. Es ist ein gegenseitiges Tadeln und anblaffen. Hier scheinen fast alle Schüler ähnlich aggro zu sein, dass mir schlecht werden könnte. Wie schaffen das die Kinder bloß? Tja, womöglich hat sich gar nicht so viel verändert. Vlt erlebte ich dies selbst schon so als Kind in der Schule und bin deshalb so still gewesen, denn dieses Buhlen ist und wird nichts für mich. Daher ist Schule der schlimmste Ort, der viel an der Persönlichkeit eines Kindes zerstören kann und die Leier es sind die Eltern kann ich nicht mehr hören. Schreien Lehrer Kinder an oder machen Sprüche, du hälst dich da raus und Kinder machen dies dann ähnlich untereinander, wer hat da von wem gelernt? Nur wir Erwachsenen sind eigentlich in der Lage, solche Verstrickungen aufzulösen, wenn man sie erkennt, bespricht und lockerer damit umgeht. Aber Kinder gehen einfach mit uns mit oder einen rebellischen Weg oder "verschwinden", aber produktive Lösungen könnten sie einfach nicht in Gang bringen.
Schule muss man tatsächlich ein paar Jahre irgendwie "meistern" und dann kann es zu einer großen Wende kommen, wenn man das Glück hat, etwas zu tun, was man mag. Ich bin dem Internet sehr dankbar, dass man sich selbst informieren kann. Auf Ämter, Schulen, Lehrer ... zu warten kann sehr lange dauern. Wenn wir nur klagen, wird sich so schnell nichts ändern. Deshalb ist es gut, nebenbei selbst aktiv zu werden, egal was andere wieder dagegen sagen.

So, reicht erstmal. Ein bisschen von der Seele geschrieben.

VG
Nina Onawa

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Re: Wir haben den "Berg" überwunden

Beitragvon Sonnenblume » 08.11.2019, 16:03

Hallo Samtpfote,
das ist ja sehr erfreulich zu lesen! Es zeigt mal wieder was mit Geduld und
Beharrlichkeit alles erreicht werden kann und mit dem Hören auf's Bauchgefühl.
Ich bin mir fast sicher, dass die Chance welche die Tochter erhielt ihren Wunschberuf zu erlernen
den größten Ausschlag bei diesem riesen-Fortschritt gab.
Ja, es ist fast wie bei mir damals, als ich - immer mein Ziel vor Augen- mutig Schritt
für Schritt darauf zu ging.
Auch ist wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen überhaupt eine Chance bekommen eine geeignete Ausbildung zu absolvieren, im besten Fall ihre Wunschausbildung auf dem 1. Bildungsweg.

Ich denke aber auch , dass euer Bericht hier sehr Vielen Mut macht, auch Vielen, die nur still mitlesen. Es sollte überhaupt viel mehr solcher Positivbeiträge geben.

Danke--und weiterhin viel Erfolg der Tochter auf ihrem Weg!

VG, Heike ;-)
Unterschätze mich nicht. Nur weil ich still bin.
Ich weiß mehr als ich erzähle,
denke mehr als ich spreche und bekomme mehr mit, als du denkst!

_._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._._
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Re: Wir haben den "Berg" überwunden

Beitragvon Hyazinthe » 08.11.2019, 21:18

Hallo NinaOnawa,

darf ich fragen, was Dich mit dem Thema 'Autismus' verknüpft bzw. qualifiziert, um als Schulbegleiterin für autistische Kinder zu arbeiten? Ist es die Einsicht, dass auch bei Dir Asperger-Syndrom und Selektiver Mutismus verknüpft sind? (was ja bei Mädchen häufiger der Fall zu sein scheint als bei Ausprägungsarten der Jungen, darum sind hier die Autismus-positiven Diagnosen auch häufiger, während Mädchen eher als 'nur' mutistisch gelten). Ich finde es interessant, dass Du ebenfalls nicht nur Nahtodeserfahrungen hast, sondern auch mit autistischen Kindern arbeitest. Bedenklich finde ich dagegen, dass Du anscheinend meinst, autistische Kinder wären auf der Förderschule besser aufgehoben. Das ist gerade bei den intelligenteren nicht so. Und Mobbing ist kein Privileg von Regelschulen. Dass Lehrer an Regelschulen sich nicht darum scheren, ist ein Problem ihrer Persönlichkeit, das kann an Förderschulen genauso auftreten. Zwar gibt es hier mehr Personal mit 'Helfersyndrom', das macht sie aber nicht zu besseren Menschen oder gar Lehrern.

Viele Grüße!

P.S.: Über Autismus kann sich heute jeder informieren, dafür muss man nicht auf Förderschul-Lehramt studiert haben wie ich. Es gibt gute Fortbildungen! Gerade auch im Bereich Sprachheilpädagogik werden kundige Leute angeheuert und das Thema inzwischen nicht mehr ignoriert. Z.B. Herr Harald Matoni.

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Re: Wir haben den "Berg" überwunden

Beitragvon Hyazinthe » 08.11.2019, 21:37

Hallo nochmal,

ich weiß, wie aufreibend und anspruchsvoll die Arbeit als Schulbegleiter(in) sein kann, meinen tiefen Respekt vor dieser Tätigkeit! Es kam vielleicht etwas flapsig von mir rüber, bestimmt wurde schon viel von Dir probiert. Vielleicht ist der 'Fall' ähnlich wie einer, an dem ich gerade dran bin - aber ich gebe den Jungen nicht auf, auch wenn er nicht mehr als drei Stunden täglich schafft, am Unterrichtsgeschehen teilzunehmen und den Rest von der Schulbegleiterin (während ihrer Krankheit von seiner Mutter) weiter in einem separaten Raum unterrichtet wird. In Amerika gibt es Hausunterricht, da kräht kein Hahn nach. Finde ich nicht ideal, aber hierzulande wird viel zu schnell aufgegeben und statt gelebter Inklusion versucht, die Sonderschulen vollzustopfen. Für ein intelligentes Kind ist das nichts. Das Kind von dem ich spreche hat zum Beispiel eine mathematische Hochbegabung. Was wäre wohl aus Einsteins Relativitätstheorie geworden, wenn es damals schon 'Förderschule' gehießen hätte?

NinaO
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Re: Wir haben den "Berg" überwunden

Beitragvon NinaO » 09.11.2019, 14:54

Hallo Hyazinthe,

keine Ahnung, wo ich geschrieben haben soll, dass autistische Kinder an Förderschulen besser aufgehoben sein sollen.
In einem Beitrag wie hier kann man nicht alles so aufschreiben, wie es tatsächlich war. So wie du es wiedergegeben hast, habe ich es gar nicht erlebt; dann war mein Beitrag missverständlich. Ich begleite das Kind erst seit den Herbstferien täglich 2 Unterrichtsstunden und das auch nicht regelmäßig. Die Lehrkräfte sind hilflos und bereiten sich nicht mehr vor. Das Kind lehnt schon seit Monaten alles ab. Ich "unterrichte" es dann selbständig in einem Lehrmittelraum, soweit etwas möglich war. Deshalb habe ich die 2 Hospitationstage an der Förderschule als sehr hilfreich wahrgenommen, weil der Lehrer in eine minimale Kooperation zum Kind gehen konnte. Ich hoffe, dass wir nun gemeinsam als Team in kleinen Schritten den Schüler wieder fürs Lernen öffnen können. Es scheint auch gar nichts mehr mit dem Autismus als solches zu tun zu haben, sondern mit traumatischen Dissoziationen und Verstärkung von Zwängen. Ich finde es sogar sehr traurig, dass es keine Zusammenarbeit mit Psychologen oder Psychotherapeuten oder Ergotherapeuten gibt, auch keine besonderen Räumlichkeiten (an der aktuellen Schule). Das möchte ich gar nicht alleine auflösen und begleiten.

Ansonsten ist kaum jemand als Schulbegleiter qualifiziert, wir schöpfen aus zig anderen Berufszweigen und letztendlich aus Erfahrungen und dem Austausch untereinander.
Meine Vita kannst du sicherlich unter Amazon finden. Ich schließe mich aber eher Sokrates an, ich weiß einfach nichts ...

VG
Nina Onawa

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Re: Wir haben den "Berg" überwunden

Beitragvon Hyazinthe » 10.11.2019, 07:31

Hallo NinaO.,

ich finde es nicht so schlimm, dass es keine geregelte Ausbildung für Schulbegleiter gibt, die autistische Kinder begleiten, weil die meisten super engagiert sind und gegen viele Missstände in ihren Schulen (z.B. wie Du sagst, dass an der Regelschule kein Zimmer für Dich und das Kind organisiert wurde bzw. die Schulleitung sich verweigert hat) ankämpfen müssen. Wenn eine Schule sich weigert, ein (diagnostiziertes, die Dunkelziffer an undiagnostizierten ist sehr hoch auch wenn oft getan wird, als sei Autismus-Spektrum-Störung eine 'Modediagnose') besonderes Kind mit seinen Potenzialen zu fördern, dann 'stinkt' der Fisch oft vom Kopf her, das heißt, ich habe viele engagierte Schulleitungen erlebt und eben auch das Gegenteil. Oft hilft (in hartnäckigen Fällen, nein, ich meine nicht das betroffene Kind oder die Eltern) eine Autismus-Beratung, die von der Schulaufsichtsbehörde, zumindest in meinem Bundesland, tätig werden kann und vermittelt. Wichtig ist bei allem aber ein Grundverständnis für Autismus, und das bedeutet, dass man seine Weisheiten nicht aus Tory-Haydn-Büchern ableitet und nicht versucht, irgendwas Psychodynamisches in Autismus reinzuprojizieren. Zwänge und Rückzug (auch innerlich in 'Träumereien') sind ein Weg für autistische Menschen, den chronischen Stress, unter dem sie aufgrund ihrer speziellen Wahrnehmungssituation stehen, abzufedern. Ich habe kürzlich ein Buch empfohlen, dass ich für sehr nützlich halte. Aber man kann natürlich keinen zwingen, es zu lesen. Genauso wie man keinen von außen dazu bewegen kann, sich eigenen autistischen Anteilen zu stellen. Autisten sind vor allem eins: Menschen. Und sie zeigen typische Verhaltensweisen, die Menschen in Extremsituation zeigen, das ist die Aussage des Buches von Prizant/Fields-Meyer. Es ist tatsächlich schwierig, wenn jeder sich sein Süppchen zusammenbraut, ich besuche z.B. regelmäßig Fachtagungen. VG! 'Hya'

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Re: Wir haben den "Berg" überwunden

Beitragvon Hyazinthe » 10.11.2019, 17:25

Hallo nochmal,

ich weiß natürlich viel zu wenig über diesen Fall oder dieses Kind (Alter z.B....). Aber es las sich für mich so, als ob die Förderschule für alle die bequemste und scheinbar richtige Lösung gewesen ist und das Kind gespürt hat, dass ihm von Anfang an keine Chance gegeben wurde auf Inklusion. Schließlich gibt es - wenn eine Schule das Kind 'fallen lässt', was ja offenbar so war, wie Du geschildert hast - noch zahlreiche andere Möglichkeiten. Auch eine Förderschule kann eine Möglichkeit sein. Daneben gibt es noch Privatschulen (das Schulgeld wird öffentlich gefördert, wenn es Sinn macht), oder auch Fernschulen, je nach Alter des Kindes kommt auch das in Frage. Dass ein Kind sehr an einer Schulbegleiterin hängt zeigt, dass sie einen guten Job gemacht hat. Die Zeit nach den Herbstferien war zu kurz, um sich davon zu 'berappeln' und um zu Dir eine Beziehung aufbauen zu können, reichten die zwei Stunden pro Tag wohl auch nicht aus. Schade, dass Inklusion einfach so torpediert werden kann, darum ist es umso wichtiger sich auszutauschen und das kann zum Beispiel über den Besuch von Fachtagungen, Fortbildungen usw. gelingen. Der Verein Autismus Deutschland bietet so etwas an. Viele Grüße!

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Re: Wir haben den "Berg" überwunden

Beitragvon Hyazinthe » 11.11.2019, 07:24

...vielleicht könnte auch die Organisation, bei der Du als Schulbegleiterin tätig bist, zusammenlegen und eine Inhouse-Fortbildung beim Dipl. Psychologen H. Matoni buchen. Der Mann hat nicht nur Unterhaltungswert sondern ist kompetent, hat zum Beispiel schon immer vor unseriösen und gesundheitsgefährdenden 'Therapiepraktiken' gewarnt, wie etwa der 'Darmsanierung'. Oder dem Unsinn, eine Masernimpfung sei schuld. Ich habe Verständnis dafür, wenn man den Aufwand scheut, zu einer Fortbildung hinzufahren, oft müsste man sich auch noch extra dafür frei nehmen.


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